Oh, lodernd Feuer…

Drohten mit ihrem Ausstieg: Die Intendanten Hermann Lewen (links) und Karl Sibelius (rechts).

Drohten mit ihrem Ausstieg: Die Intendanten Hermann Lewen (links) und Karl Sibelius (rechts).

TRIER. Ist der Name Programm? Nero Hero sollte einer der Höhepunkte während der Trierer Nero-Ausstellung vom 14. Mai bis zum 16. Oktober werden. Als Kooperationsprojekt von Stadt, Moselmusikfestival und Theater Trier ist die Produktion im Kultursommer des Landes angekündigt. Doch vier Monate vor den geplanten Aufführungen am 5. und 6. August vor der Porta Nigra ist nach reporter-Informationen mächtig Feuer unter dem gemeinsamen Dach. Am Freitag bat Kulturdezernent Thomas Egger (SPD) zunächst um neun Uhr in kleiner Runde zum Krisengespräch. Eine Stunde später stießen die kulturpolitischen Sprecher der Stadtratsfraktionen hinzu. Nach weiteren reporter-Informationen hatten die Intendanten Karl Sibelius (Theater) und Hermann Lewen (Moselmusikfestival) mit dem Ausstieg aus dem Projekt gedroht. Es geht um Befindlichkeiten, um Kompetenzgerangel – und um sehr viel Geld. Wie aus Rathaus-Kreisen verlautet, sollen inzwischen rund 400.000 Euro für die Produktion veranschlagt sein. Der städtische Zuschuss aus dem Theateretat und der Stadtkasse könnte sich somit bei 1.200 prognostizierten Zuschauern auf mehr als 250 Euro pro Karte belaufen. Bisher sollen jedoch nur 200 Tickets im Vorverkauf abgesetzt worden sein. Nach Informationen unserer Redaktion vom heutigen Sonntag will Egger am Mittwoch auf einer außerordentlichen Pressekonferenz über den aktuellen Sachstand informieren.

Thomas Egger fühlte sich wohl überfahren. Der Sozialdemokrat ist nur nicht Kulturdezernent der Stadt, sondern auch Aufsichtsratsvorsitzender des Moselmusikfestivals. Dessen Intendant Hermann Lewen hat aus dem anfangs kleinen Festival eine national und international anerkannte Veranstaltung gemacht. Vor wenigen Tagen soll Lewen sich auf Bitten Sibelius’ über Eggers Kopf hinweg direkt an Oberbürgermeister Wolfram Leibe (SPD) gewandt und den Stadtchef um Hilfe gebeten haben. Lewens Kritik soll sich dabei allerdings nicht nur gegen Egger und das städtische Kulturbüro unter Roman Schleimer gerichtet haben, sondern auch gegen das künstlerische Konzept des Theaters für Nero Hero. Nach reporter-Informationen winkte Leibe allerdings ab. Das sei Sache des Kulturdezernenten, er als Verwaltungschef mische sich dort nicht ein.

Lewen will die Informationen gegenüber dem reporter zwar nicht bestätigen, dementiert aber auch nicht. “Ich sage dazu nichts”, erklärt er auf Nachfrage unserer Redaktion. “Ich bin nur der Eisverkäufer, aber nicht verantwortlich.” Unstrittig ist, dass Egger am Freitag zum Krisengespräch in den Gangolf-Raum des Rathauses bat. Teilnehmer im kleinen Kreis waren: Egger, dessen Kulturamtsleiter Schleimer, die Intendanten Sibelius und Lewen sowie Waltraut Körver, Company Managerin des Tanzensembles am Theater. Gegen zehn Uhr stießen dann die kulturpolitischen Sprecher der Stadtratsfraktionen, die teilweise aus dem Urlaub geholt werden mussten, zum Krisengespräch hinzu.

Absage wäre Blamage für die Stadt

Thomas Egger will sich am Mittwoch öffentlich erklären.

Thomas Egger will sich am Mittwoch öffentlich erklären.

