Solide, anrührend – aber auch Schwächen

War sie indisponiert? Bei der Premiere blieb die Sopranistin Siheng Yi in ihrer Rolle als “Madame Butterly” deutlich hinter den Erwartungen zurück. Foto: Linda Blatzek

TRIER. Im Theater Trier hat am Samstag Giacomo Puccinis Oper “Madama Butterfly“ Premiere gefeiert. Die rund zweieinhalbstündige Aufführung in italienischer Sprache beeindruckte das Publikum, da sie emotional zu bewegen vermochte. Sie wies neben einigen guten Einfällen und starken Momenten aber auch Schwächen auf. Anke Emmerling war für den reporter in der Premiere. Hier ihr Bericht.

Madame Butterfly (so der deutsche Titel) ist im Februar 1904 in der Mailänder Scala uraufgeführt worden. Die Oper im Jahr 2019 wieder auf die Bühne zu bringen, ist eine gute Idee des Theaters Trier. Nicht nur, weil das Werk durch die zeitlose Tragik einer unglücklichen Liebe zum Klassiker geworden ist, sondern auch, weil es aktuelle Bezüge hat. Denn sein Kernkonflikt wurzelt im Zusammenprall verschiedener Kulturen.

Die Begegnung mit dem exotischen “Anderen“

Als Ende des 19. Jahrhunderts das erste amerikanische Konsulat im bis dahin isolierten Japan öffnete und wenig später auf der Pariser Weltausstellung erstmals japanische Kunst vorgestellt wurde, löste das europaweit eine Asien-Modewelle aus. Sie inspirierte auch Schriftsteller, die Begegnung mit dem exotischen Anderen zu verarbeiten. Der Franzose Pierre Loti gab ihr in erotisch gefärbten Beziehungsgeschichten Gestalt. Er wurde damit zum Bestseller-Autor, denn er traf den Zeitgeist des Fin de Siecle, der ein ambivalentes Frauenbild zwischen der “Heiligen“ und der “Hure“ kultivierte. Mit “Madame Chrysanthème“ lieferte er die Vorlage, die 1898 den Amerikaner John Luther Long zur Erzählung “Madame Butterfly“ inspirierte. Pucchini machte daraus eine als Tragödie angelegte Oper in drei Akten:

Die 15-jährige Geisha Madame Butterfly wird mit dem amerikanischen Marineoffizier Pinkerton verheiratet, als der in Nagasaki stationiert wird. Für 100 Yen “mietet“ er sie zusammen mit einem Haus. Damit erwirbt er das Recht, sie lebenslang zu besitzen, aber auch, jederzeit aus der Verbindung auszusteigen. Diese Unverbindlichkeit kommt ihm sehr entgegen, will er doch später eine “echte Frau“, eine Amerikanerin, ehelichen. Butterfly hingegen nimmt die Ehe ernst, konvertiert zum christlichen Glauben und wird dafür von ihrer Familie verstoßen.

Den erotischen Reiz der Kindfrau kostet Pinkerton in einer kurzen Beziehung aus. Doch bald verlässt er sie und meldet sich nie wieder. Allein, nur unterstützt von Dienerin Suzuki, wartet Butterfly jahrelang auf seine Rückkehr und verarmt. Obwohl sie nun nach japanischem Recht als geschieden gilt, lehnt sie eine erneute Heirat mit einem reichen Bewerber ab. Pinkertons Gefolgsmann, Konsul Sharpless, taucht auf, um Butterfly beizubringen, dass Pinkerton nie zurückkehren wird. Butterfly verschließt sich dieser Realität und erzählt Sharpless stattdessen vom Kind, das aus der kurzen Verbindung hervorgegangen ist. Wenig später kommt Pinkerton mit seiner amerikanischen Frau Kate, um das Kind nach Amerika mitzunehmen. Butterfly begeht daraufhin mit dem Dolch ihres Vaters Selbstmord, auf dessen Klinge steht: “In Ehren sterben, wenn man nicht länger ehrenvoll leben kann“.

