Literarische und vinologische Überraschungen

Crime & Wine - ein Rezept, das rund 70 Besucher der Stadtbibliothek im Palais Walderdorff zu begeistern wusste. Fotos: Rolf Lorig

Crime & Wine – ein Rezept, das rund 70 Besucher der Stadtbibliothek im Palais Walderdorff zu begeistern wusste. Fotos: Rolf Lorig

TRIER. Zu einem Abend bei ‟Crime & Wine‟ hatten Rainer Breuer und Ursula Dahm, die Herausgeber der deutschsprachigen Krimireihe ‟trèves krimi‟, in die Stadtbibliothek im Palais Walderdorff eingeladen. Rund 70 Frauen und Männer zeigten sich an diesem Rezept interessiert. Sein Kommen musste keiner von ihnen bereuen, ganz im Gegenteil…

Von Rolf Lorig

Es gibt verschiedene Möglichkeiten, wie man einen Abend gestalten kann. Wer sich am Donnerstag für die Einladung in die Stadtbibliothek im Palais Walderdorff entschieden hatte, konnte mit dieser Entscheidung mehr als zufrieden sein. Kurzweilige Krimigeschichten, geschmacklich unterlegt mit süffigen Weinen aus Triers Partnerstadt Ascoli Piceno und aus Neumagen-Dhron, dem ältesten Weinort Deutschlands – den allermeisten Anwesenden bescherte das ein echtes Aha-Erlebnis.

Machen einen Leseabend zum Erlebnis: Ursula Dahm und Rainer Breuer.

Machen einen Leseabend zum Erlebnis: Ursula Dahm und Rainer Breuer.

Dabei hatte Rainer Bräuer im Vorfeld offenbar Bedenken gehabt. Die Eröffnung dieser Veranstaltung findet in der Regel entweder in Berlin oder Leipzig statt. Das Trierer Publikum gelte bei Künstlern oft als schwierig, vertraute er seinen Gästen zu Beginn an. Und ergänzte: ‟Heimspiele sind nicht immer so ganz einfach.” Womit er an diesem Abend aber klar daneben lag. Denn erstens konnte die Veranstaltung durchaus mit der Besucherzahl in der Hauptstadt mithalten, zum anderen trug das Publikum die Akteure des Abends förmlich auf Händen. Wobei das das Ergebnis einer vernünftigen Mischung aus Geben und Nehmen war. Denn die Geschichten, die das Ehepaar für ihre Trierer Gäste aus den eigenen Literaturprodukten ausgesucht hatten, waren ebenso spannend wie kurzweilig.

Autoren aus ganz Deutschland

Seit 15 Jahren gibt es bereits dieses Format, das das Ehepaar entwickelt hat. Die Autoren reichen aus ganz Deutschland ihre Manuskripte ein, liefern dem Verlag ‟éditions trèves‟ so ständig Nachschub für attraktiven Lesestoff. Dass es dabei nicht immer bierernst zugeht, veranschaulichte die erste Geschichte ‟‟Mantis, mantis‟ von Ingo Cesaro, der laut Breuer als der versierteste deutsche Autor von japanischen Haiku-Gedichten gilt. Mit ‟Mantis, mantis‟ hatte Cesaro eine Kurzgeschichte geschrieben, die direkt kafkaeske Züge trug. Es geht dabei um eine Riesen-Gottesanbeterin, die eines Tages aus ihrem Terrarium ausbüxt. Der Besitzer weiß anfangs noch nicht, ob das jetzt wirklich schlimm ist. Doch als erst eine Katze, dann zwei unterschiedlich große Hunde als vermisst gemeldet werden und zu guter Letzt auch noch eine Frau verschwindet, da beschleicht ihn das Gefühl, dass seine Riesen-Gottesanbeterin etwas damit zu tun haben könnte…

Sabine Millen heißt als stellvertretende Leiterin der Stadtbibliothek im Palais Walderdorff Rainer Breuer, Ursula Dahm und Winzer Michael Jüngling willkommen.

Sabine Millen heißt als stellvertretende Leiterin der Stadtbibliothek im Palais Walderdorff Rainer Breuer, Ursula Dahm und Winzer Michael Jüngling willkommen.

Nix für zarte Gemüter, fast schon ein bisschen blasphemisch die folgende Geschichte, die den vielsagenden Titel ‟Ego me absolvo‟ (Ich verzeihe mir, Red.) trug. Akteur ist hier ein Mann, der vom Trierer Lokalfernsehen aus als Prediger agiert. Logischerweise geht es ihm nicht um himmlische Ziele sondern um handfeste finanzielle irdische Interessen. Und auch den Begriff der Nächstenliebe definiert dieser Mensch nach eigenen Regeln – vorzugsweise in enger Zusammenarbeit mit blutjungen willigen Anhängerinnen. Christian Scherber hat diese rabenschwarze Vorlage geliefert und so für beste Unterhaltung beim Publikum gesorgt.

Grotesk-unterhaltend auch der Kurzkrimi von Peter Klusen ‟Opa schläft‟. Es geht um eine Einbrecherfamilie, die durch einen Einbruch unverhofft zu Reichtum gekommen ist. Doch getreu dem Motto ‟Wie gewonnen, so zerronnen‟ nimmt die Geschichte eine ganz andere Wendung…

So richtig blutig – und damit war es auch Zeit für den einzigen, aber vortrefflichen Rotwein des Abends – wurde es bei dem letzten Kurzkrimi des Abends mit dem Titel ‟Angst‟ von Conny Lens. In welche Fallen ein polizeilicher Ermittler tappen kann, führt Lens dem Zuhörer mit seinem Text ganz deutlich vor Augen…

Gut zweieinhalb Stunden dauerte der Abend, der sowohl neue literarische wie auch vinologische Erkenntnisse und Überraschungen mit sich brachte. So wunderte es nicht, dass etliche Zuhörer beim Verlassen des Raumes ihr Wiederkommen zum nächsten Crime & Wine-Treffen im nächsten Jahr ankündigten.


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Erstellt am Autor Rolf Lorig in Featured, Gesellschaft 1 Kommentar

Kommentar zu Literarische und vinologische Überraschungen

  1. Beckmann-Schneider, Ulrike

    Eine großartige Veranstaltung. “Großes Kino”
    und das in Trier!

    Was mich besonders freut? Es ist eine Kulturveranstaltung der Stadt Trier!

    Nach all den negativen Schlagzeilen der letzten Wochen und Monate zum Thema “Theater”, ist solch eine Resonanz mehr als wohltuend.

     

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