Sondierung in Trier – Allein unter Frauen

Allein zwischen Frauen: Thomas Egger ist zurück aus dem Urlaub. Angelika Birk (links) von den Grünen und die Christdemokratin Simone Kaes-Torchiani werden wohl gehen - früher oder später.

Allein zwischen Frauen: Thomas Egger ist zurück aus dem Urlaub. Angelika Birk (links) von den Grünen und die Christdemokratin Simone Kaes-Torchiani werden wohl gehen – früher oder später.

TRIER. Der eine kehrt zurück, die beiden anderen werden wohl gehen. Die eine früher, die andere etwas später. In Trier laufen die Sondierungsgespräche an. Wer, wie und mit wem in der nächsten Legislaturperiode ins Koalitionsbett steigt oder wenigstens in freier Liebe gemeinsam tut. Treue für fünf Jahre. So zumindest wird es am Anfang beschworen. Es geht um Sachfragen. Es geht aber auch und nicht zuletzt um Personen. Es geht um das Gesicht des Stadtvorstandes, wie SPD-Chef Sven Teuber dies erst jüngst wieder beschworen hat. Es geht um Angelika Birk (Grüne), um Simone Kaes-Torchiani (CDU), und es geht um den parteilosen Thomas Egger. Der ist demnächst zurück in der politischen Schaltzentrale am Augustinerhof. Wie lange die beiden anderen dort noch residieren dürfen, darüber wird gerade öffentlich, aber mehr noch hinter verschlossenen Türen gefeilscht.

Von Eric Thielen

Was macht eigentlich Thomas Egger?, fragten wir vor gut einer Woche. Als Antwort postete Triers Kulturdezernent gleich tags darauf zwei chice Fotos auf Facebook. “Schöne Grüße an alle, die sich fragen, wo ich gerade bin”, schrieb er darüber. Da weilte er noch im Urlaub – zum Ausklang seiner Vaterzeit. Schneebedeckte Gipfel, sattgrüne Wiesen, hohe Tannen. Irgendwo in den blauen Bergen. Dass der Egger Thomas südlich des Weißwurstäquators neben der Liebe für Haxen, Kraut, Semmelknödel und zischendem Weißbier urplötzlich auch seine Zuneigung für die eher archaisch-konservative Gesinnung der bajuwarischen Landbevölkerung entdeckt haben könnte, davon ist nicht auszugehen.

Gäbe es jenen noch, so wäre der gebürtige Pfälzer sicher dem sozial-liberalen Flügel der FDP zuzuordnen gewesen. Doch die Zeiten einer Hildegard Hamm-Brücher, eines Gerhart Baum und des Freiburger Kreises sind in der FDP des 21. Jahrhunderts längst nicht mehr wahr. Auch Egger hat die Partei verlassen, und das setzt ihn frei. Zumindest für den Augenblick. “Irgendwann wird er sich entscheiden müssen, will er wiedergewählt werden”, heißt es jetzt in der politischen Szene rund um den Augustinerhof. Das rote oder doch das schwarze Parteibuch? Das ist hier die Frage.

Die meisten Unions-Christen zwischen Markus- und Petrisberg glauben an den Sozialdemokraten Egger. “Dorthin hat er immer tendiert”, sagt einer aus dem schwarzen Lager, der Egger schon sehr lange kennt. Für manch einen in der Union ist er ohnehin “der Über-Intellektuelle”, der mehr schlecht als recht in die eher beschaulich-bürgerlichen Reihen der hiesigen Christdemokraten passen würde. Und ein zweiter Platzhirsch neben dem christdemokratischen Trierer Über-Vater Bernhard Kaster? Kaum vorstellbar.

Im roten Lager ist der Parteieintritt Eggers aber anscheinend noch kein Thema. “Nein, wir haben noch nicht mit Thomas Egger gesprochen”, versicherte der Boss der Genossen am Montag. Sven Teuber sieht keinen Handlungsbedarf. Den sieht Egger auch nicht. “Ich muss mich nicht entscheiden”, sagt er am Dienstag, als der reporter ihn am Telefon erreicht. “Jetzt noch nicht”, schiebt er dann nach. Dass auch er Gegenstand von Spekulationen ist, weiß Egger. Daran beteiligen will er sich nicht. “Das überlasse ich anderen”, sagt er.

