Nero ist verbrannt

Thomas Egger hat Nero Hero abgesagt. Foto: Rolf Lorig

Thomas Egger hat Nero Hero abgesagt. Foto: Rolf Lorig

TRIER. Das Nero-Jahr in Trier ist noch vor dem offiziellen Start am 14. Mai um eine, nein, um die Attraktion ärmer. Am Mittwoch um 10.16 Uhr wurde das rund 400.000 Euro teure Projekt “Nero Hero”, das am 5. und 6. August vor der Porta Nigra seine Uraufführung erleben sollte, von Thomas Egger (SPD), Kulturdezernent der Stadt, ad acta gelegt. Nero wird verbrannt. Verbrannt ist auch die Erde, die nach den Scharmützeln der vergangenen Tage zurückbleibt. Verärgert ist Egger selbst, der sich als Opfer politischer Intrigen sieht, verärgert ist der mit der künstlerischen Gesamtleitung des Projekts betraute Karl Sibelius, Intendant des Theaters Trier, enttäuscht ist Waltraut Körver, Company Managerin des Tanzensembles am Theater der Stadt. In der Schmollecke auch Eggers Mitstreiter Roman Schleimer, Leiter des städtischen Kulturbüros und Paula Kolz aus der Marketingabteilung der Trier Tourismus und Marketing GmbH (ttm).

Von Willi Rausch

Ganz außen am Tisch saß Hermann Lewen, Intendant des renommierten Mosel Musik Festivals (MMF) – auch er bis heute mit im Boot der ehrgeizigen Planung , auch er angesäuert, gleichwohl aus anderen Gründen. Reaktionen aus Mainz – das Land Rheinland-Pfalz hatte wie die Stadt einen Zuschuss von 70.000 Euro für die Produktion in Aussicht gestellt − stehen noch aus.

Die Diskussionen um die im Programmheft als “Open-Air-Performance vor und auf der Porta Nigra” angekündigte Veranstaltung hatten in den letzten Tagen zugenommen und eine Eigendynamik entwickelt, die schon vor der heutigen Presssekonferenz nur einen Rückschluss zuließ: Nero wird verbrannt. Broschüren und Flyer werden die nächste Altpapiersammlung anreichern. Wer das Scheitern von Nero Hero zu verantworten hat, ist für Egger offensichtlich. “Diese Veranstaltung war politisch nicht gewollt.” Einen anderen Schluss lasse die am Tag zuvor von den Stadtratsfraktionen von CDU und Grünen versandte Pressemitteilung nicht zu, die in der Schlussfolgerung gipfelte: “Es ist fatal, dass ein weiteres Großprojekt des Kulturdezernenten, welches die römischen Bauten bespiele, vom Scheitern akut bedroht ist.” Egger sieht darin eine Aufforderung zum Rücktritt, die er mit dem Satz begrub: “Da können sie lange warten. Ich bleibe noch die nächsten eineinhalb Jahre im Amt.”

Der Kulturdezernent räumte ein, dass Fehler gemacht worden seien, führte aber dennoch einige Gründe an, die zur finanziellen Schieflage geführt hätten, aber nicht von ihm und seinen Mitstreitern zu verantworten seien. “Ja, es gibt eine Finanzierungslücke”, räumt Egger ein, “das ist bei solchen Projekten aber normal”. Er erinnerte an die Antikenfestspiele und an Brot&Spiele, die auch Jahr für Jahr bezuschusst wurden und oft nachfinanziert werden mussten. Die Hauptursache für “das Delta” sieht er im Rückzug von zwei fest eingeplanten Hauptsponsoren: “Damit war aus den Erfahrungen der Vergangenheit nicht zu rechnen. So sind 30.000 Euro weggebrochen.” Dass erst 200 Karten verkauft waren, was das Defizit erheblich nach oben geschraubt hätte, wurde weder von Egger noch von Schleimer und Kolz als alarmierend angesehen. “Bei Events der Hochkultur entscheiden sich die Besucher erst später, welche Veranstaltungen sie besuchen. Das ist anders als bei Konsumenten von Lady Gaga.”

Betretene Mienen auf der Pressekonferenz am Mittwoch.

Betretene Mienen auf der Pressekonferenz am Mittwoch.

Der schleppende Verkauf hat für Lewen, der “Nero Hero” in seine Veranstaltungsreihe “Mosel Musik Festival” (MMF) integriert und sich für 5.000 Euro bereiterklärt hatte, seine Ressourcen für die Pressearbeit und den Kartenvorverkauf zur Verfügung zu stellen, plausible Gründe: “Seit fünf Jahren steht der Wunsch des Landes, ein neues Projekt zu generieren und ein etabliertes Programm als Anker zu nutzen. Dem haben wir uns natürlich nicht verschlossen.” Lewen weiter: “Veranstalter ist die Stadt Trier. Bis vor wenigen Tagen gab es aber von dieser Seite keinerlei Promotion für dieses Event. Es gab kein Cross-Marketing. Von 200 Karten sind 170 an unsere Stammkundschaft weggegangen.” Mit anderen Worten: Beworben wurde das Projekt nur vom MMF, entsprechend gering war die Kartennachfrage. Daher sah er sich “in der Verantwortung, meine Bedenken zu äußern”. Dabei fällt Lewens Gesamtbeurteilung durchaus positiv aus: “Das Interesse an solchen Projekten ist definitiv vorhanden. Auch wenn Hochkultur in der Sommerfestival-Phase schwierig zu vermitteln ist. Die Absage hat bestimmt nicht nur mit der künstlerischen Ausrichtung zu tun.”

Nero Hero ist “auf Eis gelegt”, wie Egger es formulierte. Klingt nun mal harmloser und nicht so endgültig wie “abgesagt”. Der Schaden ist dennoch beträchtlich. Für das Image der Stadt und für das Stadtsäckel. Die 70.000 Euro an verplantem Zuschuss werden wohl dafür drauf gehen, die Scherben zusammenzukehren. “Die Akzeptanz einer solchen Veranstaltung basiert nicht zuletzt auf Kommunikation”, hielt Sibelius fest, “dieses Projekt wurde aber schon im Vorfeld totgeredet. Und dann hat man keine Chance.”

Ein Text unseres Kooperationspartners

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Erstellt am Autor trier reporter in Featured, Kultur, Politik Hinterlasse einen Kommentar

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