Religionen handeln von Wahrheiten, Politik von Interessen

Als Vorsitzender des Freundeskreises der Universität Trier moderierte Alt-OB Helmut Schröer (links) die sich an den Vortrag anschließenden Fragen an Professor Lammert (Mitte). Rechts Universitätspräsident Michael Jäckel. Fotos: Rolf Lorig

TRIER. Zu seinem 40. Geburtstag richtete der Freundeskreis Trierer Universität erstmals eine Gastprofessur ein, die seitdem alle zwei Jahre vergeben wurde. Zum 50-Jahre-Jubiläum 2019 hatte der Förderverein der Universität einen prominenten Gastprofessor aus der Politik berufen. Norbert Lammert, ehemaliger Bundestagspräsident und Vorsitzender der Konrad-Adenauer-Stiftung, setzte sich inhaltlich mit dem Thema “Politik und Religion – Anmerkungen zu einem unauflösbaren Spannungsverhältnis“ auseinander. Zum Auftakt sprach der frühere Bundestagspräsident am Montagabend im sehr gut besuchten Audimax. Spannend wird es sicherlich auch am 1. Juli, wenn Norbert Lammert mit dem Trierer Bischof Stephan Ackermann über diese Thematik diskutieren wird.

Von Rolf Lorig

Wie steigt man am besten in ein Thema ein, das abstrakter kaum sein kann? Michael Jäckel, Präsident der Universität Trier, hatte den optimalen Weg gefunden. Bei der Begrüßung zeigte er eine Ausgabe der Frankfurter Allgemeinen Zeitung, die ein Bild des russischen Präsidenten Wladimir Putin am russischen Osterfest in der Erlöserkathedrale auf dem Titel hatte: auf der Stirn des Präsidenten zeigte das Foto ein Kreuz.

“Religion war schon immer mehr als eine Privatangelegenheit”

Warum das Spannungsverhältnis zwischen Religion und Politik auch künftig unauflösbar sein wird, machte Norbert Lammert am Ende seines Vortrages deutlich: “Religion war nach allen historischen Erfahrungen schon immer mehr als eine Privatangelegenheit. Weltweit gibt es viele eindrucksvolle, in der Regel eher abschreckende Beispiele dafür, dass die demonstrative Absage an religiöse Orientierung eine Gesellschaft weder humaner noch moderner macht.”

Doch zwischen dieser Erklärung und dem Beginn seines Vortrages lag etwa eine Stunde Zeit. Raum, den der Honorarprofessor an der Ruhr-Universität Bochum wohl zu nutzen wusste. Für den bekennenden Katholiken ist das Thema nicht neu, schon seit Jahren setzt er sich damit auseinander. So auch bei den Bitburger Gesprächen im Jahr 2017, die den Anstoß zu der Einladung einer Gastprofessur an der Universität Trier gaben.

Wie eng Religion und Politik in Deutschland verbunden sind, veranschaulichte Lammert am Beispiel des Grundgesetzes und der Weimarer Verfassung. Die im Grundgesetz festgehaltenen Staatskirchenrechte wurden seinen Worten zufolge wortgenau aus der 30 Jahre älteren Weimarer Verfassung übernommen, die vor 100 Jahren in Kraft trat. Lammerts Vortrag orientierte sich an diesem Abend an zwei Fragen: Wie viel Religion erträgt eine moderne, aufgeklärte liberale Gesellschaft? Und wie viel Religion braucht ein demokratisch verfasster Staat? Für den früheren Bundestagspräsidenten steht fest, dass beide Fragen untrennbar miteinander verbunden sind: “Die eine Frage ist ohne die andere nicht hinreichend praktikabel zu beantworten.”

Den Grund dafür sieht der Sohn eines Bäckermeisters darin, dass Politik und Religion eine große, fundamentale Gemeinsamkeit haben: “Zwei mächtige Gestaltungsansprüche über eine Gesellschaft und ihre Regeln.” Jedoch gebe es einen großen Unterschied zu Literatur und Philosophie, die sich mit gleichen oder ähnlichen Sachverhalten beschäftigen: “Diese verbinden damit keine Geltungsansprüche.”

