Seelenbalsam in realer Utopie

Er selbst sagt von und über sich, er sei ein gerontosophischer Nähkästchen-Erzähl-Kabarettist. Franz-Josef Euteneuer leitet das Begegnungsforum im Haus Franziskus seit 29 Jahren.

Er selbst sagt von und über sich, er sei ein gerontosophischer Nähkästchen-Erzähl-Kabarettist. Franz-Josef Euteneuer leitet das Begegnungsforum im Haus Franziskus seit 29 Jahren.

TRIER. Etwas mehr als zwei Monate noch, dann soll Schluss sein: Die Waldbreitbacher Franziskanerinnen haben die Schließung des Begegnungsforums Haus Franziskus in der Trierer Christophstraße zum 30. Juni angekündigt. Nach 29 Jahren endet damit eine Ära. Der Orden führt personelle und finanzielle Gründe für seine Entscheidung an. Das denkmalgeschützte Haus soll verkauft werden. Erster Interessent ist ein Trierer Immobilienmakler, weil das Bistum offenbar keine eigenen Ambitionen hat. In einem Schreiben an die Fraktionen des Stadtrates und den neuen Oberbürgermeister Wolfram Leibe (SPD) suchen Franz-Josef Euteneuer und der Förderverein des Begegnungsforums nun die Unterstützung der Politik. Zusammen mit den Schwestern Ute Glatz und Antonie Hamm führt Euteneuer das Haus seit 1986. Das Konzept besitzt weit über die Grenzen Triers hinaus Strahlkraft. “Wir sind eine Real-Utopie”, sagt der Sozialpädagoge. “Unser Angebot ist einzigartig, nicht nur in Trier.” Ein Blick ins Innere des Begegnungsforums, dessen Schließung eine große Lücke in der soziokulturellen Landschaft der Moselregion hinterlassen würde.

Da ist die messingfarbene Glocke rechts neben der Holztreppe, die zum ersten Stock führt. Wenn sie schlägt, weiß selbst Franz-Josef Euteneuer, was die Stunde geschlagen hat. Da sind die Fliegen und schreiend leuchtenden Klamotten. Tiefblau, quietschgelb, mal mit, mal ohne Weste. Da sind die wehenden Haare, die mit einem eleganten Streich aus Augen und Stirn geworfen werden. Und da ist der Hund Izumi. Der ist zwar noch nicht ganz so alt wie das Haus Franziskus, aber fast. Ihn fährt der Euteneuer Franz-Josef gerne im umgebauten schwarzen Velo spazieren. Das ähnelt dem Fahrrad eines Bäckerjungen von anno dazumal in Uromas Zeiten. Fehlt nur noch der Ruf “Frische Brötchen!” Scherzhaft hat Euteneuer auch den manchmal auf den Lippen.

Euteneuer ist längst ein Trierer Original. Dabei stammt der Mann aus Betzdorf im schönen Westerwald. Seine Fliegen bindet er selbst, seine bunten Outfits sind Markenzeichen wie auch Programm. Geht er mit seinem Hund in der Allee spazieren, muss auch Euteneuer Dampf herausnehmen, gleich zwei Gänge zurückschalten. Weil der hagere Vierbeiner unfassbar langsam auf seinen Pfoten unterwegs ist. Das Alter nagt an ihm. Hin und wieder fällt er einfach mal um. Nein, nicht das Herrchen, der Hund. Dann nimmt Euteneuer Izumi liebevoll auf seine Arme und trägt ihn heim. Ins Haus Franziskus. Hier sind beide zu Hause. Euteneuer seit 29 Jahren.

Hier ist jeder Mensch, weil er sein darf

Er selbst sagt von und über sich, er sei ein gerontosophischer Nähkästchen-Erzähl-Kabarettist. Der adjektivische Neologismus stammt von Euteneuer selbst. Seine Leidenschaft, sein innerer Antrieb, seine Empathie gelten älteren Menschen. Älter, weil das Leben selbst in ihnen Spuren hinterlassen hat. Körperlich. Mögen sie im Geiste auch jung geblieben sein. Sie mit den jüngeren Generationen zusammenzuführen, ja, zu versöhnen und auszusöhnen, das ist Euteneuers Lebenswerk im Begegnungsforum in der Christophstraße. Hier plaudert er aus dem Nähkästchen. Hier philosophiert er. Hier ist er Kabarettist. Hier ist jeder Mensch, weil er sein darf. Ohne Standesdünkel, ohne Vorbehalte, ohne Vorurteile, ohne Stress.

