Kürenzer sollen sich mit Workshop einbringen

Der Haupteingang in der Brühlstraße. Hier deutet noch nichts auf den Abriss hin. Fotos: Rolf Lorig

TRIER. Mehr als 100 Jahre, von 1912 bis Ende 2014, prägte das Walzwerk das Bild des Ortsteils Kürenz. Als der letzte Besitzer, der indische Stahlhersteller Tata Steel, das Werk schloss, ging damit eine lange Epoche zu Ende. In Spitzenzeiten hatten hier bis zu 500 Menschen gearbeitet. Zwar wechselte das Werk noch einmal den Besitzer, 2015 übernahm die Trierer Unternehmensgruppe Triwo das Gelände, doch die Metallverarbeitung war ein für allemal Geschichte. Geht es nach den Plänen des neuen Besitzers, wird an dieser Stelle schon in gut zwei Jahren neuer Wohnraum zur Verfügung stehen. Aktuell werden die alten Fabrikationshallen abgerissen. Doch dagegen wehrt sich die neu ins Leben gerufene Bürgerinitiative (BI) “Quartiersentwicklung Walzwerk Kürenz“.

Ein Beitrag von Rolf Lorig

Der Vorsitzende der BI ist Pascal Schubbe, der grüne Verkehrsexperte Ole Seidel sein Stellvertreter. Schubbe ist Architekt. Und er ist mit seinem Anwesen in der Nellstraße ein Nachbar des Walzwerks. Als er vom geplanten Abriss des Walzwerks erfuhr, wollte er es erst nicht glauben. Weshalb, so fragte er sich, reißt man ein Stück Industriegeschichte einfach ab, statt es zu erhalten?

Peter Adrian ist in Trier kein Unbekannter. Der Präsident der IHK Trier ist Vorstand und Mitinhaber der Triwo AG. Mit Immobilien und Vermögensverwaltung verdient der studierte Volkswirt sein Geld. Unter seiner Leitung hat sich das Unternehmen auf die Entwicklung von Gewerbe- und Industrieflächen spezialisiert. Unter dem Dach der Triwo AG als inhabergeführte Aktiengesellschaft investiert die Triwo Unternehmensgruppe vornehmlich in Produktions-, Lager-, Logistikimmobilien, Büro- und Handelsimmobilien, Industrie-/Gewerbe- und Technologieparks sowie in Sonderimmobilien wie beispielsweise den Flugplatz Zweibrücken. “Etwa 90 Prozent unserer Projekte befinden sich außerhalb von Trier”, umreißt Peter Adrian seinen Wirkungsraum. Das Kürenzer Walzwerk gehört zu den verbleibenden zehn Prozent.

Pascal Schubbe und Ole Seidel von der Bürgerinitiative diskutieren mit Peter Adrian und Projektleiter Lars Kollmann (von links).

Pläne, die zerplatzten

Für das Walzwerk hatte Peter Adrian anfangs Pläne, die auch Pascal Schubbe und seiner BI gefallen hätten. Entweder auf Zeit oder dauerhaft wollte Adrian einen Teil der Gebäude der Stadt Trier zur Verfügung stellen. Denn zum damaligen Zeitpunkt war die Zukunft der Europahalle noch fraglich. Ungeklärt auch, wo und wie das Theater für die Dauer der Sanierung spielen würde. Und schließlich gab es da noch die Tufa. Ein Gebäude, das für Veranstaltungen von der Deckenhöhe her nicht wirklich geeignet ist.

Adrians Vorschlag an die Stadt klang verlockend: Die Triwo baut auf dem Gelände des Walzwerks ein Parkhaus und übernimmt dessen Bewirtschaftung. Das Theater zieht entweder dauerhaft oder aber auch nur für die Zeit der Sanierung ins Walzwerk, das ebenfalls als Spielstätte für die Europahalle genutzt werden kann. Und auch die Tufa zieht nach Kürenz um, die alte Tuchfabrik wird saniert und in eine Wohnimmobilie umgewandelt. “Wir hätten in dem Fall einen Teil der alten Hallen stehen gelassen und in ein kreatives Kulturzentrum im Stil der früheren Phönix-Halle, heute Halle 45, in Mainz umgewandelt.”