Ulrich Dempfle (links) und Bernhard Kaster, hier mit OB-Kandidatin Hiltrud Zock, sondieren für die CDU nach der Stadtratswahl in Trier.

Ulrich Dempfle (links) und Bernhard Kaster, hier mit OB-Kandidatin Hiltrud Zock, sondieren für die CDU nach der Stadtratswahl in Trier.

Seinen Job will er machen, kehrt er demnächst ins Rathaus zurück. Erstens. Beobachten will er. Zweitens. Positionieren will er sich dann, wenn die Zeit dafür reif sei. Drittens. “Ich habe noch fast vier Jahre als Dezernent vor mir”, sagt er. An Selbstbewusstsein mangelt es ihm sowieso nicht. “Ich fühle mich in der Rolle des parteilosen Außenseiters nicht unwohl momentan”, versichert er. “Mir geht es gut.”

Das können Eggers Kolleginnen im Stadtvorstand wohl kaum von sich behaupten. Weder sind sie in der Außenseiterrolle, noch fühlen sie sich rundum wohl wie der jüngere Kollege von Kultur und Wirtschaft. Ihnen schwant sicher, wem die Stunde schlägt, sollten sich SPD und CDU über die Sachfragen hinweg einigen. Aus der Union heraus heißt es jetzt schon, Angelika Birk wisse, was auf sie zukommt. Und Teuber hat sich längst öffentlich bekannt. Die Halbwertzeit der Grünen ist abgelaufen — bereits vor dem Ende ihrer Amtszeit. Simone Kaes-Torchiani darf noch bis April strahlen. Länger aber sicher nicht.

Zur Wiederwahl will sich die Frau mit der Kämpfernatur und dem Doppelnamen aber stellen. Streit scheute sie ohnehin nie. Da knallten auch schon mal die Türen, wenn sie stampfend in die Fraktion und postwendend wieder hinaus marschierte, nachdem sie ihre Meinung, die sie nur allzu oft als einzig richtige gelten lässt, den verdutzten Parteifreunden an den Kopf geknallt hatte. Lief ihr dann auch noch die Kollegin Birk auf den weiten Rathausfluren über den Weg, rappelte es so richtig im Karton. Hin und wieder seien die verbalen Scharmützel der beiden Frontfrauen quer über den Augustinerhof bis hinüber zum Theater zu hören gewesen — bei geschlossenen Fenstern, wird im Rathaus kolportiert.

Offensichtlich hat KT, wie Kaes-Torchiani allgemein nur genannt wird, den Bogen aber auch in der eigenen Partei und Fraktion überspannt. An eine Wiederwahl sei nicht zu denken. Auch solches ist aus der Union zu hören. Dass sie sich dennoch einer Kampfabstimmung stellen will, hat schlicht materielle Gründe. Anderenfalls verlöre sie ihre Pensionsansprüche. Das ist bei Wahlbeamten so geregelt.

Fraktions-Chef Ulrich Dempfle will sich aktuell weder zu Birk noch zu Kaes-Torchiani äußern. “Zu Personalfragen beziehe ich derzeit keine Stellung”, sagte der Christdemokrat am Dienstag. Sein Satz vom Parteitag Ende März aber steht. Damals hatte Dempfle gesagt: “Trier leistet sich eine Bürgermeisterin, die den Themen nicht gewachsen ist.” Gemeint war Birk. Für geordnete Dezernate wolle man sich nach der Wahl einsetzen, hatte er noch nachgeschoben. Nach der Wahl ist jetzt. Doch Chef Kaster weilt derzeit in Russland, ist anschließend in Berlin, weil der Bundestag seine Sitzungswoche abhält.

“Große Fraktionen müssen in Dezernaten präsent sein”

Kaster aber wird an der Mosel dringend gebraucht, um die Verhandlungen mit möglichen Partnern in trockene Tücher zu bringen. Ohne den Pfalzeler, den Taktgeber des christdemokratischen Orchesters, geht nichts. Dempfle hält sich folglich bedeckt. Die Sondierung mit der SPD ist somit auf die Zeit nach Kasters Rückkehr verschoben. Zumal auch SPD-Chef Teuber erst einmal in Urlaub fährt und ein paar Tage Pause von der Politik machen will.