Der offizielle Sprachgebrauch nach dem Treffen lautet: Alles ist im Fluss, alles ist in bester Ordnung! Dabei hatten Sibelius und Lewen zu Beginn der Woche damit gedroht, aus dem Projekt aussteigen zu wollen. Lewen fürchtet offensichtlich als Mitveranstalter um das Renommee seines Festivals. Sibelius sieht als künstlerischer Leiter seinen Kopf bedroht, sollte Nero Hero sich zum finanziellen Desaster entwickeln. Zielscheibe der Kritik beider Intendanten sind offenbar Egger und das städtische Kulturbüro unter Schleimer. Marketing und Öffentlichkeitsarbeit für Nero Hero seien amateurhaft, heißt es aus dem Umfeld beider Intendanten. Auf den Rathaus-Fluren am Augustinerhof geht zudem die Flüsterparole um: Sein oder Nichtsein von Nero Hero entschieden auch über Eggers politisches Überleben. Die Absage käme einer Blamage für die Stadt gleich, weil das Land sich nicht nur finanziell beteiligt, sondern die als Performance angelegte Veranstaltung auch als festen Bestandteil in seinem Kultursommer ausweist. Deswegen werde das Projekt jetzt ohne Rücksicht auf Verluste durchgezogen.

Intern basteln die Strategen im Rathaus aktuell an einer Gegenoffensive, die wohl dann ziehen wird, sollte der öffentliche Druck nach dem kommenden Mittwoch größer werden. Die künstlerische Vorlage des Theaters sei unausgegoren und zudem nicht zu vermarkten. “Da springen ein paar Nackte auf der Bühne herum, und das war’s auch schon”, heißt es am Augustinerhof. Tatsächlich bietet das Konzept, das dem reporter vorliegt, wenig Konkretes. Nero Hero ist kryptisch als Performance angelegt. Was jedoch performed werden soll, ist bis heute nicht klar. Dass Waltraut Körver, die neben Susanne Linke am Theater für den Tanz verantwortlich zeichnet, am Krisentreffen teilnahm, ist Indiz dafür, dass Egger und Schleimer ihrerseits Einfluss auf die künstlerische Ausrichtung des Projektes nehmen wollen.

Weil Egger wegen des Theaters ohnehin massiv unter Druck steht, kann er sich eine Blamage mit Nero Hero gerade jetzt nicht leisten. Nach gesicherten reporter-Informationen braucht das Kulturhaus am Augustinerhof mindestens weitere zwei Millionen Euro, um die Ausgaben in der laufenden Spielzeit zu decken. Auch hier soll Oberbürgermeister Wolfram Leibe als Finanzdezernent bereits abgewinkt haben: Mehr Geld für das Theater ist mit dem Sozialdemokraten definitiv nicht zu machen. Ferner sollen die Besucherzahlen im ersten Sibelius-Jahr alles andere als befriedigend sein.

Egger bleiben drei Tage

Nun also auch noch Nero Hero: Von 400.000 Euro Kosten für lediglich zwei Veranstaltungen ist inzwischen die Rede. 70.000 Euro wird das Land nach dem immer noch gültigen Finanzplan von Oktober 2015 zuschießen. 70.000 Euro waren als Einnahmen über den Kartenverkauf prognostiziert. Damals gingen die Planer allerdings noch von drei Aufführungen mit jeweils 1.000 Zuschauern aus. Inzwischen sind daraus zwei Termine geworden. Zudem wurde die Zuschauerkapazität wegen der veränderten Bühnen- und Sitzanordnung auf 600 Besucher pro Vorstellung reduziert.

Nero Hero soll einer der Höhepunkte während der Nero-Ausstellung werden.

Nero Hero soll einer der Höhepunkte während der Nero-Ausstellung werden.

Der städtische Eigenanteil sollte ebenfalls 70.000 Euro – davon alleine 25.000 Euro für die Konzepterstellung – betragen, der Anteil im Etat des Theaters war mit 80.000 Euro veranschlagt. Doch nicht erst seit den beiden Krisensitzungen von Freitag dürfe klar sein: Diese Zahlen werden kaum zu halten sein. Zumal nach reporter-Informationen bisher erst 200 Tickets im Vorverkauf abgesetzt wurden. Vieles deutet darauf hin, dass der städtische Zuschuss sich vervierfachen könnte – einschließlich des Theateranteils. “Oh, lodernd Feuer”, krächzt Peter Ustinov als Nero in “Quo vadis?” Auch im Rathaus brennt es wegen Nero Hero aktuell lichterloh unter dem Dach.

