Möglichkeiten einer qualifizierten Hilfestellung

Bischof Stephan Ackermann setzt sich für die Prävention gegen sexuelle Gewalt ein. Foto: Rolf Lorig

KÖLN/TRIER. Mit einem Aufruf das Thema sexueller Missbrauch weiterhin aufmerksam zu verfolgen, ist die 7. Fachtagung der Deutschen Bischofskonferenz zu Fragen sexuellen Missbrauchs zu Ende gegangen. Unter dem Thema “Irritierte Systeme – Die Auswirkungen (des Verdachts) von sexuellem Missbrauch auf die betroffenen ‘Systeme‘ und Möglichkeiten einer qualifizierten Hilfestellung“ waren auf Einladung von Bischof Stephan Ackermann rund 90 Generalvikare, Personalverantwortliche sowie die Missbrauchs- und Präventionsbeauftragten der deutschen Bistümer und Ordensgemeinschaften in Köln zusammengekommen. Ackermann ist Beauftragter für Fragen des sexuellen Missbrauchs im kirchlichen Bereich und für Fragen des Kinder- und Jugendschutzes.

Bei der Tagung rief der Bischof dazu auf, nicht nachzulassen im Bemühen, die Aufmerksamkeit für das Thema wachzuhalten, insbesondere vor dem Hintergrund von Personalwechseln in den Bistümern. Auch neue Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter – Bischöfe eingeschlossen – müssten sich ihrer Verantwortung für dieses Thema bewusst sein und weiterhin engagiert daran arbeiten, Kirche zu einem sicheren Raum für Kinder und Jugendliche zu machen.

Frage nach der Tiefenwirkung von Präventionsinitiativen

Der emeritierte Sozialpsychologe Professor Heiner Keupp, Mitglied der Unabhängigen Kommission zur Aufarbeitung sexuellen Kindesmissbrauchs, stellte die Frage nach der Tiefenwirkung von Präventionsinitiativen. “Schaffen diese Maßnahmen eine neue Kultur der Achtsamkeit, sind sie gelebte Wirklichkeit, die den Alltag in der Einrichtung bestimmen oder haben sie vor allem oder nur eine plakative Bedeutung nach außen?“ Gleichzeitig betonte der Redner, dass Institutionen sich ihrer Geschichte stellen und dafür Verantwortung übernehmen müssen. Der Psychologe und Psychiater Professor Frank Löhrer hob hervor, dass Intaktheit oder Irritation von Systemen in der Psychologie keine Gegensätze darstellten.

Die während der Fachtagung von Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern aus den Diözesen vorgestellten Praxisbeispiele veranschaulichten die Problematik der tief- und weitgreifenden Erschütterung von Systemen durch den Verdacht eines sexuellen Missbrauchs. Dabei kamen auch Hilfestellungen und Möglichkeiten des Umgangs mit und der Überwindung von Irritationen zur Sprache. Die Teilnehmer waren sich dabei einig, dass ein partizipativ erarbeitetes Konzept Irritationen von Systemen positiv bewältigen kann, insbesondere dann, wenn es bereits in ein institutionelles Schutzkonzept eingebettet ist.

Kirche als traumatisierende und traumatisierte Institution

Pater Professor Hans Zollner SJ, Leiter des Kinderschutzzentrums an der Päpstlichen Universität Gregoriana in Rom, nahm die Kirche als traumatisierende und traumatisierte Institution in den Blick: “Sexueller Missbrauch im kirchlichen Raum sollte nicht zu einer Selbststilisierung als Opferinstitution führen. Die Auseinandersetzung mit einem institutionellen Trauma erfordert eine nachhaltige Aufarbeitung.“ Der Missbrauchsskandal treffe die Kirche im Kern ihres Selbstbildes und ihrer Glaubwürdigkeit. “Manche meinen, es werde schon irgendwann vorübergehen. Es geht aber darum, das Wurzelgeflecht aufzudecken, in dem Missbrauch entstehen und vertuscht werden konnte. Sexuelle Gewalt und andere Arten von Missbrauch sind systemisch gesehen Symptome für tiefliegende Missstände.“ Die entscheidende Frage laute: Wer und was will die Kirche sein? Geht es ihr um sich und ihre Sicherheiten, oder geht ihr im Angesicht des Leids von Menschen das Herz auf?

Zum Abschluss der Tagung zeigte sich Ackermann beeindruckt von den erarbeiteten Lösungsansätzen. Er bat die Anwesenden sich weiterhin mit Engagement für die Prävention gegen sexuelle Gewalt einzusetzen. Außerdem äußerte sich Bischof Ackermann dankbar für die Arbeit des Unabhängigen Beauftragten für Fragen des sexuellen Kindesmissbrauchs (UBSKM) und der unabhängigen Aufarbeitungskommission. Er plädierte mit Blick auf die anstehenden Koalitionsverhandlungen in Berlin dafür, beides weiterzuführen. Es sei unverzichtbar auf nationaler Ebene dauerhaft eine unabhängige Stelle im Kampf gegen sexuelle Gewalt zu haben. Denn diese trage dazu bei, die öffentliche Auseinandersetzung mit dem Thema fortzuführen und die verschiedenen gesellschaftlichen Gruppen im Bemühen um Aufarbeitung und Prävention in die Pflicht zu nehmen. (tr)


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Erstellt am Autor trier reporter in Gesellschaft Hinterlasse einen Kommentar

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