Theater Trier – Der Machtkampf

Das war die sozialdemokratische Welt im Rathaus noch in Ordnung: Egger und Leibe am 1. April 2015 bei Leibes Amtsantritt im Büro des neuen Oberbürgermeisters.

Da war die sozialdemokratische Welt im Rathaus noch in Ordnung: Egger und Leibe am 1. April 2015 bei Leibes Amtsantritt im Büro des neuen Oberbürgermeisters.

Die persönliche Konfrontation zwischen den beiden Sozialdemokraten im Trierer Stadtvorstand ist kaum noch aufzuschieben. Es ist längst ein offenes Geheimnis in der politischen Szene, dass die Chemie zwischen Oberbürgermeister Wolfram Leibe und seinem Kulturdezernenten Thomas Egger nicht stimmt. Dass der Dezernent dem Stadtchef allerdings auch öffentlich in Rücken fällt, ist gänzlich neu und trägt nicht unwesentlich zur aktuellen Eskalation bei. Leibe hatte angekündigt, dem Trierer Theater-Intendanten Karl Sibelius einen gleichberechtigten Verwaltungsdirektor als kaufmännischen Leiter an die Seite stellen zu wollen. Egger relativierte umgehend und legte einen Tag später sogar noch nach. So habe der OB das ja gar nicht gemeint, und er, Egger, sei weiter dafür, dass Sibelius auch künftig die alleinige Verantwortung trage, “weil ich ihn aus dieser auch nicht entlassen will”. Die Ein-Mann-Spitze sei schließlich vom Stadtrat beschlossen. Dabei waren die Entscheidungen Leibes eindeutig. Eine Analyse von Eric Thielen

Als ob das Theater selbst nicht schon ausreichend negative Schlagzeilen produzierte, nimmt nun auch noch der Dualismus zwischen Stadtchef und Kulturdezernent eine neue Dimension an. Spätestens seit den reporter-Berichten vom 19. Mai ist klar: Es stimmt vorne und hinten nicht (mehr) im Kulturhaus am Augustinerhof. Die finanzielle Misere basiert indes nicht nur auf der Hybris des Intendanten, sondern geht auch auf das Konto des Egger-Dezernats. Dessen Controlling versagte amateurhaft. Das ist es, was Leibe auf die Palme bringt. Er selbst legt ein Eckwerte-Papier vor, damit der Haushalt der hochverschuldeten Stadt konsolidiert werden kann. Doch vis à vis des Rathauses schert man sich offensichtlich – im Zusammenspiel mit dem Egger-Dezernat – einen feuchten Kehricht um die Bemühungen des Stadtchefs.

Wegen des Theater-Defizites musste Leibe eine Haushaltssperre erlassen. Intendant Sibelius hingegen stellt mit Eggers Zustimmung einen ambitionierten Spielplan für die neue Saison auf, dessen Finanzierung nicht einmal gesichert ist. Doch damit nicht genug: Mit dem Musical “Jesus Christ Superstar” legt der Österreicher trotz tiefroter Zahlen und ebenfalls mit Eggers Segen eine extrem teure Produktion über 300.000 Euro vor, die angesichts der finanziellen Misere alle Dimensionen sprengt. Und das vor dem Hintergrund rapide fallender Zuschauerzahlen.

Prinzip und Trotz

Die Analyse.

Die Analyse.

In einer aktuellen Hausmitteilung des Theaters, die dem reporter vorliegt, heißt es, dass zwei Vorstellungen des Stückes “Hexe Hillary geht in die Oper” ersatzlos gestrichen werden müssen – “mangels Buchungen durch Schulklassen beziehungsweise Kindergärten”. Für die kommende Premiere von “Falsche Welt, Dir trau ich nicht” am nächsten Samstag sind derzeit nicht einmal 70 Karten im Vorverkauf abgesetzt. Auch hier wurden inzwischen vier Aufführungen gestrichen.

