Theater Trier – Die Gretchenfrage

Wie viel Theater braucht Trier, und welches Theater kann die Stadt sich noch leisten?

Wie viel Theater braucht Trier, und welches Theater kann die Stadt sich noch leisten?

TRIER. Wie viel Theater braucht die Stadt, wie viel Theater kann sie sich in den nächsten Jahrzehnten überhaupt noch leisten, und welches Theater will sie sich gönnen? Die jüngsten Turbulenzen und Eklats rund um das Kulturhaus am Augustinerhof zeigen: Es fehlt an der grundsätzlichen Diskussion – unabhängig von Personen – über die Zukunft des Theaters. Und es fehlt wieder einmal der politische Mut, diese anzustoßen. Am Dienstag wird Kulturdezernent Thomas Egger (SPD) die neueste Machbarkeitsstudie (siehe Extra) zur Sanierung des Theaters in der Tufa vorstellen. Zahlen zu den Kosten liegen allerdings noch nicht vor. Dafür wird im Rathaus gebetsmühlenhaft betont: Die Finanzprobleme müssten strikt von Sanierungsplänen getrennt werden, Software und Hardware hätten nichts miteinander zu tun. Das ist nichts anderes als Sand für die Augen der Öffentlichkeit. Wer Theater in Trier will, der muss sich der Frage stellen: Welches Theater ist für eine bis über beide Ohren verschuldete Stadt noch zeitgemäß? Die Wahrheit wird nicht dadurch aus der (Trierer) Welt geprügelt, indem sie verschwiegen wird. Eine Analyse von Eric Thielen

Eintracht Trier spielt bekanntlich in der vierten Liga. Die Zeiten aus den glorreichen 1970er Jahren, als der Traditionsverein fast ausnahmslos mit Trierer Jungs in die zweite Liga stürmte und dort phasenweise sogar für Furore sorgte, sind längst passé. Heute ist an einen ähnlichen Husarenritt nicht mehr zu denken, da bis in niedersten Amateurklassen viel Geld an die Spieler gezahlt wird. Ohne millionenschweren Gönner geht kaum noch etwas im Sportgeschäft. Nun stellt die Stadt dem Klub dennoch ein schmuckes neues Stadion à la Betzenberg hin – und die Eintracht kickt weiter in der vierten Liga, weil sich die Strukturen im Binnenverhältnis und in der allgemeinen Großwetterlage nicht geändert haben. Unvorstellbar, zugegeben.

Nun ist es müßig, darüber zu streiten, ob das Trierer Stadttheater kulturell in der vierten oder dritten Liga spielt. Die Realität ist: Triers Bühne gehört nicht zu den ersten Adressen in der Republik. Das Orchester ist streng genommen ein D-Orchester, politisch gewollt jedoch zum C-Orchester hochgestuft, um überhaupt qualifizierte Nachwuchsmusiker zu bekommen. Die Außenwirkung der Eigenproduktionen reicht selbst unter dem von der Trierer Politik vor einem Jahr noch gefeierten Theatermacher Karl Sibelius kaum über Schweich hinaus. Dennoch ist die hiesige Kulturwelt streng qualifiziert in Schwarz oder Weiß: Gibt es in Trier kein eigenes Spartenhaus mehr, gibt es überhaupt kein Theater mehr! Löst die Politik sich nicht von dieser irrigen Vorstellung, macht sie sich über kurz oder lang selbst zum Totengräber des traditionsreichen Kulturhauses am Augustinerhof.

Trier braucht eine umfassende Debatte

Wir in der Schlosserei des Theaters geschweißt, muss die Feuerwehr zur Kontrolle anrücken.

Wird in der Schlosserei des Theaters geschweißt, muss die Feuerwehr zur Kontrolle anrücken.