Pläne, die Kürenz zum Mekka der Trierer Kultur gemacht hätten. Doch dann kam alles anders. Die Europahalle kann mit einem relativ geringen Kostenaufwand für eine weitere Zeit zukunftssicher gemacht werden, das Theater kann als zweite Spielstätte auf die Europäische Kunstakademie ausweichen und der Vorstand der Tufa weigerte sich, aus dem angestammten, wenn auch sanierungsbedürftigen Gebäude auszuziehen.

Damit waren der Triwo die potenziellen Mieter von der Fahne gegangen, und die Architekten des Unternehmens mussten neu planen. Und bei diesen Planungen gab es für die alten Hallen nun keinen Platz mehr, der Abrissauftrag wurde erteilt.

Als die Bagger anrückten, war die Überraschung in Kürenz groß. Denn dort waren viele Bürger davon ausgegangen, dass die alten Fabrikhallen unter Denkmalschutz stehen. Ein Irrtum, was Baudezernent Andreas Ludwig gegenüber dem reporter bestätigt: “Der Abriss ist genehmigungsfrei.” Bis Ende des Jahres, so sieht es der Plan vor, soll bis auf zwei Wohnhäuser und die alte Energiezentrale des Walzwerkes alles abgerissen sein.

Die alte Energiezentrale in der Nellstraße soll erhalten bleiben.

Fragestunde für die Kürenzer Bürger

Die Bürgerinitiative aber gibt nicht auf. Gemeinsam mit seinem Stellvertreter Ole Seidel sucht Pascal Schubbe am Mittwoch um die Mittagszeit den Triwo-Chef in seinem Büro auf. Eine Stunde zuvor hatte war hier bereits ein anderer Kürenzer zum Gespräch gesessen: Ortsvorsteher Bernd Michels. Für Peter Adrian kein seltener Gast: “Wir stehen in einem engen Kontakt.” Der Besuch des Ortsvorstehers hatte ebenfalls das Walzwerk als Grund: Am Mittwoch, 28. November, tagt um 20 Uhr der Ortsbeirat. Für um 19 Uhr ist eine Bürgerfragestunde anberaumt, zu der auch die Triwo eingeladen ist. Da Firmenchef Adrian zu diesem Termin verhindert ist, wird Projektmanager Lars Kollman den Bürgern und den Kommunalpolitikern Rede und Antwort stehen.

Triwo-Chef Adrian begrüßt an diesem Mittwoch das Gespräch mit den beiden BI-Vorsitzenden. Die Pläne des Unternehmers sind den Besuchern bekannt: Die Triwo will nach dem Abriss mit einem zweistelligen Millionenbetrag einen Mix aus neuem Wohnraum (“Es besteht in Trier ein hoher Bedarf an bezahlbaren Wohnungen in der Größe 3-4 ZKB.”) und gewerblich nutzbaren Räumen wie Büros errichten. Rund 45.000 Quadratmeter Grundfläche stehen dafür zur Verfügung. Wobei die Gewerbeflächen in Richtung Bahn als Lärmriegel entstehen sollen.

Auch zum Thema Verkehr gibt es erste Überlegungen. Eine Quartiergarage sei vorstellbar, sagt Projektleiter Lars Kollmann. Nach den Vorstellungen der Triwo müssen nicht vor jeder Wohnung zwei Autos stehen. Ein autofreies Quartier will aber hier (noch) niemand ausrufen: “In Trier braucht man das Auto”, sagt Peter Adrian. Genau Hinweise erhofft sich die Triwo von den Verkehrssachverständigen der Firma R+T aus Darmstadt, die eng mit der Trierer Stadtverwaltung zusammenarbeitet. Dass die Triwo dieses Unternehmen beauftragt hat, kommt nicht von ungefähr: “Wir wollen hier nicht gegen die Interessen der Stadt handeln”, stellt Adrian klar.