Knapp zwei Stunden lang setzte sich Professor Norbert Lammert in seinem Vortrag sowie in der Beantwortung von Fragen mit dem Thema auseinander.

“Wer behauptet, Religion habe nichts mit Politik zu tun, weiß nicht, was Religion bedeutet.”

Die Unterschiede bei den Geltungsansprüchen von Religion und Politik seien nicht weniger bedeutsam als ihre Gemeinsamkeiten. Laut Lammert richten sich beide Bereiche “an die gleiche Kundschaft in der Gesellschaft – mit ähnlichen oder unterschiedlichen Gestaltungsansprüchen. Schon Mahatma Gandhi habe auf dieses Spannungsverhältnis aufmerksam gemacht: “Wer behauptet, Religion habe nichts mit Politik zu tun, weiß nicht, was Religion bedeutet.” Den fundamentale Unterschied formuliert Lammert so: “Religionen handeln von Wahrheiten, Politik von Interessen.” Die Einsicht, dass man die Wahrheitsfrage nicht verlässlich lösen könne, mache die Politik erforderlich, weil sie die ständige Suche nach vorläufigen Antworten erzwinge. “Die Einsicht in die Aussichtslosigkeit einer Beantwortung der Wahrheitsfrage macht Demokratie erst möglich. Auf der Basis absoluter Wahrheitsansprüche ist Demokratie als Legitimation von Entscheidungen durch Verfahrensregeln gar nicht möglich. Insofern setzt Demokratie tatsächlich die Trennung von Religion und Politik voraus.”

Natürlich wandte sich Nobert Lammert in seinen Betrachtungen auch der Frage zu, was denn eine Gesellschaft zusammenhält: “Geld mit Sicherheit nicht.” Das gelte auch für das Recht und seine Rechtsformen. “Was in einer Gesellschaft erlaubt oder verboten sein soll, kann über förmliche Gesetze geregelt werden. Diese beziehen ihre Überzeugung aus dem Glauben, dass etwas angemessen oder unangemessen ist. Doch jede Gesellschaft braucht über ihre Verfassung hinaus ein Mindestmaß an Gemeinsamkeit. Ist dieses nicht gegeben, verliert sie ihren inneren Zusammenhalt.”

Grundgesetz ist ein hochideologischer, tief religiös geprägter Text

Am Beispiel des Grundgesetzes verdeutlichte der Redner seine These: “Das ist das spektakulärste Beispiel für den politischen und religiösen Zusammenhang und den dort zusammenhängenden Geltungsansprüchen. Bei nüchterner, sozialwissenschaftlicher Betrachtung ist das Grundgesetz ein hochideologischer, tief religiös geprägter Text mit einer Reihe normativer Ansprüche für die Geltung einer modernen Gesellschaft.”

Das in der Präambel reklamierte Bewusstsein der Verantwortung vor Gott und den Menschen müsse nicht in einer Verfassung stehen. Den Beweis dafür sah Lammert beim Blick zu anderen europäischen Ländern, die diesen Schritt bislang nicht unternommen haben. Selbst der erste Versuch einer gemeinsamen Verfassung für die EU sei an dieser Frage fast gescheitert, weil sich die Mitgliedsstaaten auf eine ähnliche Präambel nicht verständigen konnten.

Dennoch erlebe man aktuell “eine erstaunliche globale Revitalisierung von Religionen im öffentlichen Raum”. Damit einher gehe aber eine teilweise erschreckende Politisierung und Instrumentalisierung von Religion mit immer häufiger fundamentalistischen Ansprüchen. “In der Gesellschaft, in der wir heute leben, gehören nur noch zwei Drittel aller Menschen einer Religionsgemeinschaft an. Davon wiederum können etwa 60 Prozent einer der beiden großen christlichen Gemeinschaften zugeordnet werden. Das bedeutet, dass eine wachsende Minderheit keine religiöse Bindung mehr aufweist.”

Interessant findet Lammert in dem Zusammenhang die Ergebnisse von Umfragen, wonach es auch bei den Menschen, die keine Beziehung zu den Kirchen haben, eine “überragende Akzeptanz der Bedeutung religiöser Werte für eine Gesellschaft” gibt. Was möglicherweise mit der Auseinandersetzung mit den bis dato für irrelevant gehaltenen anderen Religionsgemeinschaften zusammenhängen könne. Unabhängig von der eigenen Glaubensfestigkeit gebe es “ein starkes Interesse am Charakter dieses Landes, das durch die Christliche Kultur entscheidend geprägt wurde”.

