“Lustige Weiber”: Altmodischer Stoff, witzig präsentiert

Eine kleine Begebenheit bringt die Veränderung und so werden aus den gelangweilten die “Lustigen Weiber von Windsor”. Foto: Marco Piecuch

TRIER. Wieder hat das Theater Trier sich eines bekannten Klassikers angenommen, der 1849 uraufgeführten Oper “Die lustigen Weiber von Windsor“, nach der gleichnamigen Komödie von William Shakespeare. Das vordergründig als lustiges Possenspiel angelegte Stück ist in der Trierer Inszenierung von Jens Pesel eine unterhaltsame, mit vielen Gags, aber auch berührenden Momenten gewürzte Satire aufs Bürgertum. Eine zu Beginn etwas irritierte Anke Emmerling hat sich für den reporter die Premiere angeschaut…

Der Premierenabend im Trierer Theater birgt am Anfang einige Irritation. Die Sitzreihen sind auffallend licht besetzt, es hätten sicher noch um die 100 Tickets mehr verkauft werden können. Da stellt sich natürlich die Frage, ob das Haus mit dem Stoff, um den es heute geht, vielleicht zu stark in die Mottenkiste gegriffen hat?

Die Rezensentin versucht sich zu vergegenwärtigen, wann sie die Popularität der “Lustigen Weiber von Windsor“ zuletzt bewusst wahrgenommen hat. Das war in den ausgehenden 1960er bis 1970er Jahren, in denen ihre damals jungen Eltern wie auch deren Bekannte die Oper auf Vinyl aus Schallplattentruhen abspielten und Radiosender häufig Falstaffs Gassenhauer ähnliche Trinklieder ausstrahlten.

Bühnenbild: Neckisch, piefig und irgendwie Kurort-Laientheater

Genau an diese Zeit erinnert auch das Bühnenbild der Trierer Inszenierung (Siegfried E. Mayer), das ebenfalls zunächst irritiert. Denn ganz neckisch, piefig und irgendwie nach Kurort-Laientheater sieht die Ansammlung altmodisch historisierter Häuserfassaden aus, die als Pappaufsteller vor kitschig rotem Himmel-Hintergrund als Dorfszenerie angeordnet sind. Zum spießigen Eindruck der braven, Geranien-geschmückten Außenwelt gesellt sich eine klischeehafte “Innenaufnahme“ des bürgerlichen Idylls, die durch Requisiten und Kostüme (Carola Vollath) eindeutig in den 1960er Jahren zu verorten ist: Eine Ehe- und Hausfrau, die sich mit Lockenwicklern auf ihre Repräsentationspflichten an der Seite des Gatten vorbereitet, tötet ihre Langweile mit Sekt aus der üppig bestückten Hausbar.

Ihre Nachbarin hält sich aus den gleichen Gründen derweil mit Hula-Hoop in Form. Plötzlich aber gerät Bewegung in das Leben der beiden Damen, Frau Fluth (Réka Kristóf) und Frau Reich (Janja Vuletic). Beide stellen fest, dass sie einen je gleichlautenden Liebesbrief von Sir John Falstaff, einem verarmten, den leiblichen Genüssen sehr zugewandten Adeligen, erhalten haben. Im ersten, leider etwas zu leise und verhalten geratenen Gesangsduett des Abends empören sich die beiden darüber und beschließen, sich an Falstaff zu rächen. Frau Fluth lädt ihn zu einem Schäferstündchen ein. Frau Reich lanciert die entsprechende Nachricht an den eifersüchtigen Herrn Fluth (Carl Rumstadt) und platzt vor dessen Eintreffen warnend in das beginnende Stelldichein. Falstaff wird in einem Wäschkorb versteckt und in der Mosel versenkt.

Der gewichtige Herr Fallstaff ist ehrlich und direkt, wenn es um seine Bedürfnisse geht.

Regionalbezüge reizen zum Lachen

Ab hier beginnt die Inszenierung Fahrt aufzunehmen und Profil zu gewinnen. Nicht nur, dass in den eigens angepassten Sprechpassagen immer wieder Regionalbezüge zum Lachen reizen (man isst Krumpernschniedscher oder lästert über eine alte Vettel aus Oberemmel…), es jagt eine komische Situation die nächste, ausgefüllt von herrlich ironisch überzeichneten Charakteren. Deren wuchtigster ist Falstaff, gespielt von Karsten Schröter. Gewichtig machen ihn nicht nur die tiefe Bassstimme und ein dicker Bauch, sondern vor allem seine Rolle. Falstaff ist ein bekennender Lebemann, galant, wenn es sein muss, aber auch ehrlich und direkt, wenn es um seine Bedürfnisse geht. Seine Schwächen, Alkohol, Frauen und Geld machen ihn in dieser Geschichte zum Gefoppten, zum Außenseiter, aber auch zum Sympathieträger.

Und genau das führt zum Kern der Geschichte, zu ihrer Aussage hinter der bloßen komödiantischen Unterhaltung. Indem Falstaff durch seine Naivität immer wieder den Intrigen auf den Leim geht, die bald das ganze Dorf gegen ihn spinnt, entlarvt er das wahre Gesicht der vermeintlich normalen, braven Bürger. Sie entpuppen sich als von niederen Rachegelüsten getriebene Kleingeister, die an Besitz, Status und engstirnigen Lebensmustern kleben. So heil und gesittet, wie sie vorgeben, ist ihre Welt nicht.

Herr Fluth zum Beispiel scheut vor gewalttätigen Ausbrüchen gegen seine Frau nicht zurück. Frauen sind in dieser Welt aber auch nur gleichbedeutend mit Besitz. So wollen die Eltern Reich ihre Tochter Anna (Eva Maria Amann) mit einer guten Partie verkuppeln. Sie soll durch die Heirat mit Herrn Spärlich (Derek Rue) zur “Frau Fabrikbesitzerin“ oder durch Ehe mit Anwalt Cajus (Christophe Bornet) zur “Frau Dr.“ werden. Aber auch Anna bricht aus, schlägt die Eltern mit den eigenen Waffen und verbindet sich mit ihrer großen Liebe, dem mittellosen, aber aufrichtigen Fenton (Blaise Rantoanina).

Hervorragendes, mit Witz und Tempo herausgespieltes Sittenbild

Im Zusammenklang mit dem hervorragend, mit Witz und Tempo herausgespielten Sittenbild, das Falstaff mit dem Satz untermalt: “Ihr habt ja nur einen Sündenbock und Prügelknaben gebraucht“, macht auch das anfangs irritierende Bühnenbild Sinn. Es hält noch einige schöne Überraschungen bereit, zum Beispiel die Wandelbarkeit zu einem Alptraum für Herrn Fluth mit Falstaff-Konterfeis oder zur Kulisse eines Zauberwaldes, die in ihrer Dramatik schon fast zu einer Wagner-Oper passen würde.

Die Qualität der Aufführung lebt, abgesehen von Kurzweil, Komik und tieferer Dimension, von sehr starken darstellerischen und gesanglichen Momenten. Äußerst gelungen sind alle Chorszenen, die von Angela Händel einstudiert wurden. Geradezu unter die Haut geht die lange Solopartie der Anna im dritten der vier Akte, die Eva Maria Amann zum Niederknien schön interpretiert.

Am Ende wird die Premiere mit stehenden Ovationen gefeiert und die Rezensentin verwirft ihre Frage nach der Mottenkiste.


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Erstellt am Autor Anke Emmerling in Featured, Kultur Hinterlasse einen Kommentar

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