Mehr als nur Seefahrerromantik

Mehr als 100 Sänger zählt der Chor des Collegium Musicum, das Orchester knapp 70 Instrumentalisten. Alle Fotos: Jenna Theis / Uni Trier

TRIER. “Der zentralste Kulturbaustein der Stadt und Universität Trier.” So charakterisiert Universitätspräsident Michael Jäckel das Collegium Musicum, das am vergangenen Sonntag die Sea Symphony von Ralph Vaughan Williams aufgeführt hat. Zur trierischen Uraufführung des Werks kamen zirka 800 Zuhörer in die Reichsabtei St. Maximin. Es sei das schwierigste Stück gewesen, das bisher unter ihm in Trier gespielt worden sei, sagte Dirigent Mariano Chiacchiarini. Das Konzert, die Musik und der lyrische Text der Sea Symphony brachten verschiedenste Gefühlsregungen zu Tage und gaben dem geschichtsinteressierten Zuhörer auch viel zum Denken mit.

Von Clemens Sarholz

Die Voraussetzung jeder künstlerischen Hervorbringung ist eine gewisse Leere. Der Autor blickt auf das leere Blatt und der Maler auf die weiße Leinwand. In der Reichsabtei St. Maximin trat Ruhe ein, bevor Mariano Chiacchiarini den Einsatz gab.

Gleich der erste Satz löst szenische Vorstellungen aus. Er heißt “A song for all seas, all ships”, und man hört und sieht vor dem geistigen Auge Schiffe, die unter wolkenfreiem Himmel für eine lange Reise vorbereitet werden. Wie Seemänner Segel und Flaggen hissen, die im Wind wehen, und wie sie Taue, Fässer und Werkzeuge an Bord bringen. Der Chor und die Solisten huldigen singend Seefahrern, deren Heldentaten und dem Meer an sich. Man hört all das, was man in Seefahrerromanen wie Moby Dick erzählt bekommt.

“Eine so klare und reine Stimme habe ich schon lange nicht mehr gehört. Toll”, sagt eine Besucherin über die italienisch-deutsche Sopranistin Karola Pavone.

Dabei wurde aus der anfangs erwähnten Ruhe schnell mehr. Denn spätestens nach dem ersten Satz trat Kontemplation ein. Ein reines Bei-sich-sein, das bis zum Ende des Konzertes anhalten sollte. “Das Publikum war Teil des Kunstwerks”, sagt Chiacchiarini im Gespräch mit dem reporter. Das vom Gesang getragene Diminuendo, mit dem der erste Satz ausklingt, führte in eine gespannte Stille hinein, die mehr war als die Abwesenheit eines Geräusches. Man hätte, so abgedroschen das klingt, eine Stecknadel fallen hören können. Niemand traute sich zu atmen, niemand traute sich zu klatschen. Irgendwie wurde man kleiner in der Musik. Der Bariton und Solist John David Pike erzählte nach dem Konzert, wie sehr ihn der Auftritt berührte.

Ihm konnte man seine Begeisterung während des Konzertes ansehen. Während er in vorderster Reihe saß, huschte ihm ein Lächeln übers Gesicht. Dann schloss er die Augen und wippte leise mit, bis seine Züge vor Rührung zu zucken begannen, er sein rechtes Auge fester zukniff als das linke und seine Mundwinkel sich in ein abwesendes Strahlen verwandelt hatten. Es fällt schwer die richtigen Worte zu finden, um seine Stimmfarbe zu beschreiben. Kraftvoll vielleicht? Voller Begeisterung? Bestimmt? Dramatisch? Episch? Überwältigend passt gut. Er singt, als habe er sich mit dem Stück angefreundet, und als würde ihm alles daran liegen, es zu unterstützen. Es ist ihm gelungen.

Die Sopranistin und Solistin Karola Pavone dagegen singt weich und leicht, und sie tritt mit lyrischer Stimme auf. Wenn man vielleicht auch weiß, dass dramatische Stimmen und lyrische Stimmen zwei verschiedene Ansätze bedienen, so hört man in St. Maximin, wie sehr sich diese Stimmen ergänzen, wie sehr sie zu Harmonie verschmelzen können. Eine Besucherin wird nach dem Konzert sagen: “Eine so klare und reine Stimme habe ich schon lange nicht mehr gehört. Toll.”