Deswegen mehren sich auch am Augustinerhof die kritischen Stimmen selbst bei jenen, die Nero Hero ursprünglich befürwortet hatten. Es sei kaum zu verantworten, heißt es dort längst nicht mehr nur hinter vorgehaltener Hand, dass mehrere Hunderttausend Euro für ein Projekt, dessen künstlerische Ausrichtung vage, unausgegoren und wenig erfolgversprechend sei, verpulvert würden, während für die Sanierung von Sporthallen und Schulen jeder Cent zusammengekratzt werden müsse. Drei Tage bleiben Egger noch, sich Antworten auf alle Fragen zurechtzulegen. Am Mittwoch wird Triers oberster Kulturchef dann auch öffentlich Farbe bekennen müssen. (et)

Extra

Am 3. April 2014 beschloss der Stadtrat, künftig einen kulturellen Höhepunkt innerhalb des Moselmusikfestivals zu implementieren. Diese mit dem Arbeitstitel “Nukleus” versehene Veranstaltung der Stadt Trier sollte von 2015 an jährlich mit einem Gesamtbudget von 210.000 Euro und einem städtischen Zuschuss von 70.000 Euro stattfinden. Nero Hero ist die erste Produktion in dieser Projektreihe.

Bei der Inszenierung des Nukleus (Nero Hero) sollte es darum gehen, in Trier in Kooperation mit dem Moselmusikfestival eine hochkarätige Kulturveranstaltung als Festival im Festival zu schaffen, die sich insbesondere an der Geschichte der Stadt orientiert und damit das Moselmusikfestival und seine Bedeutung in und für Trier weiterentwickeln soll. Damit sollte die Chance eröffnet werden, eine herausragende Veranstaltung mit überregionaler Beachtung zu initiieren und dem Anspruch Triers als Stadt mit einem kulturell hochwertigen Kulturangebot gerecht zu werden. Das Konzept wurde vom Land Rheinland-Pfalz ausdrücklich befürwortet. (et)


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Erstellt am Autor Eric Thielen in Featured, Kultur 4 Kommentare

4 Kommentare zu Oh, lodernd Feuer…

  1. Treverer

    Es ist bezeichnend, dass man darüber in der lokalen Presse nichts liest. Aber zumindest scheint der “alte” Trier-Reporter wieder da zu sein, das stimmt optimistisch.

     
  2. beobachter

    Ich beobachte die Entwicklung des Theater Trier seit geraumer Zeit. Und meine Befürchtungen werden bestätigt. Was in der Ära Sibelius auf die Bühne kommt, ist für mich nur noch pseudo-intellektuell, noch nicht einmal mehr schockierrend, eigentlich abgedroschen. Was ist daran denn bitte künstlerisch, wenn man alle Stücke derart entsellt, das es immer psycho-sexuelle Auslegungen werden.Wer eine gewisse Erfucht vor der geistigen Dimension eines Kunstwerk hat, ist dann natürlich konservativ und ewiggestrig. Das die Besucherzahlen zurückgehen ist nur zu verständlich.
    Und jetzt wird auch noch mehr Geld gebraucht. Das ist unglaublich.Ich hoffe Trier wacht bald auf!!!!

     
    • ProTrier

      Sehr geehrter Beobachter, könnten Sie mir bitte die Inszenierungen nennen, die in Trier in dieser Spielzeit psycho-sexuell ausgelegt waren? Mir fällt keine ein, obwohl ich alle Premieren gesehen habe. Ich fand sie alle sehr sehenswert, künstlerisch hochwertig und progressiv…

       
  3. M.Grünzweig

    Unbedingt sofort abbrechen, abbasen, absagen. Wäre es ein Projekt von Hermann Lewen allein, wäre noch eine kleine Rettungschance gegeben. Die Kombi aus Kulturdezernet, Kulturbüro und Theaterintendant aber lässt Schlimmstes befürchten. Vier Monate Zeit, ein Marketing, welches de facto nicht vorhanden ist (wie war das: 20% Budget eines Kulturporjekts sollten idR für Marketingmaßnahmen aufgewendet werden; für 600 Kartenverkäufe bräuchte es ein Jahr Vorlaufzeit), eine Idee, hinter der nichts als irgendein “Spektakel vor der Porta” steckt – die Stadt sollte aus der Vergangenheit lernen: alles annähernd Vergleichbare ging völlig in die Hose, nicht zuletzt finanziell. Also bitte, bitte, bitte diebezüglich die Finger davon lassen! Schon derjenige, der auch nur im Ansatz die Idee hatte, so etwas mit Trierer Personal, Strukturen und Verantwortlichen zu planen und organisieren, gehört gehörig geschüttelt!

     

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