Eine Idylle für Seele und Geist: Das Haus Franziskus besitzt Strahlkraft weit über Trier hinaus.

Eine Idylle für Seele und Geist: Das Haus Franziskus besitzt Strahlkraft weit über Trier hinaus.

Andere sagen über ihn, er sei ein positiv Verrückter, ein schräger Vogel. Was er sich mit seinen inzwischen 59 Jahren bewahren konnte, ist seine uneingeschränkte Neugier. Darin ist er Kind geblieben. Unvoreingenommen geht er auf die Menschen zu, nimmt sie ohne Ausnahme an. “Wir alle sind beim Namen gerufen”, sagt er. Das ist für ihn christlich, urchristlich. Was einer ist, war oder sein wird, interessiert ihn nicht. “Die innere Abtreibung beginnt dann”, sagt er auch, “wenn wir uns nur noch über die Erwerbstätigkeit definieren.” Wenn also ältere Menschen in ihrem Lebensabend fern der Produktivität das Gefühl beschleicht, nur noch eine Last zu sein. Euteneuer betreibt im Haus Franziskus zusammen mit den Schwestern Ute und Antonie im Namen der Franziskanerinnen von Waldbreitbach, wie er formuliert, “Inlands-Mission” und somit eine zeitgemäße und die Zukunft prägende Nachfolge der seligen Mutter Rosa. “Erlebte Kirche”, nennt Euteneuer das, “die nicht missionieren will, sondern die Menschen so sein lässt, wie sie sind.” Auch im Alter. Und gerade dann.

Wenn überhaupt einer Botschafter des so oft zitierten “Bunten Triers” ist, dann Franz-Josef Euteneuer. In den letzten 29 Jahren schufen er und die beiden Schwestern etwas Einzigartiges in der Christophstraße. Dorthin kommen Flüchtlinge und ausländische Mitbürger mit ihren Sorgen und Problemen. Hier lässt die junge alleinerziehende Mutter ihr Kind unter der Obhut von Ute und Antonie, weil sie den Schwestern uneingeschränkt vertraut. Im lauschigen Innenhof spielt der emeritierte Professor mit dem ehemaligen Handwerker Schach. Alleinstehende Frauen treffen in gemütlicher Runde zusammen. Musik schwingt sich an lauen Sommerabend in den nächtlichen Himmel empor. Euteneuer spricht von einer “Real-Utopie, in der Menschen sich ausprobieren können, wo ihre Schwächen kompensiert werden, wo sie ihre Stärken ausleben können”.

“Ritter-Sport-Typen regieren die Welt”

Im Büffet-Prinzip des Hauses wird nicht der Hunger nach Kalorien, sondern jener der Seele gestillt. Damit sehen sich Euteneuer und das Haus Franziskus in der Tradition von Mutter Rosa, der Ordensgründerin, und Peter Friedhofen, dem Gründer der Barmherzigen Brüder. Der zog einst als Kaminfeger durch die Lande, sang auf den Dächern Kirchenlieder. “Wer weiß”, sagt Euteneuer, “heute müsste er dafür vielleicht sogar in psychiatrische Behandlung.” In der Christophstraße hingegen wäre Friedhofen auch heute nur einer unter vielen. Dort muss niemand sein Licht unter den Scheffel stellen. “Weil hier bei uns im wahrsten Sinne des Wortes Entscheffelung entsteht”, sagt Euteneuer. “Jeder wird so angenommen, wie er ist, keiner ist eine Last, jeder ist als Mensch etwas wert, weil er Mensch ist.”

Als Euteneuer vor 29 Jahren nach Trier kam, sollte er keinen weiteren Versorgungsbetrieb aufbauen. Eine Begegnungsstätte sollte er schaffen, einen Platz des Zusammenlebens und Zusammenseins. Etwas Neues. Etwas Ungewöhnliches. Etwas Einzigartiges. Das war der Grundgedanke. Das haben Euteneuer, Ute und Antonie erreicht. Die Herausforderungen der letzten Jahre wurden gemeinsam gemeistert. Doch die Zeiten haben sich geändert. “Heute regieren die Ritter-Sport-Typen die Welt”, sagt Euteneuer, “quadratisch, praktisch, gut.” Uniformiert eben − und im gleichen Schritt.

