“Journalisten sind faul – das bleibt aber unter uns”

Spannungsfeld "Kommunalpolitik und Medien" - darüber diskutierten und informierten Rainer Neubert vom Trierischen Volksfreund (links) und Eric Thielen vom trier-reporter. Foto Gabi Böhm

Spannungsfeld “Kommunalpolitik und Medien” – darüber diskutierten und informierten Rainer Neubert vom Trierischen Volksfreund (links) und Eric Thielen vom trier-reporter. Foto Gabi Böhm

TRIER. Welchen Einfluss haben Medien in der Kommunalpolitik? Gibt es Unterschiede zwischen der klassischen Tageszeitung und Online-Medien? Fragen wie diesen gingen in einem offenen Uni-Workshop zum Thema Kommunalpolitik rund 50 Teilnehmer nach. Als Referenten waren Rainer Neubert, Chefreporter beim Trierischen Volksfreund, sowie Eric Thielen, Herausgeber des trier-reporter, dabei.

Von Gabi Böhm

Um es vorweg zu nehmen: Die personell hochinteressant besetzte Veranstaltung litt unter einem Zeitproblem. Komplex die Themenfelder “Kommunalfinanzen” mit Alex Licht, stellvertretender Vorsitzender der CDU-Fraktion oder “Demografischer Wandel” mit Winfried Manns, Vorstand des Gemeinde- und Städtebundes von Rheinland-Pfalz. Als der ehemalige Konzer Bürgermeister das verbale Zepter an Bernhard Busch weiterreichte, war bereits der Zeitrahmen gesprengt. Das hinderte den Bürgermeister der Verbandsgemeinde Ruwer freilich nicht, den geplanten Abriss über die Schulentwicklungsplanung in der VG zu geben.

Interessant seine Ausführungen zu den einzelnen Schulstandorten, die – insbesondere abhängig von komplexen Wechselwirkungen und politischem Willen – expandieren oder von Schließung bedroht sind. Dies wiederum hat erhebliche Folgen für das Einkaufsverhalten von Bürgern oder das Dienstleistungsangebot der Kommune. Vor dem Hintergrund der demografischen Entwicklung müsse man sich an “Ausdünnungsprozesse” gewöhnen, meinte Busch. Gedanken über Rückbauten von Schulen oder Umwandlungen von Klassenräumen in Seniorenwohnungen also, die “für Parteipolitik nicht geeignet” seien, so Busch. Ein frommer Wunsch für ein spannungsgeladenes Thema, das von dem moderierenden Professor Wolfgang H. Lorig, Gastautor des trier-reporters, folgerichtig als “Minenfeld” erklärt wurde.

“Man kann nicht über alles schreiben”

Als Ausgangspunkt für das Thema “Medien und kommunale Öffentlichkeit” diente die Masterarbeit von Simon Lauer, der mit einer Powerpoint Präsentation seine Erkenntnisse über Medien und Öffentlichkeit in kommunalen Entscheidungsprozessen vorstellte. Die Fallstudie war am Beispiel der Stadt Saarbrücken aufgestellt: Wenig Kritik in der regulären Berichterstattung, wenn Kritik, dann hauptsächlich nur in Kommentaren, Kolumnen oder Leserbriefen waren einige der Ergebnisse der Masterarbeit.

Er bedauere, dass niemand von der Saarbrücker Zeitung bei der Veranstaltung anwesend sei, meinte Rainer Neubert. Zwar gehört der Trierische Volksfreund zur selben Verlagsgruppe. “Allerdings machen wir vieles anders.” Inwieweit lokale Medien Politik machen und ob es eine Personalisierung der Berichterstattung gebe, wollte Lorig wissen. “Politik machen wir nicht, das ist nicht unser Job!”, meinte Neubert. Es gebe beim Volksfreund eine klare Trennung von einem nachrichtlichen Bericht und Kommentaren. Allerdings habe sich das Leseverhalten geändert: Leser wollten unterhalten werden, wofür das so genannte “Feature” als Format diene. Als Nachberichterstattung beispielsweise einer mehrstündigen Gerichtsverhandlung habe der Redakteur allerdings die Aufgabe, zusammenzufassen und zu vereinfachen. Also doch ein erster Schritt in Richtung Kommentar?