Eine gelungene emotionale Ansprache

Unter der Regie von Cornelia Rainer gelingt es der Trierer Inszenierung, die Zuschauenden emotional anzusprechen. Viele sind ergriffen nach dem tragischen Ende, obwohl es szenisch sowie im mit Untertiteln übersetzten Libretto von Anfang an klar vorgezeichnet ist und deshalb nicht überraschen kann. Vielleicht liegt es daran, dass der Produktion das Innenleben der von Siheng Yi verkörperten Butterfly als dramaturgische Leitschnur zugrunde liegt. Den Zugang zu ihrer Vorstellungswelt und Befindlichkeit eröffnen vor allem visuelle Kniffs (Michaela Mandel). Eine Video-Projektion von Himmel, Wolken und Meereswellen zum Beispiel zieht hinein in die Sehnsucht, der Butterfly in der Arie “Un bel dì, vedremo“ im zweiten Akt Ausdruck gibt. Ihre Isolation verdeutlicht ein Kerker aus mehreren Lagen von Vorhängen, hinter denen die Gestalt reglos und nur schemenhaft sichtbar ist. Und Butterflys Schmerz geht mittels einer überlebensgroßen Projektion ihres Gesichts unter die Haut.

Durchgängig punktgenau spielendes Orchester

Ausstattung und Bühnenbild verdienen auch in anderer Hinsicht Lob. Wände aus stoffbezogenen Rahmenkonstruktionen und Schiebetüren bilden mit ihren klaren Linien japanisches Kolorit gut ab. Kleine Raffinessen wie hingeworfener Müll und eine zerknautschte Uniform verweisen auf den dekadenten amerikanischen Lebensstil und betonen den interkulturellen Kontrast. Sogar Witz bricht sich zuweilen Bahn, wenn etwa ein Hochzeitsfoto mittels Handy mit Selfie-Stange geknipst wird. Auch die Lichtregie, die für eine die jeweilige Stimmung untermalende Atmosphäre sorgt, gelingt effektvoll.

Doch erst, wenn diese Bausteine völlig im Einklang mit Pucchinis raffiniert in östlichen und westlichen Klangfarben komponierten Musik und dem Spiel der Darsteller sind, entstehen wirklich starke, dramatische Momente. So zum Beispiel in der Szene, als Butterfly vom Onkel Bonze aus der Familie verstoßen wird. Da braust das durchgängig punktgenau spielende Orchester (Leitung Jochem Hochstenbach) auf, und aus dem Zuschauerraum erklingt der wunderbare, dröhnende Bass von Karsten Schröter, der für diesen kleinen Auftritt am Ende verdient viel Applaus erhält.

Zweimal sind es ganz leise Szenen, die besonders intensiv wirken. Dazu gehören das Gebet der Dienerin Suzuki am Anfang und der vom Opernchor (Angela Händel) feinfühlig vorgetragene Summchor am Ende des zweiten Akts. Suzuki wird von der hervorragenden Mezzosopranistin Janja Vuletic zu einer der beeindruckendsten Figuren der Oper verdichtet. Trauernd und ohnmächtig, etwas zu ändern, ist sie Zeugin und Botin eines unausweichlich herannahenden Unheils. Gesanglich und mimisch glänzen auch andere Nebenfiguren. Stimmlich herausragend fällt Carl Rumstadt als Konsul Sharpless auf, ebenfalls Derek Rue als Goro, der Heiratsvermittler.

Unter den Hauptakteuren liefert Vadim Babichuk als Pinkerton mit einer guten Stimme und im Rahmen der Widersprüchlichkeit seiner Rolle (erst skrupellos, dann nach Jahren plötzlich reuig) eine überzeugende Vorstellung ab. Siheng Yi als Butterfly hingegen schwächelt zu oft. Sie trifft manchmal nicht den richtigen Ton, in hohen Lagen und an exponierter Stelle bleibt er ihr gar ein paarmal ganz weg. Das ist schade, da es Szenen wie der oben schon erwähnten Sehnsuchts-Arie aus dem zweiten Akt ihrer emotionalen Wucht beraubt.

Regie: Weniger wäre hier und dort mehr gewesen

Nicht immer für AHA-Erlebnisse sorgt auch der ein oder andere Regieeinfall. Völlig deplatziert, weil viel zu albern, wirkt die Darstellung des neuen Bewerbers um Butterfly, Fürst Yamadori, als Spielkind auf dem Schaukelpferd. Und auch die bizarre Kostümierung der Verwandtschaft von Butterfly, die möglicherweise auf japanischen Modemut oder ein bestimmtes Milieu hinweisen soll, wirkt wie Fehlfarbe in einer ansonsten ganz harmonischen Komposition. Weniger ist manchmal mehr, vor allem bei einem Stoff, der nach mehr als einem Jahrhundert noch immer das Zeug hat, anzurühren.

Die kommenden Aufführungen sind am Samstag, 9. (19.30 Uhr), und Sonntag, 24. Februar (18 Uhr), sowie am Sonntag, 10. März (16 Uhr).


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Erstellt am Autor Anke Emmerling in Kultur Hinterlasse einen Kommentar

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