Trier – Eldorado für Anarcho-Parker

Kostenloser Parkplatz, wo überhaupt keiner ist: Auch der Domfreihof ist ein Eldorado für Park-Anarchos.

Kostenloser Parkplatz, wo überhaupt keiner ist: Auch der Domfreihof ist ein Eldorado für Park-Anarchos.

TRIER. Und nun? Kurzes Fazit eines ebenso kurzen Punktes im Stadtrat: Nichts Genaues weiß man nicht! Noch nicht. Sicher ist nur, dass die spezielle Einsatztruppe des Verkehrsüberwachungsdienstes (VÜD) in der von Thomas Egger (SPD) gewünschten Form nicht existiert. Mit ihr wollte der Dezernent das ausufernde innerstädtische Wildparken eindämmen – vor allem in den Abendstunden und an den Wochenenden. Vier neue Stellen hatte der Rat dem Dezernenten dafür im Sommer genehmigt. Fünf Mitarbeiter wurden eingestellt, drei in Vollzeit, zwei im Halbtagesdienst. Doch inzwischen hat der VÜD sechs Mitarbeiter verloren: Zwei wechselten zur Geschwindigkeitsüberwachung, zwei gingen nach vorheriger Krankheit in den Ruhestand, zwei weitere sind auf unbestimmte Zeit erkrankt. Deswegen baute der Sozialdemokrat am Dienstagabend vor: Ausschließlich mit den vier neuen Stellen sei die Ausweitung des Dienstplanes kaum möglich. Rainer Lehnart (SPD) kündigte daher noch während der Ratssitzung an, seine Fraktion wolle weitere Stellen für den VÜD beantragen. Die SPD hatte schon im Frühjahr sechs Stellen gefordert, der Rat aber nur vier genehmigt.

Zugeparkte Gehwege, blockierte Radwege, verstellte Einfahrten, wildes Parken in zweiter und dritter Reihe, Behindertenplätze, die rücksichtslos zugestellt werden, absolute Halteverbotszonen, die nur auf dem Papier existieren, Plätze, die als öffentliche Parkflächen missbraucht werden, Bewohnerparkplätze, auf denen Bewohner dennoch keine Parkplätze finden, weil diese von Autofahrern aus Wittlich, Bitburg, dem Saarland, aus Luxemburg, dem Trierer Umland und aus aller Herren Länder zugestellt sind – wohl in keiner anderen Großstadt der Republik herrscht eine derartige Park-Anarchie wie in Trier. In der neuen Facebook-Gruppe “Parken in Trier”, in der vor allem Bewohner der Innenstadt seit einigen Tagen ihrem Ärger über die Zustände Luft machen, geht ein besonderen Bonmot um: Der Domfreihof, schreibt ein Mitglied, sei die wohl meistbefahrene Fußgängerzone Deutschlands!


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Die tägliche Parkanarchie rund um den Rindertanzplatz.

Die tägliche Parkanarchie rund um den Rindertanzplatz.

Dort, im Schatten des Doms, ist das Parken verboten. Wer keine Berechtigung hat, darf den Freihof von der Liebfrauenstraße aus nicht einmal befahren. Doch das interessiert kaum jemanden. Regelmäßig ist die Fläche vor der Dominformation zugeparkt, Autofahrer nutzen den weiträumigen Platz, um eine gemütliche Schleife vor dem Dom zu ziehen. Auf dem nahen Stockplatz herrscht inzwischen ohnehin schon Gewohnheitsrecht: Wer will, parkt dort, obwohl verboten – und zudem meist ungestraft. Auf dem Rindertanzplatz tobt das tägliche Parkchaos, in der Zuckerberg- und Johannisstraße ist für ältere Menschen mit Rollatoren, für Rollstuhlfahrer und Menschen mit Kinderwagen kaum ein Durchkommen auf den Gehwegen, und im Quartier um das Max-Planck- und Auguste-Viktoria-Gymnasium mit Koch-, Dewora- und Sichelstraße heißt es jeden Tag: rien ne va plus. Elterntaxis warten mit laufenden Motor kreuz und quer auf und an den Gehwegen auf die Sprösslinge, um sie nach dem Schulschluss nach Hause zu kutschieren. Nur wenige Beispiele unter sehr vielen.

