Theater Trier – Künstlervereinigung fordert Sibelius

Bleibt Schauspieldirektor Ulf Frötzschner, oder muss der Thüringer gehen? Diese Frage könnte am heutigen Montag beantwortet werden. Foto: Theater Luzern

Bleibt Schauspieldirektor Ulf Frötzschner, oder muss der Thüringer gehen? Diese Frage könnte am heutigen Montag beantwortet werden. Foto: Theater Luzern

TRIER. Am Samstag hat der Kulturausschuss im Beisein der finanzpolitischen Sprecher der Fraktionen Theater-Intendant Karl Sibelius sein Vertrauen ausgesprochen. Dieser Vertrauensvorschuss betraf laut Kulturdezernent Thomas Egger (SPD) auch die Personalentscheidungen des Österreichers. Diese seien gebilligt worden, sagte der Sozialdemokrat nach der sechsstündigen Sitzung des Gremiums gegenüber dem reporter, wobei die anwesenden Kommunalpolitiker ausschließlich von Egger und Sibelius informiert worden waren. Die Betroffenen waren vom Ausschuss hingegen nicht gehört worden. Der reporter hatte am Donnerstag über einige der Fälle berichtet. Nun wendet sich die international tätige Künstlervereinigung art but fair in einem offenen Brief an den Trierer Intendanten und legt diesem neun Fragen vor – unter anderem zu Abmahnungen, Kündigungen, nicht bezahlten Honoraren, Arbeitsgerichtsprozessen und Sibelius’ Verantwortung beim inzwischen abgesagten Stück “Die Rote Wand”, das auf den Folgen des Verschwindens der Trierer Studentin Tanja Gräff aufbauen sollte.

2014 habe Sibelius, damals noch als Intendant des Theaters an der Rott in Eggenfelden, die art but fair-Selbstverpflichtung unterschrieben – als einer von vier Intendanten in Deutschland, schreibt Johannes Maria Schatz vom Vorstand der Künstlervereinigung an den Österreicher. Damit habe Sibelius sich verpflichtet, sich in seinem “Einflussbereich für einen respektvollen und solidarischen Umgang aller Mitarbeitenden einzusetzen und ein Klima gegenseitiger Wertschätzung und Achtung zu fördern”.

In den wenigen Monaten der Sibelius-Intendanz in Trier sei art but fair nunmehr fünfmal bezüglich der Arbeitsweise des Österreichers am Theater Trier kontaktiert worden, “von Regie-Assistenten angefangen, über Künstler des Hauses bis hin zu Gewerkschaftschefs von außerhalb”. Inzwischen häuften sich auch Mitteilungen in der Presse. Überschriften wie “Theater ums Theater Trier” oder “Abmahnungen, Kündigungen, Abfindungen” ließen art but fair aufschrecken, schreibt Schatz an den Trierer Intendanten und bezieht sich dabei auch auf die beiden vom reporter dokumentierten Fälle um den abgemahnten Schauspieldirektor Ulf Frötzschner und den entlassenen Opernsänger Christian Sist.

Die Künstlervereinigung legt Sibelius nun neun Fragen zu Beantwortung vor:

♦ Ist es richtig, dass Sie Mitarbeitern trotz eines Vorvertrages eine zugesagte Anstellung verweigert haben und/oder trotz Zusage nicht weiter beschäftigt haben, wenn ja, aus welchen Gründen?

♦ Entspricht es der Wahrheit, dass Sie eben diesen nicht angestellten Mitarbeitern selbst das Honorar für die bereits geleistete Arbeit verweigerten beziehungsweise lediglich eine Abfindung von 10.000 Euro brutto trotz erbrachter Leistung von einem Jahr angeboten haben, wenn ja, wie lässt sich dies mit der von Ihnen versprochenen Wertschätzung der Tätigkeit Ihrer Mitarbeitern in Einklang bringen?

♦ Stimmt es, dass es in Ihrer Amtszeit zu fristlosen Entlassungen und sofortigen Freistellungen von Mitarbeiter kam, wenn ja, was waren die Gründe?

♦ Trifft es zu, dass Sie sich nicht an Zusatzvereinbarungen von Verträgen gehalten haben, wenn ja, wieso?

♦ Ist die Aussage richtig, dass Sie Abfindungen an Mitarbeiter angeboten oder Verträge aufgelöst haben und im Gegenzug “Stillschweigen” von den Betroffenen einfordern, wenn ja, aus welchen Gründen? Widerspräche das nicht einer von Ihnen versprochenen transparenten Unternehmenskultur?