Denn die Probleme sind so glasklar erkennbar, wie das Wasser eines Bergsees in den österreichischen Alpen bis zum tiefen Grund durchsichtig ist. Die Betriebskosten von annähernd 14 Millionen Euro sind kaum noch zu schultern. Und sie werden in den kommenden Jahren weiter ansteigen. Das Land hat seinen Zuschuss bei 5,8 Millionen Euro eingefroren. Und wie die Lage aussehen wird, wenn 2020 in Mainz die Schuldenbremse greift, ist jetzt noch überhaupt nicht abzusehen. Die Stadt wird also kaum umhinkommen, ihren eigenen Zuschuss von derzeit 7,5 Millionen Euro drastisch zu erhöhen, sofern das Theater unverändert in seiner jetzigen Form weiterbestehen soll. Es sei denn, die Politik fasst endlich den Mut, sich von ihrer bisherigen Position zu verabschieden und eine umfassende, nachhaltige und zukunftsweisende Debatte anzustoßen und dann auch ideologiefrei zu führen.

Stattdessen sollen nun Millionen von Euro in die Sanierung der Hardware (Gebäude) gepumpt werden, obwohl die Software (laufender Betrieb) ständig abstürzt. Winkelanbau vor dem maroden Haus, Kammerspiele mit luxuriösem Steg vom Graubner-Bau aus, ein zweiter Standort (von dem nicht einmal klar ist, wo er entstehen soll) mit weiterer Bühne, Proberäumen und Lagern: Damit schafft die Stadt sich über Jahre hinaus eine zweite Subventionsebene zur ohnehin schon existierenden ersten Ebene der Betriebskosten. Statt die Abstürze der Software zunächst strategisch zu beheben, soll es nun die neue Hardware regeln. Irrsinniger geht es wohl kaum noch.


Die komplette Studie


Die Folgen auch auf den Nebenplätzen werden weitreichend sein. Die Tuchfabrik (Tufa) ist und bleibt marode: Dort steht in den kommenden Jahren die nächste millionenschwere Sanierung an. Der Augustinerhof wird – besteht das Theater in seiner aktuellen Form weiter – auf Jahrzehnte hinaus als Parkplatz zementiert sein. An die städtebauliche Umgestaltung des Areals rund um das Rathaus ist dann nicht mehr zu denken. Der unansehnliche Graubner-Bau wird in seiner neuen Dimension noch unansehnlicher werden. Und all das wird geplant und angegangen vor dem Hintergrund fallender Zuschauerzahlen und einer sich rapide ändernden Kulturlandschaft.

So tappt die Trierer Politik mit Scheuklappen auf eingetretenen Pfaden dem kulturellen Untergang entgegen. Hausgemachte Fehler kommen hinzu. Denn in der von Kulturdezernent Egger in Auftrag gegebenen Studie fehlt schlicht die Alternative, den zweiten Standort ohne Studiobühne zu planen, um so zumindest die Betriebskosten einzudämmen. Das, so sagte der SPD-Mann am vergangenen Dienstag bei der Vorstellung des Papiers, sei nun “leider nicht mehr zu korrigieren”. Bleibt die Frage, wer dem verantwortlichen Büro theapro die Vorgaben machte?

Der große Wurf ist möglich

Auch in der Schreinerei ist der Platz beengt.

Auch in der Schreinerei ist der Platz beengt.

Eine Marginalie im schier unüberschaubaren Konglomerat der ausufernden Theater-Causa, zugegeben, wenn auch eine mit weitreichenden finanziellen Folgen. Die jedoch wären ohnehin schlicht unnötig, besännen sich Politik und Verwaltung endlich auf Alternativen – weg vom Schwarz-Weiß-Denken, hin zum strategischen Denken, das in die Zukunft greift und diese einbezieht. In Luxemburg werden Schauspiel und Konzerte auf allerhöchstem künstlerischen Niveau geboten – ohne eigene Ensemble. In vielen deutschen Städten gelingt das ebenfalls. Theater werden von Bayern bis zur Nordsee mit einem Etat von fünf oder sechs Millionen Euro betrieben – und bieten dennoch anspruchsvolle Kunst. Und sie spielen zudem mehr Geld ein als das Trierer Theater mit seinen Eigenproduktionen.

