Tief im Westen, wo man Bienen kaut

Trier? Ja, Trier-West. Nackte Realität im Gneisenaubering.

Trier? Ja, Trier-West. Nackte Realität im Gneisenaubering.

TRIER. Von wegen phlegmatisch: Triers Bürgermeisterin Angelika Birk (Grüne) hat sich am Donnerstagabend in der Höhle der Löwen in Trier-West gut aufgelegt präsentiert. Seit Monaten steht die 59-jährige ehemalige Frauenministerin von Schleswig-Holstein als Sozial- und Schuldezernentin der Stadt im Kreuzfeuer der Kritik. Das beflügelt die Grüne offenbar: Birk zeigte sich in der Sitzung des Ortsbeirates vorbereitet, hellwach und angriffslustig. Mit Seitenhieben auf Oberbürgermeister Klaus Jensen (SPD) und Intimfeindin Simone Kaes-Torchiani (CDU) würzte die umstrittene Dezernentin ihren knapp zweistündigen Auftritt im Dechant-Engel-Haus. Sie komme nicht in die Puschen, posaunen die Birk-Kritiker gerne öffentlich und hinter den Kulissen. Das liege nicht an ihr, konterte die derart Gescholtene jetzt. Von schweren Auseinandersetzungen in der Verwaltung zur Zukunft von Trier-West sprach Birk. Sie wolle keinen Schicki-Micki-Stadtteil, wie er sich jetzt schon auf dem Bobinet-Gelände andeute. Dafür ist die ungeliebte Kollegin Kaes-Torchiani zuständig. Von 2015 an will Birk ihre Ideen einer sozialverträglichen Entwicklung des Stadtteils umsetzen – so im Gneisenaubering. Das sagte die Bürgermeisterin zu.

Trier-Wester, so behaupten die Ureinwohner, essen keinen Honig. Sie kauen die Bienen. In den ganz alten Zeiten, als kleine Kinder noch mit herunterhängenden Stoffwindeln zwischen riesigen schwarzen Reifen in den Pfützen des Gneisenauberings spielten, kursierte ein geflügeltes Wort außerhalb des ganz eigenen westlichen Universums: Ehrang, Pfalzel, Biewer, alles ein Kaliber; Trier-West gibt mir den Rest. Wenn heute noch manch Jugendlicher über Trier-West vom Ort der fliegenden Messer spricht, so wächst neben der durchaus vorhandenen Faszination für den morbiden Charme des Stadtteils auch die Erkenntnis: Trier-West hat wie eh und je ein gewaltiges Image-Problem.

Frustration, Wut und Zorn

Eurener Straße 6 - hier soll der "Bauspielplatz" komplett unterkommen.

Eurener Straße 6 – hier soll der “Bauspielplatz” komplett unterkommen.

Parallel zum Wurmfortsatz der Eurener Straße hinauf zum Dechant-Engel-Haus schält sich eine eigene Welt zwischen Triererweilerweg und Tempelweg heraus, die ernsthaft nur begreifen kann, wer Wurzeln im Stadtteil hat. Kopfsteinpflaster. Einbahnweg. Darin fühlen sich die meisten Trier-Wester gefangen. Vor fünf Jahren sei sie durch die Straßen gegangen. “So etwas wie hier hatte ich bis dahin noch nie in einer westdeutschen Stadt gesehen”, sagt Birk am Donnerstagabend. Damals wurde die Planungswerkstatt abgehalten. Euphorie und Hoffnung machten sich breit. Ein Jahr später kam der Masterplan. Die Euphorie wich langsam. Die Hoffnung blieb, weil die gewöhnlich zuletzt stirbt. Inzwischen dürfte auch sie tot sein. “Weil die Menschen hier nicht nur direkt und offen sind”, sagt Ortsvorsteher Horst Erasmy (CDU), “sondern auch sehr sensibel.”

Die Ureinwohner würden wohl sagen: Sie wollten uns mitholen. Das war die Absicht. Doch dabei blieb es. Heute macht Erasmy um viele Ecken im Stadtteil einen großen Bogen. “Weil die Leute mich anhauen, mich anrufen, weil sie wissen wollen, wann hier endlich etwas passiert”, sagt der Christdemokrat. “Und ich kann ihnen nichts sagen.” Frustration mache sich breit, Wut und Zorn kämen hinzu. Birk spricht von “verwaltungsinternen Absprachen”. Erasmy kontert: “Das ist für mich das Unwort des Jahres!” Wie das heiße, sei ihm egal. “Es muss endlich voran gehen!”