Bis in die entlegensten Ecken der Eifel, des Hunsrücks, Luxemburgs, des Saarlandes und darüber hinaus hat es sich inzwischen herumgesprochen: Trier ist ein Eldorado für Anarcho-Parker – in den Abendstunden wird so gut wie nie, an den Wochenenden kaum kontrolliert. Die gängige Praxis hat sich über Jahrzehnte hinweg eingeschliffen. Motto: Parke, wo du willst, in Trier sind sie großzügig! Jahr für Jahr schwillt der Parksuchverkehr, angelockt durch frei zugängliche Parkplätze innerhalb des Allenrings, exponentiell an – Besucher aus dem Umland, aber auch Trierer selbst, drehen Runde um Runde ums Carré, während in den Parkhäusern der Innenstadt freie Plätze en masse zur Verfügung stehen und die Park&Ride-Plätze leer bleiben.

SPD will weitere VÜD-Stellen

Der Normalzustand: Zugestellte Bürgersteige in der Zuckerbergstraße.

Der Normalzustand: Zugestellte Bürgersteige in der Zuckerbergstraße.

Dominik Heinrich (Grüne) kann davon viele böse Lieder singen. Der Ortsvorsteher von Trier-Mitte/Gartenfeld schreibt seit Jahren Anfragen an die Verwaltung, macht Eingaben, mahnt, kritisiert und fordert. Er wird konfrontiert mit den E-Mails, die entnervte Bewohner der Innenstadt schreiben, in denen sie Fallbeispiele beschreiben und um Abhilfe bitten. Ständig steht Heinrich der Verwaltung auf den Füßen – genutzt hat das bisher kaum. Erst als die ausufernden Zustände im Sommer des vergangenen Jahres von den Medien konsequent aufgegriffen wurden, schien ein Ruck durchs Rathaus zu gehen. Zwischen Juli und Dezember 2014 erhöhte der VÜD seine Abschleppquote deutlich – zwei Drittel der insgesamt 800 Abschleppvorgänge des gesamten Jahres fielen in diesen Zeitraum.

Der Hoffnung vieler City-Bewohner folgte die Ernüchterung: Grundlegende Veränderungen sind nicht zu beobachten. Die aktuelle Vorweihnachtszeit belegt einmal mehr: Der VÜD ist mit der flächendeckenden Kontrolle des ruhenden Verkehrs offensichtlich hoffnungslos überfordert. Sechs Mitarbeiter seien am dritten Adventssamstag bis 23 Uhr im Einsatz gewesen, erklärte Egger am Dienstagabend im Rat zur Anfrage der SPD. 240 Verwarnungen seien erteilt, mehr als 15 Fahrzeuge abgeschleppt worden. Ein Tropfen auf den heißen Stein angesichts der überbordenden Parkanarchie in der Innenstadt. Selbst die doppelte oder dreifache Anzahl an Mitarbeitern würde kaum ausreichen, das Chaos zu bändigen.


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Kreuz und quer und quer und kreuz wird in Trier geparkt.

Kreuz und quer und quer und kreuz wird in Trier geparkt.

Im Januar will der Sozialdemokrat seinen Dienst reorganisieren. Doch auch das wird ihm bei der dünnen Personaldecke kaum helfen, um der Parkanarchie Herr zu werden. Vier neue Stellen mit fünf Mitarbeitern (Vollzeit/Teilzeit) hat der Rat ihm im Sommer genehmigt. Sechs Stellen hatte die SPD zuvor gefordert. Zumindest die vier neuen Mitarbeiter sollten das Kontrollvakuum in den Abendstunden und an den Wochenenden füllen. Doch von seiner speziellen Einsatztruppe träumt Egger nach wie vor. Weil der VÜD in den letzten Monaten sechs Mitarbeiter verlor – zwei wechselten zur Geschwindigkeitsüberwachung, die die Stadt von 2016 an in Eigenregie leisten wird, zwei gingen in Rente, zwei weitere sind langfristig erkrankt –, musste der Dezernent die neuen Kräfte in den alten Dienstplan integrieren, um so wenigstens die Sollstärke seines Dienstes zu erhalten.

