Leichtigkeit, Dramatik und Theatralik zum Geburtstag

Gut 200 Mitwirkende zählt das Collegium Musicum, das in der früheren Abteikirche St. Maximin dem Freundeskreis der Universität Trier zum 50. Geburtstag gratuliert. Fotos: Rolf Lorig

TRIER. Der Freundeskreis der Trierer Universität hat Geburtstag, er wird 50 Jahre alt. Einer der ersten Gratulanten war am Wochenende das Collegium Musicum, die musikalische Visitenkarte der Trierer Universität. Chor und Orchester hatten eigens aus diesem Anlass zu einem Abend mit den großen italienischen Komponisten Rossini, Puccini, Verdi und Mascagni in die frühere Abteikirche St. Maximin eingeladen. Eine Einladung, die den erhofften Anklang fand. Denn neben 850 Sitzplätzen wurden noch rund 150 Stehplätze verkauft. Für den reporter war Rolf Lorig unter den gut 1000 Konzertbesuchern.

Wer könnte in Sachen italienischer Musik kompetenter sein als ein Dirigent, der selbst neben argentinischen auch italienische Wurzeln hat? Dass Musikdirektor Mariano Chiacchiarini nicht nur wegen seiner Internationalität – er besitzt auch die deutsche Staatsbürgerschaft – ein Glücksfall für die Universität Trier ist, stellte er mit diesem fulminanten Konzertabend einmal mehr unter Beweis.

Verspricht den gut 1000 Zuhörern ein interessantes Konzert: Universitätspräsident Michael Jäckel

Keine Trennung von Orchester und Chor

Die ganze Vielfalt der italienischen Musik – für das etwa 100-köpfige Orchester kein Problem. Der Abend beginnt mit der Ouvertüre aus “La Forza del Desting” von Giuseppe Verdi. Forderndes Blech, einschmeichelnde Klänge von feinen Geigenstrichen und wohltemperiertem Holz. Die zumeist sehr jungen Musiker stimmen mit ihren Instrumenten gekonnt in das Konzert ein, folgen feinnervig dem mal kräftig-fordernden, dann wieder zurückhaltend, immer fein-nuanciertem Dirigat ihres ebenfalls noch jungen, 36-jährigen Dirigenten.

Es folgt das Intermezzo aus “Cavalleria Rustcana” von Pietro Mascagni. Und bevor der Chor auf die Bühne darf, erklingt noch das Intermezzo aus “Manon Lescaut” von Giacomo Puccini. Und dann befinden sich gut 200 Musiker auf der Bühne. Anders als beim zurückliegenden Sommer-Konzert kommt dieses Mal der Chor bereits im ersten Teil zum Einsatz. Damit vermeidet der Chordirektor einen erneuten Bruch, der im Sommer durch die Pause Orchester und Chor von einander trennte. Was schade war, bilden doch Chor und Orchester die Einheit, die das Collegium Musicum erst ausmacht.

Wieder ist es eine Komposition von Puccini, die das Collegium Musicum zu Gehör bringt. Ein Requiem für Chor, Viola und Harmonium. Kein leichtes Stück, äußerste Konzentration ist hier ebenso gefordert wie stimmliche Zurücknahme. Der Chor wird dieser Herausforderung aber ebenso gerecht wie auch das Orchester, das bei diesem Stück von einer Orgel (Jian Cao) und einer Solo-Violine (Valentina Hansjosten) verstärkt wird. Und dann wird es noch einmal richtig schwungvoll: Mit der Ouvertüre aus “La Gazza Ladra” wird das Publikum temperamentvoll in die Pause verabschiedet.

Mit “Stabat Mater”, dem schmerzerfüllten Mariengebet aus dem 13. Jahrhundert, bringt Mariano Chiacchiarini dann einen weiteren Höhepunkt zu Gehör. Mehrere Komponisten haben dieses Gebet vertont, darunter auch Giovanni Battista Pergolesi und Giuseppe Verdi. Bis zu der Vertonung durch Gioachino Antonio Rossini, die 1832 uraufgeführt wurde, galt Pergolesis Werk als Maß der Dinge. Verdis “Stabat Mater” erschien erst 1897.

Hochkonzentriert aber auch hochmotivierend: Mariano Chiaccharini

Leichtigkeit, Schmerz und gefühlvolles Spiel

Doch zurück zum Werk von Gioachino Rossini. Das in zehn Sätze unterteilte “Stabat Mater” war für den italienischen Komponisten ein Ausflug in das geistliche Genre. Die unverkennbare italienische Leichtigkeit der Handschrift des Komponisten findet auch in dieser Komposition ihren Widerhall. Vielleicht gerade deswegen ist Rossinis “Stabat Mater” keine allzu schwere Kost. Zwar verleiht er dem Schmerz der Gottesmutter, die unter dem Kreuz um ihren Sohn trauert, akustischen Ausdruck. Fast schon körperlich ist beim Gesang von Chor und Solisten dieser Schmerz spürbar. Doch das Orchester bewahrt mit seinem gefühlvoll begleitenden Spiel die Komposition und damit auch die Zuhörer vor dem Versinken in eine tiefe Depression.

Nicht zuletzt wegen der bereits angesprochenen italienischen Leichtigkeit steht der Dramatik des Inhalts auch eine gewisse Theatralik – kein Wunder, ist Rossini doch in erster Linie für seine Opern bekannt – gegenüber. Eine erneute Herausforderung, der der Chor als tragender Klangkörper aber auch die Solisten begegnen müssen. Was beim Konzert in St. Maximin scheinbar ohne große Mühe gelingt.

