Komplexe Herausforderungen in einer urbanen Stadt

Nach fünf Jahren als Vorstand der Lebenshilfe Trier verlässt Wolfgang Enderle am 31. Mai die Moselstadt und geht zu seiner Familie nach Bayern. Fotos: Rolf Lorig

TRIER. “Ich hatte viel Glück in meinem Leben. Ein Glück war, dass man sich in Trier für mich entschieden hat.” Der Mann, der das sagt, sitzt auf gepackten Koffern. Am Freitag, 31. Mai, wird er Trier verlassen. Knapp fünf Jahre war Wolfgang Enderle der Vorstand des Vereins “Lebenshilfe Trier”. Aus “familiären Gründen” kehrt er der Mosel nun den Rücken und geht zu seiner Familie nach Bayern. Und dass, obwohl der Aufsichtsrat dem Vorstand einen neuen Vertrag mit einer Laufzeit von acht Jahren angeboten hatte. Rolf Lorig hat den umtriebigen Manager besucht und mit ihm über Vergangenes und Zukünftiges gesprochen.

Das Büro von Wolfgang Enderle auf dem Gelände des früheren Arbeitsamtes in der Schönbornstraße ist klein und entspricht so überhaupt nicht den Vorstellungen, die man von einem Vorstandsbüro hat. Ein Schreibtisch, davor ein kleiner Besprechungstisch mit einigen Stühlen. Auf den Fensterbänken kleine Blumenstöcke. Und direkt neben seinem Schreibtisch in der Fensternische eine Ausgabe der “Bachblüte”. Das ist ein gut aufgemachter Elternbrief der Lebenshilfe-Kita “Am Bach”. Hinter dem Besprechungstisch künden einige gepackte Kartons vom bevorstehenden Auszug des Büroinhabers.

Dass Wolfgang Enderle aus dem Schwabenland kommt, verrät die Klangfarbe seiner Stimme, die eine gewisse Gemütlichkeit vermittelt. Doch wer diese Gemütlichkeit auf die ganze Person überträgt, macht einen Fehler. Der 55-Jährige mag zwar die Berge und auch die Gemütlichkeit, jedoch nicht in seinem beruflichen Leben. Da setzt er sich gerne intensiv mit den Dingen auseinander, achtet nicht auf die Uhr. Was mit ein Grund dafür ist, warum seine Frau und die fünf Kinder in Bayern leben: “Wären sie hier in Trier, hätten sie vermutlich auch nicht viel mehr von mir, weil ich gedanklich oft abwesend und damit bei meiner Arbeit wäre”, verrät Enderle. Die Wochenend-Heimfahrt mit der Bahn war bislang für ihn die beste Lösung: “Die Fahrtzeit habe ich zur Nach- und Vorbereitung genutzt. Wenn ich dann zuhause ankam, war ich nur noch für meine Familie da, da gab es keine Ablenkung mehr.”
Möglicherweise hat diese Zeit zuhause nicht mehr ausgereicht. Es wird seine Gründe haben, dass Wolfgang Enderle nun seine Lebenssituation verändert. “Das Leben ist Bewegung”, sagt er, und damit hat er zweifellos Recht.

“Akademisch geprüfter Kommunikationsberater”

Bewegung bestimmte auch sein bisheriges Leben. 23 oder 24 Jahre, so genau kann er das nicht mehr sagen, lebte er in Faurndau, einem beschaulichen Vorort von Göppingen. Der Vater kam aus dem schwäbischen Teil Bayern, die Mutter war eine vertriebene Sudetendeutsche. Wolfgang Enderle studierte Sozial- und Wirtschaftswissenschaften, später kam noch ein weiteres Studium im Bereich der Psychologie dazu, das er mit dem Titel “Akademisch geprüfter Kommunikationsberater” abschloss. Ein Studium, das ihm nach eigenem Befinden in seinem Berufsleben viel geholfen hat.

Nach dem Studium stand die erste Entscheidung an: “Gehe ich in die Politik oder in die Leitung eines Unternehmens?” In Ravensburg gab es eine Landratsstelle zu besetzen, zudem lockte im Europäischen Parlament eine Aufgabe. Doch in der Politik sah der junge Wolfgang nicht seine Zukunft: “Ich kannte die Möglichkeiten der Mitwirkung im politischen Bereich. Da habe ich mich lieber auf Unternehmensführung konzentriert.”

Auch wenn Wolfgang Enderle seine Zukunft noch nicht kennt – die der Lebenshilfe Trier weiß er bei Heiko Reppich in den besten Händen.