Schon am Montag sagte Leibe: “Wir müssen jetzt auch sehen, wie wir das Publikum zurückgewinnen.” Der Stadtchef sieht das Theater in ernster Gefahr. Egger hingegen sieht diese offenbar immer noch nicht. Schon nach den ersten reporter-Berichten, die das Ausmaß der finanzielle Misere erstmals öffentlich machten, hätte der Dezernent von sich aus in die Offensive gehen müssen. Stattdessen verfuhr er nach dem Vogel-Strauß-Prinzip und der Kohlschen Aussitztaktik. Nun fällt er dem Stadtchef in einer kindischen Trotzreaktion sogar in den Rücken.

So kommt zu den Eklats um das Trierer Theater nun auch noch die politische Dimension hinzu. Schon in den Turbulenzen rund um die abgesagte Tanzperformance NeroHero hatte Egger sich intern auf dem Standpunkt versteift, er habe als Kulturdezernent das Sagen, nicht der Oberbürgermeister. Inzwischen ist sogar dem sonst so unbedarften und altbackenen Südwestrundfunk der Machtkampf, den Egger gegen Leibe führt, aufgefallen. Zuschauer, die den jüngsten SWR-Beitrag zum Theater sahen, rieben sich verwundert die Augen: “Gehören die Beiden wirklich zu selben Partei?”

Jetzt nutzt Egger die Gelegenheit und ferner den Intendanten als Vehikel, Leibe zu reizen und bloßzustellen. Der ehemalige Liberale setzt aus Prinzip und Trotz, nicht aus Überzeugung auf den Österreicher – wider besseren Wissens. Zu den Niederlagen bei NeroHero und jüngst auch der Feuerwache – Leibe hatte stets auf das Gelände des alten Polizeipräsidiums gesetzt – soll nun nicht auch noch die Niederlage beim Theater hinzukommen, zumal Egger sich auf Leibes Druck hin bereits von seinem Lieblingsprojekt Theater-Neubau verabschieden musste.

Es liegt an der SPD

Es kann nur einen (Generalintendanten) geben, ist jetzt nicht mehr die Frage. Foto: Theater Trier

Es kann nur einen (Generalintendanten) geben, ist jetzt nicht mehr die Frage. Foto: Theater Trier

Dabei nimmt Egger augenscheinlich in Kauf, dass das Theater unter der alleinigen Regie des Österreicher Sibelius vollends gegen die Wand fährt. Dazu gehört auch, dass Egger damit liebäugelt, den Posten des Verwaltungsdirektors intern – möglicherweise sogar aus dem Theater selbst – zu besetzen. Aber auch das wird mit Leibe nicht zu machen sein. Der Stadtchef setzt auf einen Kontrolleur, der nicht aus dem bisherigen Dunstkreis des Intendanten stammt. Nur so ist Sibelius in den Griff zu bekommen.

Schließlich sind mit Leibes Entscheidung, den Österreicher zu entmachten, die gravierenden Probleme keineswegs ausgeräumt. Die juristischen Auseinandersetzungen mit ehemaligen Mitarbeitern werden sich fortsetzen und für neue Negativ-Schlagzeilen sorgen. Der Fall des entlassenen Schauspieldirektors Ulf Frötzschner dürfte vor Gericht gehen; der ebenfalls gefeuerte Opernsänger Christian Sist klagt bereits, ebenso die ehemalige Marketingleiterin. Hier ist der Prozess für den September in Frankfurt angesetzt. Und ob der von Sibelius verhängte Maulkorberlass für die Mitarbeiter des Theaters – vor allem für das Schauspielensemble – wirklich auf Dauer greift, darf bezweifelt werden.

Solange der Kulturdezernent aber gegen den Oberbürgermeister arbeitet und nicht mit diesem, werden die Turbulenzen kaum beizulegen sein. Es ist nun an der Trierer SPD – allen voran Parteichef Sven Teuber und Kultursprecher Markus Nöhl – dafür zu sorgen, dass Egger eingenordet wird. Ansonsten gerät das Theater ums Theater mit dessen politischer Dimension zu einer Endlosschleife. Die CDU als stärkste Fraktion im Stadtrat lehnt sich derzeit genüsslich zurück. Bei den Christdemokraten geht schon seit den ersten reporter-Berichten die Parole um: “Warum sollen wir für den SPD-Dezernenten die Kastanien aus dem Feuer holen?”