Gegen das Vorhaben an sich hat die BI keine Einwände. Doch es gibt einige Forderungen, die man gerne erfüllt hätte. Der Abriss der Hallen soll gestoppt werden, um die verbleibende Bausubstanz möglicherweise noch nutzen zu können, lautet der wichtigste Punkt. Was man sich denn konkret vorstelle, will Adrian wissen. Die BI hätte gerne einen Bau, der als Sporthalle oder aber als Veranstaltungshalle genutzt werden könne, lautet die Antwort. Dafür hat der Triwo-Chef Verständnis. Er kann sich den Neubau einer entsprechenden Halle durchaus vorstellen. Das komme billiger und sei für den Betrieb auch sinnvoller, als mit dem verbleibenden Abbruchrest zu arbeiten. Eine solche Halle könne ebenfalls als Lärmriegel an der Bahnstrecke gebaut werden.

Von der Nellstraße aus sind die Abrissarbeiten deutlich sichtbar.

Workshop unter Einbeziehung der BI

Damit aber ist Pascal Schubbe nicht einverstanden, er will ein Stück Industriekultur erhalten. Ole Seidel sucht nach einem Kompromiss, schlägt vor, Teile der alten Fassaden in die Neubauten zu integrieren und so den Symbolcharakter, der für die Bürger des Alt-Kürenzer Stadtteils ein Identifikationsobjekt sei, zu erhalten. Der Stellvertreter weist darauf hin, dass Alt-Kürenz dringend einen Ortsmittelpunkt braucht, der sich auf dem Walzwerkgelände befinden sollte. Es sei auch ein wichtiges Anliegen der BI, die Interessen der Kürenzer Bürger bei den kommenden Planungen mit einbringen zu können.

Diesem Anliegen will sich Peter Adrian nicht verschließen und schlägt einen Workshop unter Einbeziehung der BI vor: “Noch ist bei uns nichts in Stein gemeißelt, es gibt noch kein Erschließungskonzept, wir sind für alle kreativen Anregungen offen.”

Das nimmt BI-Vorsitzender Schubbe zum Anlass, den Triwo-Chef auf das Walzwerk Pulheim aufmerksam zu machen: “In einer kleinteiligen Entwicklung hat man dort die alte Bausubstanz erhalten und Ateliers, Arztpraxen, ein TV-Studio (‘Bares für Rares’) sowie Restaurants geschaffen und das Ganze mit einer Wohnbebauung ergänzt.”

Für Projektleiter Lars Kollmann kommt diese Idee aber zu spät. Der Abriss sei schon zu weit fortgeschritten, bei einem Stopp müsste die Abrisskante mit einem nicht unbeträchtlichen Kostenaufwand gesichert werden.

Am Ende des Gespräches zeigt sich Peter Adrian verhandlungsbereit. Er sagt zu, sich mit einem persönlichen Besuch auf der Baustelle ein Bild zu machen, ob und was an Bausubstanz noch erhalten werden kann. Das Ergebnis will er der den beiden BI-Vorsitzenden dann in den kommenden Tagen mitteilen.

Die Walzwerk-Historie

Am 18. März 1900 wurde das Walzwerk in der Güterstraße durch die Kaufleute August Kohlstadt und Wilhelm Rautenstrauch sowie den Bankier Adrian Reverchon gegründet. Weil das Werk schon bald zu klein war, folgte 1912 das Werk 2 in der Brühlstraße. 1914 gab es hier 400 Beschäftigte.

1921 erfolgte die Übernahme durch Hoesch, Dortmund; 1982 Verkauf an Hille & Müller Gruppe, Düsseldorf; 1997 und 1999 gab es zwei weitere Veränderungen. Letzter Besitzer war Tata Steel im Jahr 2006; das Ende der Produktion erfolgte Ende 2014; 2015 Kauf durch Triwo (Quelle: 2000 Jahre Trierer Wirtschaft (IHK) und 50 Jahre Trierer Walzwerk AG )

In Spitzenzeiten hatte das Walzwerk bis zu 500 Mitarbeiter

Das bekannteste Produkt waren die sogenannten “Pillen” – das Innenleben der Ein und Zwei-Euro-Münzen.

Hergestellt wurden hier elektrolytisch veredelte Kaltbänder aus Kupfer, Messing und Zink. Abnehmer waren die Automobil-, Elektro- und Computerindustrie sowie die Baubranche und  Hersteller von Haushaltsprodukten. (-flo-)


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Erstellt am Autor Rolf Lorig in Featured, Gesellschaft Hinterlasse einen Kommentar

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