Was Dempfle sagt, ist, dass die Union auch mit den Grünen und der FWG sprechen wird. Alle Personalfragen sollen in die Diskussion um die Sachthemen eingebunden werden. Für die Gespräche hat die CDU ein Trio bestimmt, dem neben Kaster und Dempfle auch Udo Köhler angehört. Letzterer sei inzwischen für “höhere Weihen vorgesehen”, heißt es aus Unions-Kreisen.

Der 50-jährige Architekt ist neben dem Duo Kaster/Dempfle der dritte starke Mann in der CDU. Köhler ist in Trier bestens vernetzt, kennt die Stadt wie seine Westentasche. Zwangsläufig schießen nicht erst seit dem Wahlsonntag die Spekulationen dahingehend ins Kraut, Köhler könnte Nachfolger von Kaes-Torchiani als Baudezernent werden. Passen könnte das durchaus, meinen auch Sozialdemokraten. Für sie bliebe dann zunächst einmal der Birk-Posten, sollte es CDU und SPD etwa mit Unterstützung der FWG gelingen, die Grüne aus dem Sessel zu hebeln. Nicht auszuschließen ist, dass Teuber dann für sich selbst Ansprüche auf das Dezernat geltend macht. “Geeignet wäre er dafür”, sagte ein Parteifreund noch am Wahlsonntag.

SPD-Chef Sven Teuber (links), hier mit OB-Kandidat Wolfram Leibe und Ministerpräsidentin Malu Dreyer, will nach seinem Kurzurlaub in die Verhandlungen einsteigen.

SPD-Chef Sven Teuber (links), hier mit OB-Kandidat Wolfram Leibe und Ministerpräsidentin Malu Dreyer, will nach seinem Kurzurlaub in die Verhandlungen einsteigen.

Etwaigen Offerten der Grünen in Richtung der Union sehen die Genossen gelassen entgegen. Die Öko-Partei, immerhin drittstärkste Fraktion, bangt um ihren Einfluss in Rat und Stadtvorstand, sofern die beiden großen Volksparteien ihre anvisierte Zusammenarbeit in Form gießen werden. Rechnerisch wäre eine schwarz-grüne Koalition im Rat möglich — oder zumindest eine Kooperation. Dass es dazu kommt, bezweifeln aber nicht nur Sozialdemokraten, sondern auch führende Unions-Politiker. “Da ist zu viel Ideologie bei einigen Grünen im Spiel, vor allem in der Verkehrspolitik”, sagt ein Christdemokrat.

Für Dempfle ist eine Koalition, durch die die Sozialdemokraten aus dem Stadtvorstand verbannt werden würden, ohnehin kein Thema. “Wir werden die SPD als zweitstärkste Kraft im Rat nicht aus der Stadtregierung ausschließen. Die großen Fraktionen müssen in den Dezernaten präsent sein”, betonte der Fraktions-Chef am Dienstag. Der Groll der Union über das kurzlebige Ampel-Bündnis zwischen SPD, Grünen und FDP nach der Wahl von 2009 ist demnach verraucht. Damals war die CDU als stärkste Fraktion de facto vom politischen Entscheidungsprozess abgetrennt worden. “Das ist vergessen”, sagt der Realpolitiker Dempfle heute, “wir schauen nicht zurück, sondern nach vorne.”

Die Botschaft ist bei den Genossen inzwischen angekommen – auch durch die Gespräche, die SPD und CDU bereits vor dem Wahlsonntag geführt haben. Dass sich Thomas Egger als Neuzugang auf einer der beiden Seiten in das mögliche Bündnis zwischen Rot und Schwarz einklinkt, bezweifelt kaum einer. Egger ist ein Taktiker, ist mit vielen politischen Wassern gewaschen. Kommen CDU und SPD zusammen, wird wohl auch Egger sich demnächst erklären und ein Parteibuch bestellen — dann eher das rote als das schwarze. (et)


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Erstellt am Autor Eric Thielen in Featured, Headline, Politik Hinterlasse einen Kommentar

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