Schließlich taut die Grüne auf. Denn der Christdemokrat lässt nicht locker. “Es ist mir auch egal, ob Ihr Vorgänger an den Zuständen hier schuld ist. Jetzt stehen Sie in der Verantwortung”, sagt er. Birks Amtsvorgänger war Georg Bernarding, Christdemokrat wie Erasmy. Doch Parteigrenzen interessieren hier nur wenig. Am Tisch im Dechant-Engel-Haus ist man zuerst Trier-Wester oder Palliener und dann erst Parteimitglied. Schließlich merkt auch die Bürgermeisterin, dass sie tief im Westen mit Floskeln aus dem rathäuslichen Elfenbeinturm nicht punkten kann. Birk ist Politikerin genug, um zu wissen: Hier rettet sie nur Tacheles.

Also geht die Grüne in die Offensive. “Wäre es nach mir gegangen, hätten wir mit der Umgestaltung in Gneisenau schon vor anderthalb Jahren anfangen können”, wirft sie in den Raum. Staunen in der Runde. Doch sie habe das nicht alleine zu entscheiden. Sie spricht von “schweren Auseinandersetzungen in der Verwaltung” über die Zukunft von Trier-West. Sie sagt, das strategische Gebäudemanagement im OB-Dezernat habe ein gewichtiges Wort in allen Fragen mitzusprechen. “Da heißt es dann: Brauchen wir das überhaupt?” Schließlich mische sich auch das operative Gebäudemanagement der Kollegin Kaes-Torchiani ein. Als Sozialdezernentin wolle sie keinen “Schicki-Micki-Stadtteil” in Trier-West. Birks Anspielung auf Bobinet ist auch ein Seitenhieb auf die ungeliebte Kollegin aus dem Baudezernat.

“Derselbe Dreck wie schon 2009”

Ohne Peitsche in der Höhle der Löwen: Angelika Birk (Grüne) beim Ortsbeirat Trier-West/Pallien.

Ohne Peitsche in der Höhle der Löwen: Angelika Birk (Grüne) beim Ortsbeirat Trier-West/Pallien.

Achim Hettinger und Simeon Friedrich sitzen ebenfalls am Tisch im Dechant-Engel-Haus. Beide sind vom Trierer Jugendamt: Schützenhilfe für die Chefin im wilden Westen. Sie sind es, die Antworten liefern auf die drängenden Fragen. “Keine Diskussion mehr beim Umzug des Bauspielplatzes in die Eurener Straße 6”, verspricht Hettinger. Dort wird der Kinderhort jetzt unterkommen. Die Anträge für die Fördermittel sind gestellt. Keine Diskussion mehr auch über den Ausbau von Don Bosco. Und auch keine Diskussion mehr über die Sanierung der Kita Christ König. “Aber auch dabei”, sagt Friedrich, “sind wir massiv auf die Kooperation mit dem Baudezernat angewiesen.”

Das wollte Erasmy hören. Das wollten alle anderem am Tisch hören. Was in Trier-West keiner mehr hören will, sind Allgemeinplätze über Gesamtkonzepte und Machbarkeitsstudien. “Die Leute müssen sehen, spüren und fühlen, dass auch einzelne Punkte unabhängig von einem fernen Gesamtkonzept umgesetzt werden”, sagt der Christdemokrat. “Weil ihnen und uns das unter den Nägeln brennt.”

Also sagt Birk zu, den Workshop neu aufzulegen und den Runden Tisch im Stadtteil wiederzubeleben. Dort soll dann über den dritten Block in der Gneisenaustraße informiert und diskutiert werden. Den will die Grüne im kommenden Jahr angehen – mit den Fördergeldern aus dem Projekt “Soziale Stadt”. Dort soll aber auch über die Zukunft des “Rosa Hauses” und der anderen städtischen Wohnungen informiert werden. Mit der Magnerichstraße sei ein Anfang gemacht, sagt Birk. Auch der dritte Block im Gneisenau-Quartier soll im sozialen Wohnungsbau hergerichtet werden. Die Gneisenaustraße 44 ist hingegen für Büroräume vorgesehen.

