Schnuppern auf Kasters Spuren

Wer folgt auf Bernhard Kaster? Udo Köhler (links) hat keine eigenen Ambitionen, wie er versichert.

Wer folgt auf Bernhard Kaster? Udo Köhler (links) hat keine eigenen Ambitionen, wie er versichert.

TRIER. Wer beerbt Bernhard Kaster in der CDU? Die Frage treibt die Christdemokraten in Stadt und Landkreis seit Monaten um. Im vergangenen Herbst kündigte Kaster an, nicht erneut für den Bundestag kandidieren zu wollen. Der selbstgewählte Abschied des Pfalzelers mag für viele überraschend gekommen sein. Innerhalb der CDU hatte er sich schon länger angedeutet. Denn Kaster war parteiintern alles andere als unumstritten. Vor allem im Landkreis war das Murren deutlich zu vernehmen. Allenfalls der Zeitpunkt seiner Ankündigung gab Anlass zur Kritik. Wenige Monate vor der für die Partei so wichtigen Landtagswahl werteten etliche Unionschristen Kasters Rückzugsplan als Signal der Schwäche und als kontraproduktiv für die gemeinsame Sache. Doch für den ehemaligen Parteichef der Trierer CDU war damals bereits klar: Sollte er erneut Ambitionen anmelden, dürfte er kaum um einen Gegenkandidaten herumkommen. Dieser persönlichen Herausforderung wollte der Pfalzeler sich nach 14 Jahren im Bundestag offensichtlich nicht mehr stellen. Nun sucht die CDU mit einer Findungskommission nach einem geeigneten Nachfolger. Fündig geworden ist sie noch nicht. Denn mit der Frage, wer Kaster beerbt, muss noch eine weitere beantwortet werden: Wer in der CDU hat das Format, nicht nur gegen SPD-Generalsekretärin Katarina Barley anzutreten, sondern die Sozialdemokratin auch zu schlagen?

Udo Köhler gibt sich locker und entspannt. Der Fraktions- und Parteichef der Trierer CDU ist die Ruhe selbst. Zu ruhig, sagen seine Kritiker. Andere sprechen von Führungsschwäche. Über sich selbst sagt er: “Ich bin kein Polterer!” Seit Köhler sowohl den Parteivorsitz von Bernhard Kaster übernahm als auch Ulrich Dempfle als Fraktionschef im Trierer Stadtrat nachfolgte, mehren sich die Stimmen, der 53-Jährige sei mit der Doppelfunktion überfordert. Köhler sieht das anders. “Offensichtlich trauen viele mir diese Aufgaben zu, sonst wäre ich nicht mit so großer Mehrheit gewählt worden”, sagt er auch. An Rückzug von der Spitze denkt Köhler nicht, wie er gegenüber dem reporter betont, weder in der Fraktion noch in der Partei.

Dabei weiß der Architekt, dass der Wind ihm scharf ins Gesicht bläst. Köhler ist ruhig, aber nicht naiv. Das Debakel bei der Landtagswahl haftet auch an ihm. Als Direktkandidat stand er gegen Ministerpräsidentin Malu Dreyer von der SPD aussichtslos auf verlorenem Posten. Dreyer verpasste nur knapp die absolute Mehrheit, während die CDU mit Köhler auf ein neues Allzeittief bei den Erststimmen fiel. Damit lagen die hiesigen Konservativen zwar im Landestrend, doch trösten kann sie das in ihrer ehemaligen Hochburg kaum. Erhofft hatten sich die Unionschristen frischen Schwung mit Köhler. Der aber blieb aus, und so wächst aus der Ausarbeitung des Wahlergebnisses auch die Frage nach der Zukunft Köhlers heraus.

