Theater Trier – “Dann trennen wir uns von Sibelius”

Die Prüfungen von Herbert Müller, dem neuen Verwaltungsdirektor am Theater Trier, brachten das nächste Millionen-Defizit zum Vorschein. Foto: Rolf Lorig

Die Prüfungen von Herbert Müller, dem neuen Verwaltungsdirektor am Theater Trier, brachten das nächste Millionen-Defizit zum Vorschein. Foto: Rolf Lorig

TRIER. Die Tage von Karl Sibelius als Intendant des Trierer Stadttheaters dürften gezählt sein. Grund: ein neues Millionen-Loch von knapp einer Million Euro im laufenden Haushaltsjahr, das der Österreicher mit seiner Budgetierung für den aktuellen Spielplan zu verantworten hat. Damit steigt das Minus für 2016 auf mindestens 2,3 Millionen Euro. Das gaben Oberbürgermeister Wolfram Leibe und Kulturdezernent Thomas Egger (beide SPD) am heutigen Montag auf der Pressekonferenz des Stadtvorstandes bekannt. Leibe formulierte die Trennungsabsichten als Frage: “Wann sagt jemand, dass er dafür die Verantwortung übernimmt?” Egger wurde noch konkreter: “Sollte der Intendant keine plausiblen Gründe für die erneute Budgetüberschreitung vorbringen können, führt an einer Trennung kein Weg vorbei.” Sibelius ist seit Wochen krankgeschrieben. Er soll sich nun in den kommenden Tagen gegenüber Egger schriftlich erklären. Erst im Juli erhielt der Intendant einen neuen Vertrag über weitere vier Jahre. Darin enthalten: eine Erfolgsprämie, die Egger nach reporter-Informationen gegen den Widerstand großer Teile des Steuerungsausschusses in nichtöffentlicher Sitzung durchgedrückt hatte. Der aktuell gültige Vertrag mit dem Österreicher liegt dem reporter vor.

War’s das für den Doktor Karl M. Sibelius in Trier? Nicht nur Indizien deuten darauf hin, dass die Trennung vom Theater-Intendanten kurz bevorsteht. Das Defizit, das bereits mit den bisher bekannten 1,3 Millionen Euro alle Dimensionen im freiwilligen Leistungsbereich sprengte, erhöht sich nach den jüngsten Prüfungen noch einmal um knapp eine Million (977.000) Euro für das aktuelle Jahr. Im operativen Geschäft wird ein neues Minus im laufenden Haushalt von über 600.000 Euro zu verkraften sein. Die müssen über einen weiteren Nachtragshaushalt, den insgesamt vierten dann, gegenfinanziert werden. Oberbürgermeister Wolfram Leibe muss seinerseits wieder den Gang nach Canossa zur Aufsichts- und Dienstleistungsdirektion (ADD) antreten, damit Trier nicht aus dem Kommunalen Entschuldungsfonds (KEF) des Landes fliegt. “Es wird eng”, hatte die Vizepräsidentin der ADD, Begoña Hermann (SPD), bereits vor der heutigen Pressekonferenz des Stadtvorstandes gegenüber dem reporter erklärt.


Der Kommentar − Kartell des Schweigens


Leibe und Egger ließen auf der ersten Pressekonferenz des Stadtvorstandes nach den Herbstferien keinen Zweifel daran, wer ihrer Meinung nach die Verantwortung für das neue Millionen-Defizit trägt. Während der Stadtchef vorsichtig in Frageform formulierte (“Wann sagt jemand, dass er die Verantwortung übernimmt?”), wurde Egger deutlicher. Die Sätze des Kulturdezernenten fielen wie Hammerschläge auf den seit Wochen krankgeschriebenen Intendanten nieder. “Die Finanzen sind in einer nicht akzeptablen Größenordnung völlig aus dem Ruder gelaufen”, sagte der Sozialdemokrat. “Und das ist hausgemacht”, betonte Egger, “weil die Kosten der Produktionen offensichtlich nicht seriös berechnet wurden.”