Der offene Brief im Wortlaut


♦ Kam es in den letzten Monaten zu Abmahnungen von führenden Verantwortlichen in Ihrem Haus, wenn ja, aus welchen Gründen?

♦ Ist es richtig, dass Ihnen Ihr Kulturdezernent Kündigungen von Mitarbeitern in Ihrem Haus in einzelnen Fällen untersagte? Wenn ja, wie konnte es bei solch schwerwiegenden Entscheidungen zu einem Dissens kommen?

♦ Stimmt es, dass derzeit Arbeitsgerichtsprozesse und/oder Abfindungsverhandlungen mit mehreren Mitarbeitern Ihres Hauses laufen, wenn ja, wieso und wie viele?

♦ Entspricht es der Wahrheit, dass Sie vollumfänglich in den Stand der Vorbereitungen Ihrer geplanten Produktion “Die rote Wand” informiert waren? Wenn nein, wie konnten Sie sich bei einer der bedeutendsten Fragen, ob nämlich die Angehörigen von Tanja Gräff der Inszenierung zustimmen würden, nicht informieren?

Schatz weist den Trierer Intendanten ferner darauf hin, “dass wir von der Beantwortung der Fragen und der anschließenden internen Prüfung abhängig machen werden, ob Sie weiterhin auf unserer Liste der art but fair-Selbstverpflichtenden erscheinen werden”.

Opernsänger Christian Sist wurde von Sibelius fristlos entlassen. Foto: privat

Opernsänger Christian Sist wurde von Sibelius fristlos entlassen. Foto: privat

Wie Sibelius dem reporter am Samstagabend telefonisch mitteilte, habe er sich vor dem Kulturausschuss für den Eklat um das Stück “Die rote Wand” entschuldigt. Kulturdezernent Egger hatte nach der Sitzung “personalrechtliche Konsequenzen” gefordert. Die beträfen dann nach Auffassung des Dezernenten einzig Schauspieldirektor Ulf Frötzschner, den Sibelius bereits abmahnen ließ und im April entlassen wollte. Dem reporter liegt ferner ein nicht unterschriebener Auflösungsvertrag zwischen Frötzschner und der Stadt Trier vom 26. Februar 2016 vor. Demnach sollte das Vertragsverhältnis zum 31. Juli 2017 beendet werden. Egger hatte sich in der vergangenen Woche gegenüber dem reporter geweigert, Auskünfte über Vertragsangelegenheiten zu geben. Am heutigen Montag wird der Kulturdezernent sich auf der turnusmäßigen Pressekonferenz des Stadtvorstandes den Fragen der Medien stellen.

art but fair verleiht unter anderen die Goldene Stechpalme, den Preis “für das traurigste und unverschämteste Vorkommnis in der Darstellenden Kunst und Musik”. Im Oktober vergangenen Jahres fand die Preisverleihung im Beisein von Theater-Intendant Sibelius in Trier statt. Im April 2015 hatte die Künstlervereinigung sich in die Debatte um den Neubau des Trierer Theaters eingeschaltet und unter anderem die AfD für deren Position scharf kritisiert. (et)


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Erstellt am Autor Eric Thielen in Dossier Theater, Featured, Kultur 2 Kommentare

2 Kommentare zu Theater Trier – Künstlervereinigung fordert Sibelius

  1. Susanne Decker

    Mal ganz abgesehen von der menschlichen Seite: Was kosten diese ganzen Vertragsauflösungen, Abfindungen etc. eigentlich die Stadt Trier und damit den Steuerzahler? Schließlich hat Karl Sibelius, wenn ich es richtig sehe, diese Leute ja selbst geholt. Wenn er jetzt schon nach nicht einmal einem Jahr seine Personalentscheidungen mehrfach revidieren muss, darf man doch mal seine Kompetenz als Chef eines solchen Hauses mit so vielen Mitarbeitern in Frage stellen…

     
  2. Ewald Karl

    Nun, ihr lieben Trierer, das hat man davon, wenn man sich nicht vorher ausgiebig informiert beim früheren Arbeitgeber in Eggenfelden. Wir jedenfalls haben nicht geweint, als uns der Herr Intendat S. verlassen hat. Mit Interesse lese ich das Vorgefallene und sehe sehr viele Parallelen zu den Geschehnissen an unserem Theater an der Rott. Mein ehemals langjähriges Abonnement ließ ich nach Weggang des Herrn S. wieder aufleben.
    Gruß an die Trierer Theaterfreunde!

     

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