Dass es dann der soziale Bereich war, den Enderle als Tätigkeitsfeld für sich erschloss, hing mit dem Studium der Sozial- und Wirtschaftswissenschaften zusammen. Da ging es vor allem um die Frage: “Wie können soziale Organisationen überhaupt zielorientiert ausgerichtet werden?” Eine Frage, die Enderle wegen ihrer Komplexität sofort ansprach: “Ein ’normales’ Unternehmen erschien mir fast zu wenig komplex. Die Komplexität im sozialen Bereich ist dagegen enorm hoch.” Womit die berufliche Zukunft geklärt war. Enderle leitete soziale Werkstätten in Bayern, im Vorarlberg und Tirol (“Da war bei einer ‘Special Olympics’ Arnold Schwarzenegger zu Gast; aus der Familie seiner Ex-Frau stammt die Idee zu Special Olympics”) und im Chiemgau. Er war Werkstatt-Leiter, Geschäftsführer und Berater. Bis er dann Trier für sich entdeckte: “Bis dahin war ich vor allem im Arbeitsbereich tätig. Hier in Trier kam das Wohnen dazu. Ferner gibt es hier Kitas und eine Schule sowie einen familienentlastenden Dienst.” Das war für Enderle eine deutlich komplexere Herausforderung, der er sich stellen wollte. Also reichte er seine Bewerbung ein und wurde zum Vorstellungsgespräch eingeladen. Der Rest ist Geschichte.

Wie hat Wolfgang Enderle die Menschen hier erlebt? Der Vorstand muss nicht lange nachdenken: “Es gibt hier eine große Grund-Entspanntheit. Hier lässt es sich sehr gut leben: eine tolle, urbane Stadt mit einer großen Kultur und einem guten Wein.” Der ist dem Manager wichtig, denn Bier ist überhaupt nicht sein Ding: “Das schmeckt mir nicht.”

Gutes Geld für gute Arbeit

Wenn er an seine Mitarbeiter denkt, wird die Zufriedenheit direkt sichtbar: “In den fünf Jahren musste ich nur zwei Kündigungen aussprechen.” Und Kündigungen entgegennehmen? “Das waren auch nur wenige, die waren alle finanziell motiviert.” Ja, da ist es, das Problem Luxemburg. Fluch und Segen zugleich. Er könne die Menschen verstehen, die dort arbeiten: “Wenn ich bis zu 40% netto mehr verdienen kann, dann ist das schon ein Thema.” Gerade für junge Familien, die möglicherweise bauen wollen. Für Enderle muss das kein Abschied für immer sein: “Wenn die ihr Häuschen zum großen Teil bezahlt haben und wieder zurück in die Heimat wollen, werden wir uns mit Sicherheit über ihre erneute Bewerbung freuen.”

Nicht erst seit seinem Studium weiß Wolfgang Enderle um die Bedeutung des Einkommens. Gute Arbeit soll auch gut entlohnt werden, findet er. Und führte deshalb zum 1. Januar 2017 wieder die Entlohnung nach Tarifvertrag ein: “Vorher hatten wir einen Hausvertrag. Danach hatten einzelne Mitarbeiter monatlich 200 – 300 Euro brutto mehr auf der Gehaltsabrechnung.” Obwohl diesbezüglich Rechtssicherheit bestehe, sei die Lebenshilfe Trier bislang die einzige Einrichtung in Rheinland-Pfalz, die diesen Schritt unternommen habe.

Möglicherweise wurde Enderles Entschluss durch ein Erlebnis in seiner Trierer Anfangszeit motiviert. Als er hier seine Arbeit aufnahm, fand er eine heikle Situation vor: “Es gab Versäumnisse der Führung bei der Verhandlung der finanziellen Mittel, die wir für unsere Aufgaben von staatlicher Seite aus bekommen. Diese Gelder müssen von Zeit zu Zeit angepasst werden, genau das war aber nicht geschehen. Und weil die Schere deshalb immer weiter auseinanderklaffte und immer weniger Geld für die Arbeit reinkam, kürzte man in seiner Not einfach das Gehalt der Mitarbeiter.”

