Renan Demirkan: “Bücher sind geistige Nahrung”

Als gelernte Schauspielerin setzt Renan Demirkan bei ihren Lesungen auch gezielt Gestik und Mimik ein. Fotos: Rolf Lorig

TRIER. Wenn es um kulturelle Veranstaltungen geht, blickt manche Stadt neidvoll auf das reiche Angebot der Mosel-Kulturhauptstadt. Ein Baustein davon ist “StadtLesen”, das Lesefestival unter freiem Himmel. Am gestrigen Donnerstag hatte das Team von Sebastian Mettler zum sechsten Mal in Folge den Domfreihof mit mehr als 3.000 Büchern aus dem aktuellen Verlagsprogramm und gemütlichen Sitzgelegenheiten in eine Freiluft-Bibliothek verwandelt. Doch zum Auftakt der Veranstaltung spielte Wettergott Petrus erstmals nicht mit, weshalb die Lesung der Selbsthilfegruppe Wortsalat und die der Schauspielerin und Autorin Renan Demirkan, die einen Tag zuvor ihren 64. Geburtstag gefeiert hatte, in den Mehrzweckraum des Bildungs- und Medienzentrum der Stadt Trier verlegt werden musste.

Von Rolf Lorig

Nach der Veranstaltung ist vor der Veranstaltung: Kaum war das letztjährige StadtLesen zu Ende gegangen, hatte Caroline Thielen-Reffgen vom kommunalen Bildungsmanagement mit den Vorbereitungen zur diesjährigen Veranstaltung begonnen. Ein wichtiger Punkt dabei war die Frage, welche prominente Persönlichkeit man für die Auftaktlesung gewinnen kann. Und hier landete das Team rund um Thielen-Reffgen einen echten Volltreffer. Denn die 64-jährige, in der Türkei geborene Schauspielerin und Autorin Renan Demirkan, die seit ihrem siebten Lebensjahr in Deutschland lebt, ist trotz ihres zierlichen Körperbaus ein echtes Schwergewicht. Politisch engagiert und der SPD nahe stehend, hat sie dem früheren Bundeskanzler Gerhard Schröder für dessen Agenda 2010 öffentlich die Leviten gelesen, weil sie nach wie vor darin einen Angriff auf die Würde des Menschen sieht. Bemerkenswert auch ihr Projekt “Zeit der Maulbeeren“, mit dem sie schwer erkrankten Frauen einen Rückzugs- und Genesungsort geschaffen hat. Dass sie auch als Autorin eine Menge zu sagen hat, bewies sie bereits zu Beginn der neunziger Jahre mit ihrem Erstlingswerk “Schwarzer Tee mit drei Stück Zucker“, in dem sie sich mit der deutsch-türkischen Migrationsgeschichte auseinandersetzte.

Sitzplätze waren bei der Lesung von Renan Demirkan Mangelware

Die Frau, die Horst Schimanski zum Träumen brachte

Demirkan hasst Voreingenommenheit und Vorurteile, tritt dem in Interviews, Talkshows und Veranstaltungen wie StadtLesen entgegen. Auch in Trier zeigte sich die Schauspielerin und Autorin von ihrer kämpferischen Seite, indem sie beispielsweise die Ausbeutung von Menschen durch den Einsatz von Zeitverträgen anprangerte, die ebenfalls zum Verlust der Menschenwürde beitragen würden. Für ihre Lesung vor 150 Gästen hatte sie ein Potpourri zusammengestellt, das aus literarischen Werken und Gedanken prominenter Schriftsteller, aber auch eigenen Texten und Erinnerungen bestand. Vorgesehen war, dass sie eine Stunde liest. Am Ende standen aber etwa 90 Minuten auf der Bilanz.

Die Frau, die Mitte der achtziger Jahre im Film das Raubein Horst Schimanski zum Träumen brachte, verzauberte auch in Trier ihr Publikum. Es gab kaum noch einen Stehplatz im Mehrzweckraum, als Rudolf Fries, der Leiter des Bildungs- und Medienzentrums, die Gäste der Lesung – darunter auch Alt-OB Klaus Jensen, Dezernent Thomas Schmitt und dessen Amtsvorgänger Jürgen Grabbe sowie StadtLesen-Chef Sebastian Mettler – willkommen hieß. Glücklicherweise blieben die unvermeidlichen Grußworte recht kurz, so dass Renan Demirkan schon bald das Mikrofon übernehmen konnte. Quirlig und wortgewaltig machte die kosmopolitische Schauspielerin und Autorin sowie leidenschaftliche Demokratin sich erst einmal mit der Vorstellung ihres Elternhauses bei ihrem Publikum bekannt. Ihre Eltern seien eigentlich keine Türken, sondern Tscherkessen gewesen, klärte sie auf. Das Besondere: “Das ist ein Volk, das keine Schreibsprache hat, dessen Sprache aus Klick-, Zisch- und Rachenlauten dem Geräusch ähnelt, wenn man einen Sack Kieselsteine über den Boden zieht.”