Ein Wort zu den Solisten. Wer seit längerem die Konzerte des Collegium Musicum begleitet, für den sind Silja Schindler (Sopran), Agnes Lipka (Mezzosopran) und Svetislav Stojanovic (Tenor) alte Bekannte. Nicht nur Mariano Chiacchiarini setzt gerne auf Bewährtes. Neu sollte aber in diesem Jahr die Besetzung des Bass-Parts sein. Dafür war Matthias Bein vorgesehen. Ein noch junger Sänger, der seit der aktuellen Spielzeit dem Ensemble des Trierer Theaters angehört. Doch krankheitsbedingt musste Bein passen, kurzfristig kam so der Niederländer Nico Wouterse zum Zuge. Auch er ist in Trier beileibe kein Unbekannter, gab am Theater Trier den Leporello in der Oper Don Giovanni und in einer Inszenierung von Peter Larsen auch den Fliegenden Holländer, um nur einige Höhepunkte zu nennen. Seit 2016 ist Wouterse am Theater Koblenz fest unter Vertrag, der Stadt Trier ist er aber nicht zuletzt durch seine Wohnadresse immer treu geblieben.
Wegen des krankheitsbedingten Ausfalls von Matthias Bein engagierte Mariano Chiacchiarini den Bassbariton ganz kurzfristig am vergangenen Donnerstag. Nico Wouterse zögerte nicht, sagte zu. Eine sehr gute Entscheidung! Nico Wouterse scheint als Bass die optimale Besetzung zu sein: Er füllt mit stimmlicher Urgewalt scheinbar mühelos den schwierigen Konzertsaal, gibt der Komposition die akustische Strahlkraft, die für Rossinis Werke steht.

Vier beeindruckende Solisten: Silja Schindler, Agnes Lipka, Svetislav Stojanovic und Nico Wouterse.

Großartige Solisten erobern die Herzen

Nicht minder überzeugend aber auch die übrigen drei Solisten. Leidenschaft und Gefühl vereinen sich in ihren Gesängen, berühren in Soli, Duetten und gemeinsamen Gesängen die Herzen der Zuhörer. Da wäre zunächst die in Trier lebende Silja Schindler. Die Sopranistin ist der ideale Gegenpart zu Nico Wouterse. Mit ihrer glockenhellen, kraftvollen Stimme weiß sie sich wie ihr männlicher Partner selbst gegen die Wucht von Chor und Orchester zu behaupten. Sehr schön auch die Stimme der Kölnerin Agnes Lipka, die zwar nicht die gleiche Intensität hat, dafür aber angenehm warm eingefärbt ist. Ihr Sopran ist schlanker, feinnerviger. Eine Beschreibung, die in gleichem Maße auf den in Serbien geborenen Tenor Svetislav Stojanovic zutrifft, der scheinbar ohne große Mühe das hohe C trifft. Dass diese vier Solisten trotz ihrer stimmlichen Unterschiede perfekt harmonieren, veranschaulichen insbesondere die Passagen, die von ihnen im Quartett gesungen werden. Das Ergebnis ist Musik, die die Seele streichelt, die die Zeit stehen lässt.

Und der Chor? Chormusik wird in Trier großgeschrieben. Namhafte Chöre gibt es hier einige. Dass der Chor des Collegium Musicum aber zur Spitzengruppe gehört, steht außer Frage. An erster Stelle steht da zunächst einmal das musikalische Können. Aber auch die Bereitschaft zur musikalischen Vielfalt. Was bei den Konzerten zu Gehör kommt, ist Musikgenuss pur. Die Einsätze sitzen, das akzentuierte Sprechen beim Singen lässt keine Wünsche offen, die erforderliche Konzentration auf den Dirigenten könnte besser nicht sein. Natürlich ist das ein Verdienst von Mariano Chiacchiarini, der Chor und Orchester hochkonzentriert führt und selbst kleinste Fehler sofort hört und beseitigt. Doch trotz aller Strenge zeigt er gegenüber den Musikern seine Begeisterung an der Musik, die sich während des Dirigates in seiner Miene spiegelt. Je besser Chor und Orchester klingen, umso entspannter und glücklicher werden seine Gesichtszüge, was sich wiederum sofort positiv auf die Musiker auswirkt, die folglich zu immer besseren Leistungen finden.

Fazit: Einmal mehr hat das Collegium Musicum der Universität Trier die Erwartungen erfüllt, die die Zuschauer in diesen Konzertabend investiert hatten. Und den Freundeskreis der Universität mit einem Konzert beschenkt, das noch lange in Erinnerung bleiben wird. Ein minutenlang anhaltender Applaus von einem überwiegend stehendem Publikum spricht für sich. Jetzt richtet sich der Blick schon wieder nach vorne: Im Sommer steht “A Sea Symphony” von Ralph Vaughan Williams auf dem Programm. Einen Wunsch hat der Musikdirektor für dieses Konzert: mehr Männer. Wer als Bass oder Tenor hier im Chor mitwirken will, der sollte mit dem Collegium Musicum rasch Kontakt aufnehmen. Denn die Proben beginnen schon bald…


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Erstellt am Autor Rolf Lorig in Featured, Kultur Hinterlasse einen Kommentar

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