1,348 Millionen Euro für Honorare

Der für Sibelius vernichtenden Satz aber kam vom neuen Verwaltungsdirektor Herbert Müller. “Es gab überhaupt keine realistischen Budgetansätze für die aktuelle Spielzeit”, stellte der ehemalige Egger-Controller unumwunden fest. Seit Anfang Oktober prüft Müller die Bücher am Theater, hatte Rechnungen gesichtet und Zahlungen unter die Lupe genommen. Das Ergebnis ist verheerend: So wird Sibelius alleine bei den Honoraren für externe Mitarbeiter statt der veranschlagten 560.000 Euro am Ende des Jahres mindestens 1,348 Millionen Euro ausgegeben haben. Das ist der aktuelle Stand, wobei Leibe, Egger und auch Müller betonten, dass die Prüfung der Bücher noch nicht abgeschlossen ist und bis zum 31. Dezember noch zwei weitere Kosten-Monate hinzukommen. Über die gravierende Budget-Überschreitung gerade bei den Mitarbeiter-Honoraren hatte der reporter schon im Mai berichtet. Damals ging die Rede noch von einer Million Euro.

Für die Budgetierung des laufenden Spielplans war Sibelius als Generalintendant, der die künstlerische und finanzielle Leitung innehatte, alleine verantwortlich. Klar ist jetzt auch, dass der vom Österreicher aufgelegte Spielplan nicht zu halten sein wird. Heißt konkret: Vorgesehene Produktionen müssen, wie schon in der vergangenen Spielzeit, abgesagt oder verschoben werden. Kosten aber sind bereits entstanden. “Deswegen stellt sich natürlich die Frage”, so Egger, “ob Karl Sibelius überhaupt in der Lage ist, seinen Aufgaben nachzukommen.” Eingestellt wurde der Mann aus Bregenz als “Kulturmanager”, der vor allem den finanziellen Sektor in den Griff bekommen sollte. So lautete die seinerzeitige Beschreibung in der Stellenausschreibung.

Anfang Oktober war das Theater, trotz der Millionen-Spritze vom Juli, zu der unter anderem auch 300.000 Euro Blitzer-Geld gehörten, erneut zahlungsunfähig. Leibe löste daraufhin die Rückstellungen, so für die juristische Auseinandersetzung mit dem fristlos entlassenen und später wieder eingestellten Schauspieldirektor Ulf Frötzschner, auf, damit das Kulturhaus seinen finanziellen Verpflichtungen nachkommen konnte. Auf seiner Japan-Reise stand der Stadtchef in ständigem Kontakt zu Müller und zu Elmar Kandels, dem Leiter der Zentralen Dienste/Finanzen. “Wir haben dann beschlossen, die Rückstellungen aufzulösen, damit das Theater wieder zahlungsfähig ist”, so Leibe. Die zehnprozentige Haushaltssperre für den freiwilligen Leistungsbereich hatte Leibe bereits im Juli für das Theater aufgehoben, um dem Kulturhaus Luft zu verschaffen. Für alle anderen Ressorts ist die Sperre hingegen nach wie vor in Kraft.

Erfolgsprämie im neuen Vertrag

Seine Tage als Intendant dürften gezählt sein: Karl Sibelius.

Seine Tage als Intendant dürften gezählt sein: Karl Sibelius.

Egger hat den Intendanten nun per E-Mail aufgefordert, zum Sachverhalt Stellung zu nehmen. “Ich will von ihm wissen”, so der Kulturdezernent, “warum etwa bei den Honoraren nicht gegengesteuert wurde.” Auch in den vergangenen Jahren seien Budgetüberschreitungen üblich gewesen. “Aber die höheren Kosten wurden dann bei den fixen Personalkosten eingespart.” Noch nie sei der Gesamtetat des Theaters derart hoch gewesen. Unter Sibelius stieg das Budget von rund 15 Millionen auf über 17 Millionen Euro – ohne Genehmigung. “Das Theater hat keine Narrenfreiheit”, betonte Leibe. Egger ergänzte: “Kann Herr Sibelius keine plausiblen Gründe vorbringen, dann werden wir uns wohl von ihm trennen.” Bis zum Amtsantritt von Sibelius blieb das Theater unter dessen Vorgängern stets im vorgegebenen Etat-Rahmen.

Die entscheidende Frage beantwortete der Kulturdezernent schließlich mit “Ja”: Kann die Verwaltung von sich aus, ohne Rücksprache mit Kultur- und Steuerungsausschuss sowie Stadtrat, den Intendanten von seinen Aufgaben entbinden und freistellen? “Bei Fortzahlung der Bezüge ist das rechtlich sicher möglich”, so Egger. Die Fraktionsvorsitzenden wurden bereits am Freitag über das neue Millionen-Loch beim Theater informiert. Am Nachmittag setzte Egger die Fraktionen auch persönlich in Kenntnis. Für den Kulturdezernenten ist klar: “Meine Geduldsfäden sind alle gerissen!”

