Trier – ein Vorreiter in Deutschland

Diese Bürger, hier zusammen mit dem Innenminister und dem Oberbürgermeister, brachten sich in den letzten beiden Jahren aktiv in die Arbeit zum Aktionsplan Entwicklungspolitik ein. Fotos: Rolf Lorig

TRIER. Die Menschen müssen pfleglicher mit der Erde und deren Ressourcen umgehen; Sorge für eine Entwicklung tragen, die als Grundlage zur nachhaltigen Entwicklung und Frieden und Wohlstand dienen soll. Dazu haben die Vereinten Nationen im September 2015 insgesamt 17 Ziele verabschiedet. Darauf basierend hat Trier als bislang einzige Kommune in Deutschland einen Aktionsplan Entwicklungspolitik erarbeitet, der am Mittwoch im Beisein des rheinland-pfälzischen Innenministers Roger Lewentz offiziell vorgestellt wurde.

Von Rolf Lorig

In Trier ist das Thema Nachhaltigkeit nicht zuletzt durch die Lokale Agenda 21 bereits seit mehr als 20 Jahren fest verankert. Deutlich machen das zahlreiche Vereine und Institutionen, die sich konkret für fairen Handel, nachhaltigen Konsum, für Umweltschutz und internationale Gerechtigkeit einsetzen. Laut Sophie Lungershausen (Lokale Agenda 21) forderten in einer Petition der Lokalen Agenda 21 mehr als 1.500 Bürger die Stadtverwaltung zur Erarbeitung einer kommunalen Strategie auf. Dank dieses gemeinsamen Engagements wurde schließlich in der Stadtverwaltung Trier die erste Koordinatorin für kommunale Entwicklungspolitik – Lea Horek – eingesetzt.

Gerade hat Matthias Berntsen (rechts), der persönliche Referent des Oberbürgermeisters, Innenminister Roger Lewentz das erste Exemplar des Aktionsplans übergeben. Es freuen sich OB Wolfram Leibe, Koordinatorin Lea Horak und Sophie Lungershausen von der Lokalen Agenda 21.

Eine lange Liste ist die Grundlage für den Trierer Aktionsplan Entwicklungspolitik

Mehr als 80 Bürger dieser Stadt haben in den letzten beiden Jahren unter der Leitung von Sophie Lungershausen und Lea Horak in offenen Arbeitsgruppen an dem Papier mitgearbeitet, in dem 193 Maßnahmen, unterteilt in vier Themenfelder, konkret festgeschrieben wurden. Die Ergebnisse dieses Beteiligungsprozesses kamen im Januar dieses Jahres in den Stadtrat, der das Papier diskutierte und als “Trierer Aktionsplan Entwicklungspolitik” einstimmig auf den Weg brachte.

Doch was beinhaltet nun dieses Papier konkret? Von der Stadtverwaltung wird die Einrichtung einer Anlaufstelle zum fairen, ökologischen und regionalen Handel erwartet. Ansprechpartner sollen hier benannt und Schulungsangebote vermittelt werden. Der Papierverbrauch in der Verwaltung soll gesenkt, bei Dienstreisen auf die bewusste Auswahl von Bio-Hotels geachtet werden. Die Kirchen werden aufgefordert, ihren Mitarbeitern Fortbildungen zu Themen der Nachhaltigkeit anzubieten. Eine Forderung, die sich aber auch an die Mitarbeiter des Forstamtes Trier richtet.

Die Stadtverwaltung soll in Zusammenarbeit mit den SWT, der City-Initiative und der ttm eine Angebotsliste erarbeiten, die regionale Anbieter von Fairprodukten auflistet. Strategien sollen den Anteil fair gehandelter und regionaler Produkte in der Gastronomie erhöhen, worunter wohl auch die Aufstellung von Automaten mit fair gehandelten Snacks sowie Kaffee in öffentlichen Einrichtungen fällt. Beispielgebend könnte hier das Klinikum Mutterhaus sein, wo ausschließlich fair gehandelter Kaffee zum Ausschank kommt.