Das Wort “Bespieltheater” klingt in Trier nach wie vor verrucht. Dabei bieten professionelle Agenturen inzwischen europa- und sogar weltweit erstklassige Kunst zum Einkaufen an. Stars der musikalischen und schauspielerischen Szene treten längst auch an kleinen Bühnen auf. Wobei Trier noch nicht einmal den radikalen Schritt vollziehen müsste. Investitionen in die funktionierende Software – etwa das Orchester – sind durchaus möglich und auch sinnvoll. Der Konzertbetrieb funktioniert, läuft und ist die beliebteste Sparte. Langfristig ließe sich aus dem Orchester sogar ein echtes C-Orchester, möglicherweise sogar ein B-Orchester mit überregionaler Strahlkraft machen. Die Stadt könnte sich parallel dazu auch weiter ein eigenes, wenn auch reduziertes Schauspielensemble leisten. Das ist keineswegs ausgeschlossen.

Der größte aller Würfe aber würde mit dem abgespeckten Haus auf der Ebene der Hardware gelingen und zudem Synergieeffekte freisetzen. Tufa und Theater könnten zu einem großen Trierer Kulturhaus verschmelzen – weiter unabhängig voneinander und doch kooperierend. Die Betriebskosten ließen sich so an einem Standort drastisch reduzieren – entweder auf dem Walzwerk-Gelände in Kürenz oder, noch charmanter, links der Mosel in Trier-West, was auch zu einer deutlichen Aufwertung des Stadtteils führen würde. Und zentral in der City würde viel Raum für die neue Innenstadtschule frei. Ein weiterer Vorteil liegt unübersehbar auf der Hand: Der Betrieb in Theater und Tufa könnte bis zur Fertigstellung des gemeinsamen Hauses fortgeführt werden. Derart ließen sich zusätzliche Kosten für die Auslagerung während der dann überflüssigen Sanierungszeit vermeiden.

So liegt es an der Politik, ob sie sich weiter in ihrer überholten Grundhaltung innerhalb der eigenen Wohlfühlzone ergeht und selbstgefällig sowie starr an längst nicht mehr existierenden Realitäten festhält. Oder ob sie sich endlich dazu bequemt, Fragen auch öffentlich zu stellen, Wahrheiten anzunehmen, strategisch und nicht kleingeistig zu denken – im Sinne Triers und der Zukunft der Trierer Kulturszene.

Extra
Die türkisen Teile kämen zum Graubner-Bau noch hinzu. Ein Steg würde die Kammerspiele (oben links im Vordergrund) mit dem Haupthaus verbinden.

Die türkisen Teile kämen zum Graubner-Bau noch hinzu. Ein Steg würde die Kammerspiele (oben links im Vordergrund) mit dem Haupthaus verbinden.

Das Büro theapro schlägt in seiner Studie zwei Varianten vor: Variante eins sieht einen Winkel-Anbau entlang des Heinz-Tietjen-Weges gegenüber des Astarix und am Augustinerhof vor. Bei Variante zwei wird auf den Winkel-Anbau verzichtet, sie sieht stattdessen eine Aufstockung auf das Gebäude vor. Die Vorteile von Variante eins sind laut Studie die Unterbringung nahezu des gesamten Raumprogramms des Haupthauses und die räumliche Zusammenfassung der Funktionen. Dies wäre bei der zweiten Variante nicht möglich. Weiterer Nachteil: Trotz Aufstockung bietet sie 300 Quadratmeter zu wenig Platz, Variante eins hingegen bietet gut 100 Quadratmeter mehr Fläche als benötigt. Nachteile sind ein großer Baukörper vor der Theater-Fassade am Augustinerhof und das Wegfallen von Grünflächen und des sogenannten Vertriebenenbrunnens. Kosten können bislang noch keine genannt werden, dies ist erst Ende Juli möglich.

Laut Studie ist auch die Errichtung eines Kammerspielhauses mit rund 280 Sitzplätzen in unmitelbarer Nähe zum Haupthaus möglich. Dort könnten laut Dezernent Thomas Egger kleinere Produktionen aufgeführt werden. Verbunden wären die Gebäude durch eine Art Brücke. Als Standort könnte nach der Studie ein Kirchengrundstück zwischen Haupthaus und Hindenburgstraße dienen. Ein Vorteil dieses Standortes: “Das Theater würde sich zur Stadt hin öffnen”, betont der Kulturdezernent. Kirchenvertreter hätten sich in Vorgesprächen verhandlungsbereit gezeigt, sagte Egger.