Erst im Juli erhielt der Intendant einen neuen Vier-Jahres-Vertrag. Der sah ursprünglich die Reduzierung des Gehaltes von 11.700 Euro auf monatlich 9.000 Euro vor. Trotz massiver Gegenwehr in der nichtöffentlichen Sitzung des Steuerungsausschusses ergänzte Egger die Bezüge für Sibelius um eine sogenannte Erfolgsprämie. Die liegt bei 12.000 Euro pro Jahr, monatlich mithin bei 1.000 Euro. Für diese Erfolgsprämie sollte eine Zielvereinbarung ausgearbeitet werden. Egger räumte am heutigen Montag ein, dass die Vereinbarung noch nicht vorliegt, “weil das erst mit dem Kulturausschuss besprochen werden sollte”. (et)

SPD fordert Aufklärung

Nach der heutigen Bekanntgabe des Stadtvorstands, dass sich das Defizit des Theaters Trier in 2016 erneut erhöht, fordert die SPD detaillierte Aufklärung über die Hintergründe. So fordern die Sozialdemokraten, dass die zuständigen Gremien und der am kommenden Mittwoch tagende Kulturausschuss umgehend und umfassend informiert werden müssen.

“Die neuerlichen Nachrichten über die abermalige Defizitsteigerung sind ein finanzielles Desaster. Innerhalb weniger Monate summieren sich erneut sechsstellige Beträge auf. Das ist nicht akzeptabel. Der Intendant muss sich fragen, ob er noch den zahlreichen Herausforderungen am Theater Trier gewachsen ist”, kommentiert der Fraktionsvorsitzende Sven Teuber die Pressemeldungen.

“Wir brauchen nun lückenlose Aufklärung, wieso es schon wieder zu Mehrausgaben am Theater Trier kommt. Der Steuerungs- und Kulturausschuss müssen so schnell wie möglich informiert werden. Auf Grundlage dieser Informationen müssen wir entscheiden, welche Konsequenzen gezogen werden müssen. Kulturförderung ist notwendig, aber Budgets müssen eingehalten werden. Es wird mit einer solchen katastrophalen Haushaltung die gesamte Kulturförderung gefährdet”, ergänzt der kulturpolitische Sprecher der SPD- Stadtratsfraktion, Markus Nöhl.

“Angesichts dieser Horrormeldungen scheint zumindest die Neueinsetzung eines Verwaltungsdirektors die richtige Entscheidung zu sein. Es deutet sich an, dass dank seiner Arbeit die Fehlplanungen zu Tage gekommen sind. Dies zeigt, dass diese Entscheidung des Rates richtig war. Wir fühlen uns bestätigt, hier organisatorische Eingriffe im Theater vorgenommen zu haben. Es ist jedoch zu hinterfragen, wieso die im Sommer beschlossene Vieraugen-Regelung diese Budgetüberschreitungen nicht verhindern konnte. Hier ist Kulturdezernent Thomas Egger gefordert, Erklärungen vorzulegen“, so Teuber. (tr/et)


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Erstellt am Autor Eric Thielen in Dossier Theater, Featured, Politik 5 Kommentare

5 Kommentare zu Theater Trier – “Dann trennen wir uns von Sibelius”

  1. augur

    Mir fehlen die Worte…

     
  2. Hans Maier

    Wieso kommen die Erkenntnisse u.a. vom Dezernenten erst so spät?
    OB Herr Leibe macht gute Arbeit und alle anderen waren vor einigen Wochen nur gegenan gegangen. Dezernent, Stadtrat, Ausschuss, Hobbypolitiker!
    Jetzt finden Sie doch noch jemand, der schon lange gefunden war, nur um die eigene Haut zu retten.
    Schmierenkomödie auf Kosten der Steuerzahler und politisch leider auch zu Lasten des OB’s.

     
  3. Meinung

    Thomas Egger ist derjenige der gehen muss. Er hat als oberster Controller versagt!

     
  4. Anna Majewski

    Dieser (Selbstzensur) hat alle gelinkt und noch schnell Verträge mit seinen (Selbtszensur)gemacht, die höchstwahrscheinlich einklagbar sind, um maximal abzugreifen. Selbstbedienungsladen Stadttheater. Pfui Teufel.Das wirtschaftliche Desaster von Eggenfelden wiederholt sich auf grauenhafte Weise- oder ist es wie eine Inszenierung der Stadt? Diesmal müssen Köpfe rollen- oder es kommt endlich Salome auf den Spielplan!

     
  5. Peter Buggenum

    Egger muss gehen!

     

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