Auch das Publikum hatte hinreichend Gelegenheit, Fragen an den Redner zu platzieren.

Politik und Kirche negieren Reformbedarf

Und auch auf dem Feld “Glaubensfestigkeit” machte Lammert Parallelen zwischen Kirche und Politik aus: “In der Politik ist das Vertrauen in die Institutionen und Parlamente dramatisch zurückgegangen. Gleichzeitig gibt es aber ein deutlich messbares Partizipationsinteresse an der Politik.” Ähnlich sei das Verhalten der Menschen im Bereich der christlichen Kirchen: “Die jeweilige Kundschaft bestätigt ausdrücklich die Relevanz des Produktes, will aber mit den Handelsorganisationen nichts mehr zu tun haben.” Von daher sei es falsch und zu kurz gesprungen, wenn man von “Politikverdrossenheit” und “Glaubensverlust” spreche. Vielmehr zeige das, dass beide Institutionen – Politik und Kirche – den Reformbedarf negieren und sich hinter Floskeln verstecken würden.

Am Ende seines Vortrages zog Norbert Lammers schließlich Bilanz: “Ich plädiere für eine sorgfältige Trennung und zugleich für eine intelligente Verbindung von Politik und Religion, von Glauben und Handeln.” Die Ansicht, Religion sei eine rein private Angelegenheit, stimme nur zum Teil: “Allen historischen Erfahrungen zufolge hatte Religion schon immer gesellschaftliche Auswirkungen. Das Spannungsverhältnis zwischen Kirche und Politik wird deshalb auch weiter Bestand haben.”

Bleibt am Ende die Frage, wie viel Religion eine modern und aufgeklärt lebende Gesellschaft braucht? “Mindestens so viel, wie ein demokratisch verfasster Staat im Interesse seiner Selbsterhaltung benötigt.”


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Erstellt am Autor Rolf Lorig in Featured, Gesellschaft 1 Kommentar

Kommentar zu Religionen handeln von Wahrheiten, Politik von Interessen

  1. Wende

    Demokratie, Grundgesetz, Verfassung, Menschenrechskonvention- „Was nützt der beste Rechtsstaat auf dem Papier, wenn er in die Köpfe und die Herzen der Menschen, die ihn vertreten sollen, keinen Eingang finden kann?“, fragt man sich im Internet. Lass Dich überraschen- https://youtu.be/AKl0kNXef-4. Lobbyisten haben “das Sagen”- https://www.youtube.com/watch?v=y5FiOrJClts. Das Zulassungssystem wird von der Industrie manipuliert, Profit gilt als wichtiger als Menschenleben, vgl. arte-Video „unser täglich Gift“, https://www.youtube.com/watch?v=qnwi4_fXS5Q, zur Medizin https://www.youtube.com/watch?v=jyemPnEstEw, zu Implantaten
    http://news.doccheck.com/de/228007/implantate-immer-mehr-todesfaelle/ und zur Computertomografie http://www.ippnw.de/commonFiles/pdfs/Atomenergie/Krebs_nach_niedrigen_Strahlendosen.pdf.
    Gerichtlichen und behördlichen Entscheidungen fehlt zumeist eine plausible Begründung- https://unschuldige.homepage.t-online.de/. Rechtsbeugungen sind systemkonform, das System schützt sich vor einem Outing selbst – durch konsequente Manipulation, vgl. http://www.hans-joachim-selenz.de/kommentare/2008/justiz-sumpf-deutschland.html. Es herrscht ein ausgeprägtes „Kastendenken” bei allen Beteiligten, vgl. z.B. http://dipbt.bundestag.de/doc/btd/12/013/1201338.pdf. Alle sind dann überlastet.
    Ein echtes Interesse für Menschenrechte müsste noch geweckt werden, z.B. mit Bürgergerichten- https://www.change.org/p/strafbarkeit-von-rechtsbeugung-wiederherstellen-b%C3%BCrgergerichte-einf%C3%BChren.

     

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