Die Mitarbeiter von theapro haben ebenfalls den Raumbedarf für einen zweiten fiktiven Standort des Theaters ermittelt. Um Werkstätten, Probe- und Studiobühne sowie das Lager unterzubringen, sind gut 6.000 Quadratmeter nötig. Werden die Kammerspiele nicht am Augustinerhof, sondern an diesem zweiten Standort realisiert, erhöht sich der Flächenbedarf auf etwa 7.800 Quadratmeter. Allerdings fehlt in der Studie die Alternative, den zweiten Standort ohne Studiobühne zu realisieren – was die Kosten erheblich reduzieren würde.

Der weitere Zeitplan sieht neben der Kostenermittlung für beide Varianten, den Kammerspielen und dem zweiten fiktiven Standort, auch den Vergleich mit den Kosten für einen Neubau vor. Die Kostenanalyse soll bis Ende Juli vorliegen, sodass über den Sommer eine Vorlage für den Stadtrat erarbeitet werden soll. Der Rat soll laut Egger in der ersten Sitzung nach der Sommerpause eine Grundsatzentscheidung fällen. Eine Beteiligung der Öffentlichkeit ist ebenfalls geplant. (et/mit Material des städtischen Presseamtes)

Der Intendant

Oberbürgermeister Wolfram Leibe (SPD) hat dem Steuerungsausschuss am Donnerstag in nichtöffentlicher Sitzung seinen Vorschlag zur neuen Doppelspitze am Theater Trier unterbreitet und damit den internen Machtkampf mit Kulturdezernent Thomas Egger (ebenfalls SPD) zunächst einmal für sich entschieden. Der Stadtchef ließ in seiner öffentlichen Erklärung anklingen, dass er den Kollegen Egger für dessen Äußerungen vor der Presse intern gerügt habe. Leibe betonte ferner, “dass die interne Kommunikation in Sachen Theater in den letzten Tagen suboptimal war” und begründete erneut die vom ihm erlassene zehnprozentige Haushaltssperre bei den freiwilligen Leistungen in allen Dezernaten mit dem hohen Theater-Defizit.

Dem Trierer Theater-Intendanten Karl Sibelius soll nun ein gleichberechtigter Verwaltungsdirektor für den kaufmännischen und personellen Sektor zur Seite gestellt werden. Bis die Stelle besetzt ist, übernimmt Egger die Aufgaben kommissarisch. Dazu muss der Stadtrat seinen 2013 gefassten Beschluss teilweise aufheben. Denn der sieht den Generalintendanten als alleinigen Verantwortlichen für alle Bereiche vor. Am 30. Juni wird der Kulturausschuss beraten, am 14. Juli soll der Stadtrat über Leibes Vorlage entscheiden.

SPD-Chef Sven Teuber und Thomas Albrecht von der CDU mahnten in der kurzen Debatte an, dass mit der Vertragsänderung zwischen Sibelius und der Stadt auch das Gehalt des Intendanten auf den Prüfstand gestellt werden müsse. “Weniger Verantwortung bedeutet auch weniger Geld”, betonte Teuber. Diesbezüglich wird Egger demnächst Verhandlungen mit dem Österreicher führen. (et)


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Erstellt am Autor Eric Thielen in Dossier Theater, Featured, Meinung 1 Kommentar

Kommentar zu Theater Trier – Die Gretchenfrage

  1. Nico Wouterse

    Herr Thielen,

    Auch die Uni spielt nicht 1. Bundesliga. Wollen Sie sie trotzdem abschaffen? Wenn Sie sich mal wirklich ein Bild machen wollen, dann schauen Sie sich zum Beispiel das Theater Heidelberg an. Der Vergleich wäre realistischer als der mit Luxemburg.

     

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