Hund und Herrchen: Euteneuer mit Begleiter Izumi vor seinem Zuhause in der Christophstraße.

Hund und Herrchen: Euteneuer mit Begleiter Izumi vor seinem Zuhause in der Christophstraße.

Resigniert ist er deswegen nicht. Das ist ihm in jeder Sekunde anzumerken. Das Feuer brennt immer noch. Still zu sitzen vermag er kaum, und wenn er spricht, dann spricht der ganze Mann: mit den Händen, mit den Armen, sogar mit den Füßen. Dann springt er plötzlich auf, weil ihn ein einziger Gedanke so fesselt, dass er ihm mit dem Ausdruck seines ganzen Körpers Gestalt geben muss. Euteneuers Lachen ist kein Blendwerk, sondern echt. Eine Herzenssache. Das Handy liegt immer griffbereit in Reichweite, und es klingelt im Minutentakt. “Klar”, sagt er dann immer wieder, “machen wir, komm’ einfach vorbei!”

Jetzt sucht er Unterstützung bei der Politik, bei den Fraktionen, beim neuen Oberbürgermeister Wolfram Leibe. Irgendwas an die 100.000 Euro fehlen, um das Begegnungsforum weiterleben zu lassen. Weil das Haus Franziskus längst nicht mehr eine rein pastorale und spirituelle, sondern inzwischen auch eine soziopolitische Aufgabe erfüllt, soll die Politik helfen. “Wenn wir es heutzutage mit unserer ganzen wirtschaftlichen Potenz nicht schaffen, eine solche Institution zu erhalten”, sagt Euteneuer, “dann sind wir im freundlichen Trier wirklich arm dran.” Ob die Schließung noch verhindert werden kann? “Ich weiß es nicht”, sagt er. Er hofft es. Hoffnung trägt ihn immer. Dann reckt der Hund den Kopf, und das Telefon klingelt. Euteneuer ist schon wieder auf dem Sprung. Wie immer. (et)

Extra

Gegründet wurde die Gemeinschaft der Waldbreitbacher Franziskanerinnen 1863 von Margaretha Flesch, besser bekannt unter ihrem Ordens-Namen Mutter Rosa. Sie wurde 1826 in Schönstatt geboren und starb 1906 in Waldbreitbach. Das Mutterhaus des Ordens ist das Kloster Marienhaus unterhalb des Waldbreitbacher Ortsteils Glockscheid. Mutter Rosa widmete ihre Arbeit den Armen, Kranken und Waisen. Sie leitete den Orden als Generaloberin bis 1878. Zu diesem Zeitpunkt waren in 22 Niederlassungen bereits über 100 Schwestern tätig. Am 4. Mai 2008 wurde Mutter Rosa im Trierer Dom seliggesprochen. 1903 gründete der Orden die Marienhaus Kranken- und Pflegeanstalt GmbH, aus der die Marienhaus GmbH Waldbreitbach hervorging, die heute 50 soziale Einrichtungen (Krankenhäuser, Altenheime, Kinderheime, Hospize, Bildungsstätten) in den Bundesländern Nordrhein-Westfalen, Rheinland-Pfalz, Hessen und dem Saarland mit über 11.000 Beschäftigten unterhält.


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Erstellt am Autor Eric Thielen in Featured, Gesellschaft 1 Kommentar

Kommentar zu Seelenbalsam in realer Utopie

  1. Karin Otto

    Ein umwerfend treffendes und eindrucksvolles Portrait, das der Autor Eric Thielen hier beobachtet und in Worte gefasst hat. Kompliment! Alle, die das Haus kennen und schätzen, hoffen, dass die so erfolgreiche Konzeption dieses unnachahmlich kreativen, ideenüberschäumenden, altruistischen und charismatischen Leiters des Begegnungsforums Haus Franziskus, des “Menschenflüsterers” Franz-Joseph Euteneuer, in weitestmöglicher Form und unter seiner weiteren Regie und Impulsgebung fortgeführt werden kann und nicht wie das “Haus” beendet wird. Vielleicht aber findet sich eine Stiftung oder ein privater oder kommunaler oder kirchlicher Investor, der die Immobilie Christophstr.12 für die weitere segensreiche Arbeit übernimmt. Hierzu bedarf es des Engagements aller Bürgerinnen und Bürger und aller Einrichtungen in Trier. Dafür sollten wir alle werben und dazu aufrufen: Rettet das Begegnungsforum Haus Franziskus! !

     

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