“Natur ist nicht ordentlich”

Christine-Petra Schacht spricht mit ihrem Kollegen Christian Thesen über die Grünflächenstrategie, deren Ziel es ist, die Grünflächen in der Stadt ökologisch aufzuwerten. Foto: Presseamt

TRIER. Einigen Trierern ist schon aufgefallen, dass Grünflächen nicht mehr regelmäßig gemäht werden und das Gras in die Höhe sprießt. Weshalb das so ist, und was dies mit einem Label zu tun hat, um das sich die Stadt bewirbt, erklärt die Leiterin des Grünflächenamts, Christine-Petra Schacht, im Interview.

Die Stadt Trier bewirbt sich um das Label Stadtgrün naturnah. Was genau ist das?

Schacht: Das Label unterstützt Kommunen dabei, ihre Grünflächen naturnah zu gestalten und ökologisch aufzuwerten. Insgesamt soll die Qualität der Grünflächen in der Stadt zunehmen. Gerade weil diese in der Stadt eher weniger werden, ist es wichtig, die vorhandenen aufzuwerten. Für den Labelgeber sind vor allem die Themen Klima, Biodiversität und Lebensräume für Tiere und Pflanzen in der Stadt wichtige Aspekte.

Um das Label zu erhalten, muss ein Prozess durchlaufen werden. Wo steht die Stadt hier aktuell?

Schacht: Zunächst haben wir geschaut, welche Projekte wir bereits haben, die in Richtung naturnahe Gestaltung gehen. Da gibt es einiges, etwa die Renaturierung von Bächen, aber auch Grünflächen, die naturnah bewirtschaftet werden. Diese Bestandsaufnahme ist mittlerweile abgeschlossen. Aktuell erarbeiten wir einen Maßnahmenplan, der konkrete Vorgaben für die naturnahe Bewirtschaftung beinhaltet, also dass beispielsweise ein gewisser Prozentsatz an Rasenflächen nicht mehr zwölf-, sondern nur noch sechsmal pro Jahr gemäht wird. Parallel haben wir eine Grünflächenstrategie entwickelt, die gerade den städtischen Gremien vorgestellt wird. Sie beinhaltet zentrale Ziele, die die Stadt erreichen will, um die Grünflächen ökologisch aufzuwerten. Ganz wichtig für uns und Grundvoraussetzung für die Labelvergabe ist die Zustimmung des Stadtrats zur Strategie. Er wird sich wahrscheinlich im März damit befassen. Von zentraler Bedeutung für uns ist auch, die Bürger bei dem Prozess mitzunehmen.

Wie genau soll das geschehen?

Schacht: Durch die Intensivierung der Öffentlichkeitsarbeit. Wir bringen zum Beispiel Schilder mit der Aufschrift “Insektenweide” vor den Wiesen an, die seltener gemäht werden. So sehen die Bürger, dass hier bewusst das Gras wachsen gelassen wird. Wir müssen mehr in die Offensive gehen und die Bürger darüber informieren, was wir tun. Wir planen zum Beispiel auch Beet- und Baumpatenschaften. Bürger können Pate für Beete werden und diese pflegen und gestalten. Von Mitte Februar bis Mitte März informieren wir in dem Kiosk in der Südallee über den Prozess zur Labelvergabe. Hier sind auch Veranstaltungen und Aktionen für die Trierer geplant. Wir hoffen, dabei auch die ersten Paten zu finden und mit unserem Engagement das Thema Stadtgrün zum Stadtthema zu machen.

Wenn Trier das Label erhält, wo genau liegt der Mehrwert?

Schacht: Der Mehrwert ist bereits der Prozess an sich. Wir haben ein Netzwerk aufgebaut und Bürger mobilisiert. Zudem würde es für Trier, ähnlich dem Fairtrade-Label, eine Auszeichnung sein. Schließlich sind bislang erst fünf Kommunen bundesweit mit dem Label versehen. Mit einer verabschiedeten Grünflächenstrategie könnten wir auch besser Fördermittel generieren.

Im Kontrast zu naturnahen Grünflächen nehmen Schottergärten immer mehr zu. Was sagen Sie jemandem, der sich einen solchen anlegen will?

Schacht: Es gibt ja die irrige Meinung, diese seien pflegeleicht. Diesen Zahn würde ich jedem direkt ziehen. Unkräuter zum Beispiel lieben Schotter, und die hat man dann als erstes in seinem Beet. Wenn man also das ursprüngliche Bild erhalten will, ist der Aufwand sehr hoch. Zu bedenken ist auch die große Hitze, die von der Schotterfläche abstrahlt. Wenn man seine Terrasse in der Nähe hat, kann es im Sommer sehr heiß werden. Erste Städte haben die Schottergärten ja bereits verboten. Wir möchten lieber aufklären, etwa durch unseren Vorgartenwettbewerb, der auch in diesem Jahr wieder stattfindet. Grundsätzlich gilt: Natur ist nicht ordentlich – außer durch die Gestaltung des Menschen, wie etwa bei einem Barockgarten. Wir haben ja mit dem Palastgarten auch einen in der Stadt und dieser bleibt erhalten. Natürlich werden wir aus ihm keine große Streuobstwiese machen, sondern für die naturnahe Bewirtschaftung nur Flächen nutzen, die dafür geeignet sind.

Quelle: Rathaus-Zeitung


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Erstellt am Autor trier reporter in Politik Hinterlasse einen Kommentar

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