Letztlich kommt der Union der Machtkampf zwischen den beiden Sozialdemokraten im Stadtvorstand sogar zupass. Denn die CDU schielt jetzt schon auf die Egger-Nachfolge. In knapp zwei Jahren läuft die Amtszeit des SPD-Dezernenten ab. Damit wirklich und nachhaltig Ruhe im Theater und im Rathaus einkehrt, müsste die SPD allerdings weit über ihren Schatten springen und den Vorstoß unternehmen, Sibelius im Einvernehmen mit Oberbürgermeister und Dezernent am Ende der laufenden Spielzeit zu beurlauben. Dann würde wohl auch die CDU mitziehen, sofern die Initiative von den Genossen ausgeht. Schließlich stellen diese den Dezernenten. Die Steilvorlage haben übrigens die Freien Wähler geliefert. Sie plädieren für den Neustart am Theater. Der aber kann effektiv nur ohne den Österreicher gelingen.

In der heutigen Sitzung des Steuerungsausschusses (17 Uhr) legt Leibe dem Gremium in nichtöffentlicher Sitzung seinen Antrag vor, neben dem Intendanten einen gleichberechtigten kaufmännischen Direktor zu installieren. Mit Ausnahme der Linken haben alle Fraktionen bereits im Vorfeld Zustimmung signalisiert.


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Erstellt am Autor Eric Thielen in Dossier Theater, Featured, Meinung 5 Kommentare

5 Kommentare zu Theater Trier – Der Machtkampf

  1. Pai

    Wann dürfen wir das Ganze als Stück in eben jenem Theater ‘bewundern’?
    An Tragik ist das Ganze bald nicht mehr zu überbieten.

     
  2. Susanne Decker

    Bitte, bitte, Herr Leibe, ziehen Sie zusammen mit dem Stadtrat die komplette Reißleine, damit man in Trier statt über Personalien, Defizite und Kompetenzgerangel in Sachen Theater auch mal wieder über Aufführungen, Stücke und Spielzeiten sprechen kann! Es reicht mit dem Theater ums Theater!!!!

     
  3. Anna Majewski

    Nach dem Motto “Beisse nicht in die Hand, die dich füttert” steht das aktuelle Ensemble samt Bühnentechnik loyal hinter seinem Chef und präsentiert in schönster DDR-Manier Lobeshymnen auf den Theaterwohltäter.Einem möchten die Tränen der Rührung kommen, was dieser Herr alles ermöglicht. Seine Großzügigkeit hatte er ja früher schon unter Beweis stellen können, so dass finanziell nichts als verbrannte Erde zurückblieb. Man zeigt sich schockiert über angebliche Hetze und Attacken. Sorry, wenn harte Kritik an der Unfähigkeit einer Führungskraft und das Aufdecken eines unsäglichen Schmierentheaters hinter den Kulissen als Hetze verstanden wird, kann man nur noch den Eisernen Vorhang runterfahren. Schockiert sollte man über 70 verkaufte Karten bei einer Inszenierung eines Regiestars sein, dessen Anheuerung höchstwahrscheinlich zum Millionendefizit beigetragen hat. Verkaufen kann sich dieser KMS selbst jetzt, nur eben keine oder zu wenige Karten.

     
    • derbeobachter

      Genauso sehe ich es auch. Diese Loyalitätsbekundungen auf der Facebookseite des Theaters sind irgendwie schon peinlich. Und heute ist alles gleich Hetze, das ist das Totschlagargument. Aber die Dinge beim Namen zu nennen ist einfach einmal nötig, wenn auch unbequem.

       
  4. volker

    Wie lange lässt sich ein OB das noch gefallen???
    Wie lange will man warten, um dann irgendwann dem Steuerzahler zu sagen: “Ja wir hätten früher handeln müssen!”
    10.000 Euro Gehalt!! Für einen der es nicht kann weder “Schauspielerisch noch als “Intendant”.
    Nochmal Tausende Euro Gehaltskosten für einen zweiten Mann !!Der einzige der es gekonnt hätte(Ulf Frötzschner) den haben Sie entlassen.

     

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