Im Alter von sieben Jahren kam sie mit den Eltern nach Deutschland. Stolz ist sie auf den Vater und seine Bildung. Der arbeitete als Ingenieur beim Bau der U-Bahn in Hannover. Er sei ein Mann gewesen, der die Werke von Kant, Hegel, Schopenhauer, die er im kemalistischen Internat kennengelernt hatte, überaus verehrte. Und nicht nur die: “Unsere 110-Quadratmeter-Wohnung war prall gefüllt mit mehr als 5.000 Werken der deutschen Geisteswissenschaft.”

Signierstunde im Foyer

Intime Momente mit tiefen Einblicken

Auf der anderen Seite die Mutter, die Renan Demirkan über alles liebte. Sie war eine einfache Frau vom Land, Analphabetin, die die Familie mit einfachen Arbeiten unterstützte und abends, “während der Vater bei seinen Büchern und einem Cognac entspannte, ohne zu murren noch den Haushalt machte und sich nie eine Pause gönnte”.

Immer wieder brachen an diesem Abend die Erinnerungen an ihre Familie aus Demirkan hervor. Es waren intime Momente, in denen sie sich ihrem Publikum gegenüber völlig öffnete, Einblicke in ihr tiefstes Innere gewährte.

Und dann war da noch die Frau, die die Liebe zur Literatur und zum geschriebenen Wort vom Vater geerbt hat. Kurz nach ihrem 18. Geburtstag habe sie das Elternhaus verlassen und dann für die erste eigene Wohnung sofort auch eigene Bücher gekauft. Sie engagierte sich früh politisch, war in den ersten Bürgerinitiativen aktiv: “Wir hatten unsere Utopien.” Den Stoff für diese Utopien sog sie wiederum aus den Büchern. Bis zum heutigen Tag ist das geschriebene Wort für sie von lebenswichtiger Bedeutung: “Bücher sind mein Heiligtum; sind Nahrung, geistige Nahrung, ohne die ich nicht leben könnte.”

Wegen des Regens musste die Veranstaltung vorübergehend ias Gebäude der Städtischen Bücherei umziehen.

Alles, aber keine leichte Kost

Wenn Renan Demirkan vorliest, scheint die Welt stillzustehen. Mit ihrer geschulten Stimme holt sie den Zuhörer ab, führt ihn durch das Reich der Realität und der Phantasie, begleitet ihn an die Orte, die ihr auch persönlich wichtig sind. Wie gut das funktioniert, zeigte sich auch an diesem Abend, an dem sie aus Texten las, die nicht annähernd in den Verdacht gerieten, leichte Kost zu sein. Über lange Zeit hielt ihr das Publikum die Treue, erst kurz vor 20 Uhr verließen erste Gäste den Raum. Auffallend an dem Abend war, wie sehr es Demirkan genoss, ihre Leidenschaft mit Gleichdenkenden zu teilen.

Auch wenn Wettergott Petrus “seiner” Stadt in diesem Jahr nicht die Treue gehalten hat: es war ein Auftakt nach Maß. Bis einschließlich Sonntag besteht noch bei etlichen Veranstaltungen auf dem Domfreihof für jedermann die Gelegenheit, sich vorbehaltlos auf die Welt der Bücher einzulassen und damit an der Welt der Renan Demirkan teilzuhaben.


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Erstellt am Autor Rolf Lorig in Featured, Kultur 1 Kommentar

Kommentar zu Renan Demirkan: “Bücher sind geistige Nahrung”

  1. Miriam Kuhn , Trier

    ich war auch am Donnerstag zur Lesung von Renan Demirkan. Sie ist mit Leidenschaft dabei erzählt aus ihrem Leben, ihren Erfahrungen, es hat mich Inspieriert. Danke.

     

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