Man sollte sich vorstellen, wie der Komponist gelebt hat und aufgewachsen ist. Vaughan Williams lebte in einem England als Seefahrernation. Die Symphonie entstand zwischen 1903 und 1909. Zu dieser Zeit war die Insel eine Weltmacht, die ihren Reichtum und ihren Ruhm der Royal Navy, dem Meer und der kommerziellen Handelsflotte zu verdanken hatte. Heute kann man nur darüber nachdenken, wie es gewesen sein muss, in dieser Zeit gelebt zu haben. Dabei hilft auf jeden Fall Williams Musik und die vertonte Lyrik.

Der kanadische Profi-Bariton David John Pike war sehr gerührt von dem Auftritt.

Die Geschichte der Symphonie wird vor allem vom Chor und von den Solisten getragen, denn Williams vertonte Gedichte des amerikanischen Dichters Walt Whitman, für den er, laut Programmheft, eine “lebenslange Faszination” hegte. So erschuf Williams mit seiner Sea Symphonie ein Stück, das “eigentlich eine Kantate” sei, so sagt es der Präsident Jäckel. Ein Stück, das große Instrumentalmusik mit dem Chor als eigenständigem Element verbindet. Das war zu damaliger Zeit eher eine Neuheit als überlieferte Konvention. Manch einer spricht auch von ihr als “Chor-Symphonie”.

Doch auch das Orchester bekam genug Raum, um von sich überzeugen zu können. Der 3. Satz, “The waves”, wurde von Pike rezitiert anstatt vom Chor gesungen, und so war es das Orchester, das den Zuhörer in das Spiel funkelnder Wellen hineinzieht. Jeder hatte seine glänzenden Momente im Konzert. Epische Breite der Musik wechselte sich ab mit klarer Melodie. Geschmettertes Blech steht gleichberechtigt neben zarten A-cappella Gesängen.

Zwischen den Gedichtzeilen, im Laufe des Konzerts und in der Reflexion des Werks offenbart sich, dass das Stück aber weit mehr ist als Seefahrerromantik. Was als Hommage an die Seefahrt und das Meer beginnt, erweist sich als tiefgründiges Werk, das das Bild der Seefahrt und des Meeres als Allegorie auf das Leben mit all seinen Sinnfragen versteht. Als “Lebensreise von Geburt bis zum Tode”, wie das Programmheft verrät.

In St. Maximin sitzt ein junger Mann mit blondem Dutt, blondem Bart und Brille. Seine Augen sind geschlossen. Auf seinem T-Shirt steht “Sea watch”, und er lauscht den letzten Tönen und Worten: “O meine mutige Seele! O segle weiter, weiter! O wagemutige Freude, dennoch sicher! Sind nicht alle Gottes Meere? O segle weiter, weiter, weiter!”, lautet die deutsche Übersetzung.

Mit dem letzten Ton lieferte die Musik sich wieder der Stille aus, bis dass Chiacchiarini sich entspannt. Dann bricht der Applaus los. Minutenlang. Im Stehen. Die Menschen wurden mit Gänsehaut zurückgelassen, auch Tränen sieht man. Manch einer möchte erst mal nicht reden.

Extra

Zusätzlich zum Konzert gab es eine Ausstellung zum Thema “Meer”. Rita Ketler, Studentin der Kunstgeschichte, organisierte sie mit Werken von Mitgliedern des Collegium Musicum. Es gab Bilder, Texte und Fotografien.

Termine

Im Frühjahr 2020 wird das Collegium Musicum folgende Konzerte spielen:

Am 31. Januar spielt das CM die Misa Tango von Martin Palmeri im Audimax der Uni Trier. Am 1. Februar spielen die Musiker dasselbe Stücke in Paris, in der Église de la Madeleine.

Am 16. Februar spielt das CM Mozarts Violinenkonzert Nr. 1 und die 3. Symphonie von Brahms, wieder im Audimax der Uni Trier.

Wer mitmachen möchte: Das Collegium Musicum probt wieder am dem 29. (Orchester, 19 Uhr im Audimax der Uni) und 30. Oktober 2019 (Chor, 19 Uhr im Audimax der Uni). (tr)


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Erstellt am Autor Clemens Sarholz in Featured, Kultur Hinterlasse einen Kommentar

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