Eine andere Maßnahme sieht die Etablierung eines Becherpfand-Systems vor, ein weiterer Vorschlag die Prüfung der Aufstellung eines Trinkwasserbrunnens in der Stadt. Die Zahl der Schul- und Kita-Gärten soll erhöht werden, Schulhöfe mehr Grünflächen erhalten. Die Stadtverwaltung soll Fahrgemeinschaften bilden und den Mitarbeitern zur Erledigung von Aufgaben in der Stadt Dienstfahrräder anbieten. Zur Vermeidung von CO2-Emissionen sollen Elektrofahrzeuge genutzt und die Verwaltungsgebäude an den Weihnachtsfeiertagen geschlossen werden. Und auch die Bürger selbst sollen sich einbringen: beispielsweise bei Müll-Sammel-Aktionen oder der Renaturierung von versiegelten Flächen. Alle Punkte zu benennen, würde an dieser Stelle den Rahmen sprengen. Allerdings ist der Aktionsplan auch im Netz auf der Seite der Stadt Trier verfügbar.

“Trier alleine kann die Welt nicht retten – aber wir können damit beginnen”

Oberbürgermeister Wolfram Leibe weiß, dass Trier mit seinen 110.000 Einwohnern alleine die Welt nicht retten kann: “Doch irgendjemand muss anfangen – und warum soll das nicht Trier sein? Wir dürfen nicht vergessen: Unsere Erde ist eine ‘Limited Edition’. Wir haben die Verpflichtung, diesen Planeten zu erhalten, denn weder die Natur noch die Menschheit wird so ohne weiteres auf einen anderen Planeten umziehen können.” In der Jugend sieht der Oberbürgermeister einen wichtigen Partner. Denn dass dieser Gruppe ihre Zukunft nicht egal sei, beweise das Engagement von “Fridays for Future”. Bei der letzten Demo hatte er die Jugendlichen vor dem Rathaus begrüßt und die Teilnehmer – die Polizei sprach von 700 – ausdrücklich zu diesem Abend eingeladen. Erwartungsfroh bat er dann auch darum, dass die jungen Leute mal kurz aufstehen. Was dann genau sieben taten…

Womit diese Gruppe nicht nur den Oberbürgermeister sondern auch Innenminister Lewentz enttäuschte. Auch er hatte sich in begeisterten Worten – der Wahlkampf lässt grüßen – über das Engagement dieser Gruppe ausgelassen und den Ausfall von Schulstunden angesichts des wichtigen Anliegens für legitim erklärt. Dass ADD-Chef Thomas Linnertz, der ja auch die Verantwortung für die Schulen hat, über die Worte des Innenministers nicht gerade glücklich war, konnte jeder sehen, der in diesem Moment mit den Augen nicht gerade an Lewentz klebte.

Mit seinen künstlerischen Darbietungen setzte das sechsköpfige “Hope Theatre Nairobi” den passenden Rahmen zur Veranstaltung.

Seit 35 Jahren Partnerschaft mit Ruanda

Lewentz bedankte sich aber auch ausdrücklich bei allen Teilnehmern, die in den letzten beiden Jahren diesen Plan erarbeitet haben. Dank dieses Engagements sei Trier beispielgebend für das gesamte Land. Sein besonderer Dank galt neben der Lokalen Agenda 21 Trier, die bereits seit 20 Jahren auf diese Ziele hinarbeitet sowie dem früheren Oberbürgermeister Klaus Jensen, der ebenfalls ein Vorreiter dieser Bewegung ist.

Nicht ohne Stolz verwies der Minister auf die 35-jährige Partnerschaft des Landes mit Ruanda, die so stark sei, dass sie auch Massaker wie den Völkermord in dem afrikanischen Land sowie Regierungswechsel in Rheinland-Pfalz überdauert habe. Es gebe noch viel an Entwicklungshilfe dort zu tun: “75 Prozent der Bevölkerung haben dort noch keine Energieversorgung, kochen noch mit Holz.”

Durch die Vermittlung von Bildung könne viel für das Land getan werden: “Mehr als 50 Prozent der Bevölkerung ist 18 Jahre alt und jünger.” Man dürfe nicht im Bemühen nachlassen, den Menschen dort Lebens- und Entwicklungschancen zu geben – “und das in der Form, dass man diese Menschen mit Fairness behandelt und ihnen in Augenhöhe gegenübertritt”. Und dann schloss Roger Lewentz seine Ausführungen mit einem Gedankenspiel: “Vielleicht könnte Trier jetzt noch eine Patenschaft für eine Kommune dort übernehmen.” Um diese Idee dann aber auch sogleich zu relativieren: “Ich weiß, dass das Bistum Trier dort schon sehr engagiert ist.”


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Erstellt am Autor Rolf Lorig in Featured, Gesellschaft Hinterlasse einen Kommentar

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