Um Machtbartkeits- und Wirtschaftlichkeitsstudien werden Erasmy und Mitstreiter allerdings nicht herumkommen. Denn gerade im ehemaligen Kasernengebiet hängt alles davon ab, ob sich die Sanierung der maroden Gebäude überhaupt rentiert. Liegt die jedoch deutlich über den Kosten für einen Neubau, müssen auch die Planungen neu aufgelegt werden. Nur dann können Fördermittel abgerufen und verwendet werden, nur dann erteilt auch das Land seine Zustimmung. Klar ist indes, dass für 2014 keine Fördergelder verfallen. 910.000 Euro stehen noch im Topf für Trier-West.

Auch im "Rosa Haus" sind ausschließlich städtische Wohnungen.

Auch im “Rosa Haus” sind ausschließlich städtische Wohnungen.

Erasmy bleibt skeptisch. Dass Birk ihn kurz zuvor trotz aller Differenzen noch “als Wächter des Stadtteils” gelobt hatte, ist für den Christdemokraten kein Ritterschlag. Er nimmt die Schmeichelei der Bürgermeisterin zu Kenntnis, mehr aber auch nicht. “Wir haben heute noch denselben Dreck wie 2009 hier”, sagt er, als die Grüne schon auf dem Heimweg ist. Wenig Neues habe er gehört, und er sagt auch, dass gerade in Gneisenau keiner der Verwaltung auch nur noch ein Wort glaube. “Die Stimmung ist am Boden, und ich bin erst zufrieden, wenn ich sehe, dass sich wirklich etwas tut.” Sollte jedoch alles so kommen, wie von Birk angekündigt, ja, dann sei auch er zufrieden. Sie könne gerne wiederkommen, sagt Erasmy über die Dezernentin, “und wenn sie ihre Zusagen eingehalten hat, dann machen wir eine große Fete hier”. Im anderen Fall braucht Birk beim nächsten Auftritt in der Höhle der Löwen dann vielleicht doch noch die Peitsche. Aber einstweilen kauen sie in Trier-West nur Bienen. Honig ums Maul schmieren lässt sich indes keiner mehr. “Jetzt will ich nur noch Fakten sehen”, sagt Erasmy. (et)

ZUM THEMA

DER GASTKOMMENTAR VON PROF. DR. WALDEMAR VOGELGESANG

Fakten Trier-West


Don Bosco

Kosten für den Ausbau der Qualifizierungs-Werkstatt: 729.504 Euro. Zuschuss “Soziale Stadt” aus dem Bund-Länder-Programm: 250.000 Euro. Zuschuss der Reh-Stiftung: 238.000 Euro. Anteil Träger: 175.000 Euro. Eigenleistung des Trägers: 66.504 Euro. Alle Mittel sind im Doppelhaushalt 2015/2016 eingeplant. Die Fördermittel für 2014 und 2015 sind beim Land beantragt.

Hort “Bauspielplatz”

Die 70 Plätze des Hortes sollen in der Eurener Straße 6 zusammengeführt werden. Auch die Räume für die Küche und den Mittagstisch sollen dort untergebracht werden. Dafür wird das Gebäude um- und ausgebaut. Die Planungskosten betragen 30.000 Euro und sind im Haushalt 2015 ausgewiesen. Die “Mobile Spielaktion” soll in die Zuckerbergstraße verlegt werden.

Kita “Christ König”

Der städtische Zuschuss für den laufenden Bauabschnitt der Kita wird auf 154.785 Euro erhöht. Dies wird im Haushalt 2015 eingeplant. Der städtische Zuschuss für den dritten Bauabschnitt der Kita wird 260.000 Euro betragen. Die Kosten der gesamten Baumaßnahme belaufen sich auf 882.640 Euro. Davon trägt das Bistum 308.930 Euro, das Land 64.000 Euro, der Bund 94.925 Euro und die Stadt 414.785 Euro.


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Erstellt am Autor Eric Thielen in Featured, Politik Hinterlasse einen Kommentar

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