Eric Thielen, Herausgeber des trier-reporter und langjähriger Print-Redakteur, widersprach Neubert in diesem Punkt: “Natürlich machen Medien Politik!” Das ergebe sich zwangsläufig aus der Auswahl der Themen, die getroffen werden müsse, aus dem Platzmangel der Printmedien und dem Redigieren von Pressemitteilungen (“Was streiche ich raus, was ergänze ich?”). “Personen machen Politik, daher erscheinen Personen auch im Fokus!”, sagte Thielen unter zustimmendem Gemurmel der Zuhörer. Es gebe einen klassischen Unterschied zwischen Tageszeitungen wie dem Trierischen Volksfreund, Magazinen wie dem Spiegel, der schon immer kommentierend geschrieben habe, und den neuen Online-Medien. “Hier erwarten die eher jüngeren Leser, dass auch kommentierend geschrieben wird”, sagte Thielen.

Der offene Workshop "Brennpunkte der Kommunalpolitik" auf der Trierer Uni war gut besucht. Foto: Gabi Böhm

Der offene Workshop “Brennpunkte der Kommunalpolitik” auf der Trierer Uni war gut besucht. Foto: Gabi Böhm

Man könne nicht über alles schreiben, räumte Neubert ein. Von 40 Tagesordnungspunkten im Stadtrat müsse man das heraussuchen, “was den Leser interessiert und für ihn wichtig ist”. Anhand von Umfragen ermittele der Volksfreund ständig die leserrelevanten Themen. Das stieß auf Kritik in der Studi-Gemeinde. Eine Studentin beschwerte sich über die Berichterstattung, die Entscheidungsprozesse vorwegnehme oder sie beeinflussten. “Da kann man morgens im Volksfreund lesen, wie man abends im Stadtrat am besten den Finger hebt! Die Zeitung sollte sich ihrer Verantwortung bewusst sein!”, forderte sie. Allerdings hat diese Form der Berichterstattung für den Leser den höheren Nachrichtenwert, informierte Simon Lauer. Der klassische Leitartikel früherer Zeiten in Form von These, Antithese und Synthese sei heute weitgehend verschwunden, bestätigte Thielen.

Nochmals ein heißes Eisen packte Lorig kurz vor Ende der Veranstaltung an. “Inwieweit nehmen politische Akteure direkt oder indirekt Einfluss auf die Berichterstattung?” In überschaubaren Städten wie Trier, wo bekanntlich jeder jeden kennt, entsteht durch die persönliche Nähe zu Politikern nicht selten ein erheblicher Einfluss auf Art und Inhalt der Berichterstattung. “Das ist ein großes Problem”, sagte Thielen. “Wenn man über einen Kommentar jemanden angreift, kann es passieren, dass er einen dann schneidet.” Ein guter Lokaljournalist müsse nah dran sein, sagte auch Neubert. Nicht jeder Journalist schaffe es aber, die nötige Distanz zu wahren. “Je länger er dran ist, desto größer ist die Gefahr. Dann wird es Zeit, dass er mal was Anderes macht!” Leider gebe es auch beim Volksfreund auch unerfahrene freie Mitarbeiter. Ein Satz, der sofort von einem Studenten aufgegriffen wurde. Er beschwerte sich über den Umgang mit Text- und Fotomaterial, der vom Volksfreund falsch zugeordnet und sinnentstellend zusammengestrichen worden sei.

“Wir nehmen mit, dass Journalisten faul sind”, fasste Lorig augenzwinkernd den Nachmittag zusammen. “Das bleibt aber unter uns.” (gb)


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Erstellt am Autor Gabi Böhm in Featured, Gesellschaft 2 Kommentare

2 Kommentare zu “Journalisten sind faul – das bleibt aber unter uns”

  1. Agnes Tillmann-Steinbuß

    Dass Journalisten (wie viele andere Menschen) auch faul sein können, war für mich nur eine unwichtige Randbemerkung – keinesfalls eine Zusammenfassung der zentralen Themen dieser hervorragenden Veranstaltung mit den Schwerpunkten

    Kommunalfinanzen,
    Demografischer Wandel,
    Schulentwicklungsplanung,
    Medien und Politik.

    Mein herzlicher Dank git Prof. Dr. Wolfgang H. Lorig für die Organisation und Leitung, den Referenten (Winfried Manns, Bernhard Busch und anderen) und den Studierenden. Ich habe viele gute Anregungen für die praktische politische Arbeit bekommen. Nur ein Gegengewicht zu dem schwarzen Landtagsabgeordneten (der sehr parteipolitisch argumentierte) hätte ich mir noch gewünscht.

    https://plus.google.com/+AgnesTillmannSteinbu%C3%9F/posts/6ggEc2dfXaD

     
  2. Agnes Tillmann-Steinbuß

    Nachtragen möchte ich aber, dass die These der Überschrift

    ″Journalisten sind faul – das bleibt aber unter uns″

    der wichtigste Satz ist, den ich mir vor Augen halte, wenn ich mit Journalisten zu tun habe (bei meiner ehrenamtlichen politischen Arbeit).

     

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