“In NRW zahlen Kollegen schon Fangprämien für gute Leute”

Wo liegen für ihn die Herausforderungen der Zukunft? Die sieht er vor allem im Mangel an Fachkräften. Bei der Lebenshilfe in Trier sei die Situation noch relativ entspannt im Vergleich zu anderen Einrichtungen im Land. Mit ein Grund dafür sieht Enderle in den hier ansässigen Ausbildungsinstitutionen. Dennoch sei auch hier die Zahl der Bewerber deutlich rückgängig. Eng sei es beispielsweise in Nordrhein-Westfalen: “Da zahlen die Kollegen schon Fangprämien für gute Leute.” Begegnen könne man der Situation nur, wenn sinnvolle Arbeitsinhalte mit einer fairen Bezahlung verbinde: “Dann wird es auch künftig attraktiv bleiben, für Menschen mit Behinderung zu arbeiten.” Und dafür gebe es einen weiteren Grund: “Die Lebensfreude, die man bei dieser Arbeit vermittelt bekommt, ist inhaltlich tief befriedigend und gesellschaftlich sinn- und wertvoll.” Genau in diesem Aspekt sieht der Vorstand auch einen Weg, um dem zunehmenden Egoismus in der Gesellschaft zu begegnen: “Es gibt auch in unserer Zeit ein Bedürfnis nach dem Du, nach dem Wir. Dieses Bedürfnis ruht in uns. Das Ich ist oberflächlich und nicht nachhaltig oder tragfähig.”

Kurz vor Enderles Weggang konnte die Lebenshilfe mit Unterstützung des Partners IFA neue Wohnräume in der Paulinstraße beziehen

Und wie hat der die Unterstützung durch die Stadtverwaltung erlebt? Jetzt wägt Enderle seine Worte sogfältig ab, spricht von dem nicht vorhandenen Füllhorn, das nicht über der Stadt ausgeschüttet werden kann. Er hat eine komplexe Verwaltung erlebt, “die finanziell ausgeblutet ist und am Rande ihrer personellen Kräfte steht.” Auch die Zersplitterung der Zuständigkeiten in den einzelnen Dezernaten gefällt ihm nicht, ebenso wenig wie die Tatsache, dass man dort untereinander offenbar nicht genug miteinander spricht. Das habe dazu geführt, dass manche Dinge nicht so rasch vorwärtsgekommen seien, wie er sich das eigentlich gewünscht habe. Aber, so will er seine Kritik sofort relativieren, das sei Jammern auf hohem Niveau. Und ja, Trier sei eine soziale Stadt mit einer enormen Vielfalt an sozialen Angeboten. Natürlich gebe es da noch Luft nach oben: “Mehr echte Entscheidungsträger, die den Kontakt zu den Sozialorganisationen suchen und mehr Zuverlässigkeit im Dialog.” Eine Schuldzuweisung an die Menschen will Enderle damit nicht vornehmen. Den Grund des Übels sieht er vielmehr im System, das die jeweiligen Personen in ihrer Arbeit einbremse.

Eigentlich hatte Wolfgang Enderle noch so viel vor. Der europäische Gedanke ist ihm wichtig, er wollte den Kontakt hier im Vierländereck mit benachbarten Einrichtungen suchen. Die Lebenshilfe braucht noch mehr Kitas, noch dringender mehr barrierefreien Wohnraum. Hier verweist der Vorstand auf eine lange Liste von Menschen mit Behinderungen, die dringend eine Wohnung suchen.

Aufgaben, die nun sein Nachfolger – der Norddeutsche Heiko Reppich wird zum 1. August 2019 seinen Dienst als neuer Vorstand antreten – angehen muss. Reppich und Enderle waren elf Jahre ein Team, arbeiteten in unterschiedlichen Funktionen in mehreren Einrichtungen eng zusammen. Und fast wäre es in Trier zu einer Reunion gekommen. Doch dann traf Enderle seinen Entschluss und nun wird aus der einstigen Nummer Zwei die neue Nummer Eins in Trier.

Eine neue Stelle, einen neuen Vertrag in Bayern, hat der Noch-55-Jährige, noch nicht. Für ihn tritt jetzt erst einmal seine Familie an die erste Stelle. Dass er nach einer Pause wieder weiterarbeiten wird, daran lässt der Mann mit dem großen Gestaltungswillen keinen Zweifel. Ob das als Berater, Geschäftsführer oder erneut als Vorstand der Fall sein wird – das ist im Moment noch völlig offen. Aber Enderle weiß sehr wohl, dass gerade vor dem Hintergrund des neuen Teilhabegesetzes Führungskräfte mit Gestaltungswillen und -vermögen dringend gesucht werden. Kein Grund also für ihn, sich Sorgen um die eigene Zukunft machen zu müssen.


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Erstellt am Autor Rolf Lorig in Featured, Gesellschaft Hinterlasse einen Kommentar

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