Köhler muss jonglieren

Denn in der Nach-Kaster-Ära sucht die Trierer CDU auch unter Köhlers Regie nach ihren Positionen. Der neue Fraktions- und Parteichef setzte die Zusammenarbeit mit den Grünen im Stadtrat fort, was selbst viele führende Köpfe des Bündnispartners verwunderte. Im Landkreis stößt die von Kaster aus strategischen Gründen initiierte Liaison der Stadt-CDU mit den Grünen ohnehin auf wenig Gegenliebe. Geteilt wird diese Auffassung auch von vielen Trierer Unionschristen, die in der AfD inzwischen eine gefährliche und echte rechts-konservative Alternative zur CDU sehen.

So muss Köhler als Kasters Erbe mit mehreren Bällen gleichzeitig jonglieren. Er darf das starke konservative Lager um Männer wie Horst Freischmidt, Karl Biegel, Matthias Melchisedech, Friedl Schulz und außerparlamentarisch um den Kürenzer Ortsvorsteher Bernd Michels nicht verprellen. Gleichzeitig steht er den Grünen gegenüber im Wort, und er muss ferner den progressiven jungen Wilden in der Union genug Leine geben, damit die ihm nicht von der Fahne gehen. Denn der Parteichef setzt klar auf den Nachwuchs um den Trierer Chef der Jungen Union, Thorsten Wollscheid, der über Köhler sagt, er sei “der richtige Mann am richtigen Platz”.

Wollscheid sieht keine Alternative zum amtierenden Fraktions- und Parteivorsitzenden. “Udo Köhler pflegt zwar einen anderen Führungsstil als Bernhard Kaster”, sagt der JU-Chef, “was aber keineswegs heißt, dass der schlechter ist.” Im Gegensatz zu Kaster binde Köhler deutlich mehr Leute bei den parteiinternen Entscheidungen ein. Die verbale Unterstützung Wollscheids für den Chef ist zugleich eine Kritik am alten Vorsitzenden. Gerade die jungen Unionschristen, zu denen neben Wollscheid auch der aufstrebende Nachwuchs um Philipp Bett und Jörg Reifenberg gehört, fühlten sich vom autoritären Führungsstil Kasters, der darin von Ex-Fraktionschef Dempfle flankiert wurde, oft drangsaliert und bevormundet. Unter dem Duo Kaster/Dempfle wäre eine eigene Position der Jungen Union wie in der Debatte um die Sanierung der Egbert-Schule undenkbar gewesen.

Keine eigenen Ambitionen

Kann Köhler also selbst Bundestagskandidat? Vielleicht. Aber er will nicht. Bei dieser Frage winkt er kategorisch ab. “Ich habe definitiv keine Ambitionen”, erklärt er gegenüber dem reporter. Dennoch kommt ihm eine Schlüsselrolle zu. Denn Köhler sitzt zusammen mit ART-Chef Max Monzel, Jörg Reifenberg, dem Kreischef Arnold Schmitt, Kreisvize Rudi Müller und der Kreisbeigeordneten Stephanie Nickels in der Findungskommission, die aus dem weiten Feld den geeigneten Kandidaten für die Kaster-Nachfolge aussieben soll. Das Sextett ist paritätisch besetzt: drei Christdemokraten aus dem Landkreis, drei aus der Stadt. Bei der entscheidenden Delegiertenversammlung, die letztlich über den Kaster-Erben befinden muss, werden die Unionschristen aus dem Landkreis allerdings deutlich in der Mehrheit sein – etwa im Verhältnis zwei zu eins.

Allzu weit ist die Kommission allerdings noch nicht vorgedrungen. Das räumt Köhler ein. Zwar kursieren im christdemokratischen Politraum die Namen der üblichen Verdächtigen: Günther Schartz, Landrat und Sohn des ehemaligen Bundestagsabgeordneten Günther Schartz Senior, Simone Thiel aus Saarburg und Sascha Kohlmann aus Schillingen, der sich auch schon selbst als Kaster-Nachfolger ins Gespräch gebracht haben soll. Doch Köhler reagiert zurückhaltend, wenn die Namen fallen. “Wir führen Gespräche”, sagt er nur. Festlegen will er sich nicht. Auch Schartz will sich öffentlich nicht zu den Spekulationen um seine Person äußern. Er verweist auf Kreischef Schmitt.