Deswegen baute Egger am Dienstagabend vor: Die Ausweitung des Dienstplanes – also auf die Abendstunden und die Wochenenden – sei ausschließlich mit den vier neuen Mitarbeitern “nicht sinnvoll zu bewerkstelligen”. Nach der Reorganisation will der Dezernent entscheiden, ob aus seiner Sicht weitere Stellen Sinn machen. Grundsätzlich, so Egger, erhöhe sich durch mehr Personal auch die Kontrolldichte. “Allerdings”, sagte er, “erhöht sich dadurch auch der organisatorische Aufwand – etwa bei der räumlichen Unterbringung der Mitarbeiter, bei der Ausrüstung und der Mobilität.” Das wiederum sei mit entsprechenden Kosten verbunden. Ob sich die personelle Verstärkung letztlich rechne, hänge wiederum von den Einnahmen aus der Überwachung ab, die dann nicht mehr nach qualitativen, sondern eher nach quantitativen Gesichtspunkten erwirtschaftet werden müssten, so Egger.


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Eggers Partei will indes nicht länger warten: Die SPD wird bereits Anfang nächsten Jahres weitere Stellen für den VÜD beantragen. Das kündigten Fraktionschef Sven Teuber und der verkehrspolitische Sprecher Rainer Lehnart noch während der Ratssitzung am Dienstagabend an. Der VÜD brauche mehr Personal, um seine Arbeit effektiv leisten zu können, sagte Lehnart.

Poller gegen Wildparker

Freies Parken auf den Gehwegen, wie hier am Rindertanzplatz.

Freies Parken auf den Gehwegen, wie hier am Rindertanzplatz.

Dass ihr Dezernent an vielen Stellen nur an den Symptomen herumdoktert, weiß auch die SPD. Egger und sein Dienst kämpfen gerade in der Innenstadt gegen Windmühlen. Denn die Auswüchse des ungezügelten Parksuchverkehrs lassen sich auch durch eine höhere Frequenz an Kontrollen nur schwer in den Griff bekommen. Weil anachronistisch wie in kaum einer anderen Stadt Deutschlands in unmittelbarer Nähe zur Fußgängerzone immer noch frei zugängliche Parkplätze – so auf dem Rindertanzplatz, an der Basilika, am Augustinerhof – die Autofahrer locken, weil ferner die Zufahrten zum Domfreihof, zum Stockplatz oder auch die Konstantinstraße hinunter zum Kornmarkt weiter offen sind, muss der VÜD auch hier Präsenz zeigen. Folglich fehlt den VÜD-Mitarbeitern die Zeit, andernorts zu kontrollieren.


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Mal gemütlich eine Schleife über den Domfreihof drehen - in Trier kein Problem

Mal gemütlich eine Schleife über den Domfreihof drehen – in Trier kein Problem.

Abhilfe könnten versenkbare Poller schaffen. Baudezernent Andreas Ludwig (CDU) kündigte am Dienstagabend an, im kommenden Jahr zumindest die Zufahrt zum Domfreihof abzuriegeln. Weil die vorliegenden Untersuchungen inzwischen bis zu acht Jahre alt sind – die Vorgespräche wurden laut Ludwig 2007 und 2008 geführt –, muss eine neue Konzeption erstellt werden. Denn seit 2008 sei die Planung für versenkbare Poller in der Innenstadt von der Verwaltung nicht weiter verfolgt worden. Damals hätten sich, so Ludwig, Probleme ergeben – etwa bei der Anzahl der Zugangsberechtigten für den Domfreihof, bei der Überprüfung der Zufahrtsberechtigung und bei der technischen Umsetzung. Ferner hätten die negativen Erfahrungen mit Polleranlagen in anderen Städten sowie die hohen Kosten die Verwaltung davon abgehalten, das Konzept weiter zu verfolgen. 2007 seien die Kosten für die Polleranlage in der Liebfrauenstraße mit rund 43.000 Euro beziffert worden – einschließlich der jährlichen Wartung und Unterhaltung.

Im aktuellen Doppelhaushalt 2015/2016 sind für Polleranlage zum Domfreihof hin nun 60.000 Euro eingestellt. Die grundsätzlichen konzeptionellen Überlegungen der Verwaltung, die nach wie vor auf den Untersuchungen von 2008 basieren, sehen laut Ludwig weitere versenkbare Poller im Umfeld der Fußgängerzone vor. Um die gesamte Innenstadt effizient abzusperren, wären etwa 15 weitere Polleranlagen an verschiedenen Standorten nötig – so auch am Stockplatz und in der Konstantinstraße. (et)

Alle Fotos: Facebook-Seite “Parken in Trier”


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Erstellt am Autor Eric Thielen in Featured, Politik Hinterlasse einen Kommentar

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