“Politisch korrekt” – ohne Distanz, hautnah am Geschehen

Der rechtsnationale Alexandre (Martin Geisen) und die politisch links stehende Mado (Marsha Zimmermann) kommen sich – beobachtet vom Kellner (Paul Behrens) – langsam näher. Fotos: Martin Kaufhold

TRIER. Beim Theater Trier läuft es derzeit ausgesprochen gut. Die Eintrittskarten für die Vorstellungen sind stark nachgefragt, die Besucherzahlen steigen. Offenbar hat Intendant Manfred Langner ein glückliches Händchen. Was er anfasst, scheint zu funktionieren. Am Freitag war er noch ein Stück mehr als sonst gefordert. Beim Schauspiel “Politisch korrekt” führt der Intendant selbst Regie. Mit dem Stück erlebten die Zuschauer gleich zwei Premieren: das Schauspiel selbst und den neuen Spielort des Theaters in der Europäischen Kunstakademie. Für den reporter war Rolf Lorig in der Aachener Straße mit dabei.

Der erste Eindruck war überhaupt nicht übel: Der Saal, in dem bislang die Bildende Kunst zahlreichen Menschen vermittelt wurde, scheint wie geschaffen für das Genre Schauspiel. Und dass am Freitag einige Sponsoren mit Deko, Stühlen und Kissen einspringen mussten, weil es doch noch an dem ein oder anderen mangelte – was soll’s? Die Spielstätte selbst hat einen fast schon intimen Charakter. Anders als im Großen Haus gibt es keine Distanz. Wenn hier Menschen flüstern, streiten oder flirten, der Zuschauer sitzt gewissermaßen immer in der ersten Reihe. Hier entgeht nicht die kleinste Kleinigkeit – eine enorme Herausforderung, der sich die Schauspieler auf dieser Bühne stellen müssen.

War es die neue Spielstätte, war es die Neugier auf das Schauspiel, das man hier in Anwesenheit der Autorin in der deutschsprachigen Erstaufführung erleben konnte? Freie Plätze gab es am Freitag nicht. Dabei versprach das Thema des Schauspiels keinen heiteren Abend. Geschrieben hat es die Französin Salomé Lelouch, die 1983 in Paris geboren wurde. Wenn Bürger aus Paris über Gelbwesten oder den Front Nationale schreiben, kann man auch nicht allzu viel Humor erwarten. Sagt man. Und wird dann schon im nächsten Moment eines Besseren belehrt. Denn Lelouch hat durchaus Humor in ihr Stück integriert. Humor, in all seinen Schattierungen. Wenn er das zärtliche Werben begleitet, ist er feinsinnig und prickelnd. Weniger prickelnd, dafür mit einer Gänsehaut verbunden, ist er dann, wenn völkisches Ideal zum Tragen kommt. Harmlos-unschuldig wieder dann, wenn zwei Freundinnen sich über ihre Gefühlsleben austauschen.

Genau das sind die Momente, in denen das Publikum den Darstellern gewissermaßen auf die Pelle rückt. Diese leicht vergängliche Stimmung, die so schützenswert ist und den Zuschauern Wohlfühl-Garantie beschert. Die jedoch so nicht bleiben darf; die sich wegen eines nicht zu gewinnenden Kampfes der Protagonisten auflöst, wenn diese versuchen, trotz aller Unüberbrückbarkeiten miteinander in Kontakt zu treten, wobei am Ende die Ideologie stärker als das Bemühen des Menschen zu sein scheint.

Andrea (Nadine Stöneberg) kann das Verhalten ihrer Freundin Mado nicht verstehen.

Ein teilweise erbittert geführter Kampf

Dass man diesen teilweise erbittert geführten Kampf genauestens wahrnimmt, das feine Gespinst seines Seins erkennt, ist ein Verdienst des Gesamtkunstwerks. Manfred Langners Regie hat da einen ebenso großen Anteil wie das Spiel der Schauspieler. Wobei bei diesen leichte Unterschiede spürbar waren. So brauchten die beiden Hauptdarsteller Martin Geisen (Alexandre) und Marsha Zimmermann (Mado) zu Beginn schon ein paar Minuten, um sich “warm” zu spielen. Allerdings fanden sie rasch in ihre Rollen, berührten in der Folge die Zuschauer mit ihren Dialogen und ihrem Spiel.

Nadine Stöneberg in der Rolle der Freundin Andrea und Benjamin Schardt, der Alexandres Freund Louis als unbeugsamer Kämpfer der rechtsextremen Front National spielte − diese beiden Schauspieler überzeugten vom Fleck weg. Vor allem Benjamin Schadt war sehr präsent, brachte eine starke Persönlichkeit in seine Rolle ein. Ähnlich Nadine Stöneberg, die der chaotischen Kommunistin Andrea das Maß an Glaubwürdigkeit übertrug, die das Publikum braucht, um sich mit dieser Figur zu identifizieren.

Welche Bedeutung auch kleine Rollen für ein Stück haben können, zeigte Paul Behrens, der die Darstellung des namenlosen Kellners übernommen hatte. Winzige Dialoge, ausdrucksstarke Gesten, ein stummes Spiel zwischen wissen und entlarven wollen – Behrens nutzte jede ihm gebotene Möglichkeit und trug so maßgeblich zum Erfolg der Inszenierung bei.

Also alles gut? Die einen sagen so, die anderen so. Es war der Schluss des Stückes, der am Ende das Publikum spaltete. Da waren die Befürworter, die sagten, dass alles genau so kommen wird. Und da waren die Enttäuschten, die in dem Schluss eine Durchkreuzung des bis dahin nachvollziehbaren Erzählstils des Stücks zugunsten eines schwarzweiß gezeichneten Endes sahen. Musste das so enden? Wäre ein offenes Ende nicht besser gewesen? War es vielleicht “ein wenig to much?” Fragen, die am Ende des Abends vom Publikum intensiv und durchaus kontrovers diskutiert wurden. Für sich betrachtet, ein weiterer Erfolg des Theaters.

Es gab langanhaltenden Applaus, jedoch keine Standing Ovations. Gut möglich, dass die einzelnen Zuschauer da noch zu sehr mit ihren ganz persönlichen Gedankengängen beschäftigt waren.

Weitere Aufführungen sind am 6., 14. und 15. Februar in der Europäischen Kunstakademie in der Aachener Straße, jeweils um 19.30 Uhr.


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Erstellt am Autor Rolf Lorig in Featured, Kultur Hinterlasse einen Kommentar

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