Müller wird da schon deutlicher. “Der Kandidat sollte in der Lage sein, die CDU-Programmatik glaubwürdig darzustellen”, sagt der stellvertretende Kreisvorsitzende der Union. Wobei offen bleibt, worin diese Programmatik im augenscheinlichen Dualismus zwischen CDU-Stadt und CDU-Land besteht. Unverkennbar allerdings ist: Die Christdemokraten im Landkreis wollen keinen neuen Kaster, der die Union aus strategischen Überlegungen heraus in ein Bündnis mit den Grünen führte und dafür elementare Überzeugungen der Konservativen opfern musste, was dann auch in den Kreis durchschlug. Die Riege um Köhler will keinen ultrakonservativen Kandidaten, der nur der Kreis-CDU schmecken könnte. Einig sind sich beide Verbände offenbar nur in einem: Kasters autoritärer und in sich gekehrter Politikstil soll der Vergangenheit angehören. “Er war ein guter Bundestagsabgeordneter für Trier”, sagt ein Christdemokrat aus der Stadt, “aber als Parteichef eine Katastrophe!”

Druck aus dem Landkreis

Katarina Barley sei schlagbar, sagt Rudi Müller von der Kreis-CDU. Foto: Rolf Lorig

Katarina Barley sei schlagbar, sagt Rudi Müller von der Kreis-CDU. Foto: Rolf Lorig

Aber noch mischt Kaster kräftig mit. Über sein Berliner Büro lässt der Pfalzeler zwar mitteilen, er wolle sich zur Kandidatensuche nicht äußern, um keinen Einfluss auszuüben. Doch hinter den Kulissen ist die christdemokratische Welt eine andere: Auf der jüngsten Kreisvorstandssitzung der Trierer Union musste Köhler sich nach reporter-Informationen schwere Vorwürfe der Ex-CDU-Granden anhören. Von Lethargie und Führungsschwäche bis hin zu Rücktrittsforderungen soll da die Rede gewesen sein. Doch Köhler ficht das kaum an. Er will seinen Weg weitergehen – als Fraktions- und Parteichef.

Wobei Köhler nur zu gut weiß, dass die Nominierung des Kaster-Nachfolgers auch für ihn persönlich zur Nagelprobe werden kann. Denn nach dem Debakel bei der Landtagswahl dürfte der Verlust des Direktmandats bei der kommenden Bundestagswahl nicht ohne personelle Konsequenzen über die Bühne gehen. Die würden dann auch Köhler betreffen. Müller legt die Messlatte sehr hoch: “Ich halte Katarina Barley für schlagbar, und jetzt ist die Frage, wer sie schlägt?” Auch der Kreisvize erhöht den Druck auf seinen Parteifreund Köhler. “Es gibt noch keinen Kandidaten”, sagt Müller, “aber es gibt auch noch keinen neuen Termin für die Sitzung der Sondierungskommission.”

So wird sich die Suche nach dem politischen Schwergewicht, das die inzwischen überaus populäre Schweicherin Barley in der Erbfolge Kasters besiegen kann, über die Sommerpause hinweg ziehen. Bis dahin will Köhler weitere “Gespräche im kleinen Kreis” führen. “Am Ende”, so hofft er, “werden möglichweise bis zu drei Kandidaten übrigbleiben.” Aktuell steht für ihn nur eines fest: “Es gibt keine Priorisierung zwischen Stadt und Landkreis.” Soll heißen: Köhlers CDU wird den Land-Kollegen das Feld trotz der nummerischen Überlegenheit auf der Delegiertenversammlung, die im Herbst stattfinden soll, nicht freiwillig überlassen. Das ist die Führungsstärke, wie Udo Köhler sie versteht, “ohne laut zu poltern”. (et)


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Erstellt am Autor Eric Thielen in Featured, inside54.de, Politik Hinterlasse einen Kommentar

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