Schauspieler, die wie Profis agieren

Sport und Tanz sind auch im Altersheim unverzichtbar. Fotos: Rolf Lorig

Sport und Tanz sind auch im Altersheim unverzichtbar. Fotos: Rolf Lorig

TRIER. Heute schon eine ‟Heim-Suchung‟ erlebt? Falls nein, sollte man das unbedingt nachholen. Denn noch zweimal, am Samstag und Sonntag, gastiert com.guck, das Theater der Lebenshilfe Trier, mit seinem neuesten Stück im Großen Saal der Tufa. Premiere war am Freitagabend. Die Zuschauer erlebten eine Aufführung, die den Vergleich zum professionellen Theater nicht scheuen musste.

Von Rolf Lorig

Es war der Stern-Gründer und spätere Herausgeber Henri Nannen, der den journalistischen Nachwuchs immer wieder zum genauen Hinschauen animierte. ‟Schreib’ das auf‟, lautete dann seine Forderung und so entstanden damals mit die besten Geschichten im deutschen Journalismus. Fast mag man glauben, der oder die Autoren des Theaterstückes ‟Heim-Suchung‟ wären durch die Nannen’sche Schule gegangen. Vereinfacht gesagt geht es um das Alter. Und um die Frage: Wie und wo will ich meinen Lebensabend verbringen? Ergänzt durch die etwas bitteren Fragen: ‟Wie will ich eigentlich alt werden und wer bestimmt, wie und wo ich leben werde, wenn ich Hilfe oder Pflege brauche?”

Auf die richtige Pille kommt es an...

Auf die richtige Pille kommt es an…

Der letzte Teil impliziert bereits die gängige Lösung: In den meisten Fällen läuft alles auf ein Leben im Altersheim hinaus. Denn da wird für einen gesorgt, da gibt es Pfleger und Therapeuten, drei oder vier Mahlzeiten am Tag und ein Zimmer mit Bett, Fernseher und Radio.

Soweit die Theorie. Wie es aber tatsächlich aussehen kann, zeigte das hinreißende 15-köpfige Ensemble unter der Regie von Moni Kukawka. In dem 80-minütigen Theaterstück, das blendend mit einem Minimum an Requisiten auskommt, durchläuft der Zuschauer alle Phasen der Gefühle: Man kann herzhaft lachen und ist schon wenig später gefangen im Keller der Gefühle. Wenn beispielsweise das überlaute Ticken einer imaginären Uhr die quälend langsam vergehende Zeit zwischen den Mahlzeiten verdeutlicht und die Schauspieler in ihrem (perfekten) Spiel schweigend in sich zurückgezogen und von allem Geschehen abgeschnitten darauf warten, dass sich irgendwann etwas ereignet. In diesen Momenten gibt es kein Ausweichen oder Verdrängen. Die Ausweglosigkeit und Situations-Tristesse beschleicht Stück für Stück auch die Zuschauer, konfrontiert sie mit der Brutalität des Moments, macht sie still und heimlich zu Mitbewohnern im Altenheim.

Das Ende eines sehr gelungen Abends....

Das Ende eines sehr gelungen Abends….

Wobei das Stück die Wirklichkeit nicht überzeichnet, ganz im Gegenteil. Jeder, der schon mal in einem Altersheim zu Besuch war wird sie kennen, die Szenen. Das Personal, das sich in erster Linie unterhält und in tiefer Routine verhaftet an den Menschen vorbei seiner Arbeit nachkommt. Die Kinderlieder, die man mit den Alten für den Familienabend einstudiert. Der bis in die Haarspitzen hochmotivierte Nachwuchs, der von den Bewohnern dankbar aufgenommen wird, der sich dann aber den Regeln und der Routine beugen muss. Die Pillen, die renitente Alte ruhigstellen und die Arbeit vereinfachen sollen. Die Schreie der Menschen, die langsam aber sicher im Dunkel der Demenz versinken. Die Angehörigen, die damit nicht klar kommen. Die Hilflosigkeit, die entweder zu einem Schuldgefühl oder zu einem Befreiungsschlag führt.

Glücklicherweise gibt es aber auch die vielen schönen und lebensfrohen Momente, in denen die Zuschauer die enorm starke Empathie der Schauspieler in sich aufnehmen können, die den Abend schließlich in letzter Konsequenz zu einem wirklich tollen und sehr nachhaltigen Erlebnis werden lassen. Hut ab vor dieser Leistung der Laiendarsteller, so viel Spielfreude, Einsatz und Spielvermögen bekommt man nicht alle Tage zu sehen. Wer noch die Gelegenheit hat, sollte sich unbedingt eine der beiden noch stattfindenden großartigen Aufführungen an diesem Wochenende in der Tufa anschauen.


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Erstellt am Autor Rolf Lorig in Featured, Gesellschaft Hinterlasse einen Kommentar

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