Verfolgt und vergessen – Völkermord an Sinti und Roma

Gegen das Vergessen - Rudolf Fries, VHS, Ulrike Winter von  der AGF und Jörg Zisterer, ESG, stellten am Donnerstag das Veranstaltungs-Programm vor. Alle Fotos: Gabi Böhm

Gegen das Vergessen – Rudolf Fries (links), VHS, Ulrike Winkler von der AGF und Jörg Zisterer, ESG, stellten am Donnerstag das Veranstaltungs-Programm vor. Alle Fotos: Gabi Böhm

TRIER. Genozid, Diskriminierung, religiöse Ressentiments: Als vor 70 Jahren der 2. Weltkrieg zu Ende ging, hatte das NS-Regime 500.000 Sinti und Roma in Europa entrechtet, deportiert und ermordet. Der Völkermord war gestoppt, nicht aber die rassistische Ausgrenzung. Eine Trierer Veranstaltungsreihe nimmt den Völkermord an Sinti und Roma und deren anhaltende Diskriminierung nun in den Fokus.

Von Gabi Böhm

Wer den Genozid überlebt hatte, sah sich als Sinti und Roma auch in der Nachkriegszeit oft diskriminiert. “Holt die Wäsche rein, die Zigeuner kommen”, ist einer dieser diskriminierenden Sprüche, die man bis heute kennt. Bis in die 1970-er Jahre schwieg man sich in Deutschland über den systematischen Völkermord von Sinti und Roma aus. Erst spät gaben Gerichte Klagen von Betroffenen auf Entschädigung statt. Während die Erinnerungsarbeit an die jüdischen Opfer des Holocaust das Grauen aufarbeitete, ist das Unrecht an Sinti und Roma nur wenig im öffentlichen Bewusstsein. Schlimmer noch: Diskriminierung ist leider noch immer vorhanden.

Anlässlich des nationalen Gedenktages für die Opfer des Nationalsozialismus am 27. Januar stellen die Evangelische Studentinnen und Studentengemeinde (ESG), die Katholische Hochschulgemeinde (KHG), die Volkshochschule (VHS) und die Arbeitsgemeinschaft Frieden (AGF) ein Veranstaltungsprogramm auf die Beine, das Facetten des Nationalsozialismus und den Völkermord an Sinti und Roma sowie ihre Diskriminierung zum Thema hat. “Ein sehr sensibles und aktuelles Thema”, sagt Rudolf Fries, Leiter der VHS. Für das Veranstaltungsplakat hat er ein eigenhändig geknipstes Fotomotiv beigesteuert, auf das er durch Zufall gestoßen war: “Scheiß-Zigeuner” hatte jemand im Juni in der Riverisstraße geschmiert – Verunglimpfung, Vorurteil, Fremdenhass.

Wie sensibel das Thema in der Tat ist, zeigte sich bei der Organisation der aktuellen Veranstaltungsreihe. Wie in den Vorjahren eröffnet eine Ausstellung in der VHS die Gedenk-Wochen. In diesem Jahr die Wanderausstellung “Frankfurt-Auschwitz”, die 2009 das erste Mal in Frankfurt gezeigt wurde und einen dokumentarischen und künstlerischen Teil beinhaltet. Traditionell wandert die Ausstellung für einige Tage abschließend in die Uni. Den Ausstellungsmachern in Frankfurt war das zu heikel: Ohne eine eigene Eröffnung in der Uni mit begleitenden Veranstaltungen könne die Ausstellung dort nicht weiter gezeigt werden. Zu groß war die Sorge, dass die Ausstellung nicht angemessen verstanden werde. So ist die Ausstellung also nur in der VHS zu sehen, und zwar vom 19. bis 31. Januar im Foyer – wie für alle anderen Veranstaltungen ist der Besuch kostenlos und somit auch für Studis machbar.

1996 wurde der nationale Gedenktag an die Opfer des Nationalsozialismus in Deutschland eingeführt. Bereits ein Jahr später organisierten die ESG und KHG erste Veranstaltungen zur Erinnerungsarbeit, die später an wechselnden Stätten wie im Kaufhaus Insel, im Theaterfoyer oder im Rathaus stattfanden. Zuletzt wurden die Zwangsarbeit, “Asoziale” oder der Widerstand thematisiert. Wie gut die Vorträge oder Führungen in der Vergangenheit besucht wurden, darüber gibt es keine verlässliche Aussagen. Mal seien überraschend viele Studis gekommen, mal hätten sich insbesondere nur ältere Besucher interessiert.

Noch nie war bei der Vorstellung der Veranstaltungsreihe das mediale  Interesse so groß wie jetzt, freut sich Rudolf Fries über etliche Reporter.

Noch nie war bei der Vorstellung der Veranstaltungsreihe das mediale Interesse so groß wie jetzt, freut sich Rudolf Fries über etliche Reporter.

Wie viele Sinti und Roma in Trier und Umgebung leben, ist nicht bekannt. Schätzungen gehen von 80.000 bis 120.000 Sinti und Roma in Deutschland aus. Sie sind mit zehn bis zwölf Millionen Menschen Europas größte Minderheit. “Es gibt einen Diskussions- und Aufklärungsbedarf”, bekräftigt Jörg Zisterer von der ESG. Dass die Stadt Trier an Sinti und Roma erinnert, die in der NS-Zeit ermordet wurden, manifestierte sich vor zwei Jahren mit der Stelenreihe von Clas Steinmann am Bischof-Stein-Platz. Bei der Einweihung berichtete Christian Pfeil, ein Überlebender des Holocaust, von Verwüstungen seines Restaurants und Schmähungen durch Neonazis – das war Mitte der 1990er Jahre geschehen. Mehrere seiner Geschwister waren in Auschwitz ermordet worden. Allein in einer Nacht töteten die Mörder der SS fast 3.000 Menschen in dem sogenannten “Zigeunerlager”.

Bei der kommenden Veranstaltungsreihe werden keine Trierer Sinti oder Roma anwesend sein. “Sie versuchen, in gewisser Ruhe zu leben. Und wir wollen nicht Menschen vorführen und ausstellen, die das gar nicht wollen”, meinte Fries. Allerdings sind zwei Frauen aus Frankfurt bei der Ausstellungseröffnung als Zeitzeugen dabei. Trierer Bezüge werden beispielsweise mit Führungen entlang der Stolpersteine hergestellt oder mit einem Besuch des SS-Sonderlagers, dem KZ Hinzert. Ebenfalls hervorzuheben sind der Vortrag des renommierten Autos Wolfgang Benz zum Völkermord an Sinti und Roma am 29. Januar sowie der Vortrag über rechtsextreme Frauen am 4. Februar. (gb)

TERMINE

Die Gedenktage beginnen am 19. Januar mit der Ausstellungseröffnung in der VHS um 19 Uhr mit Oberbürgermeister Klaus Jensen. Die weiteren Termine: 20. Januar (Philosophisches Café ESG Trier, Im Treff, 18.15 Uhr), 21. Januar (Nationalistische Täter in/aus Trier, VHS, R. 5, 19.30 Uhr), 25. Januar (Führung Gedenkstätte Hinzert), 27. Januar (Trier-Auschwitz – ein Rundgang, 16 Uhr, Friedenszentrum Pfützenstraße), 27. Januar (Ökumenischer Hochschulgottesdienst, 18 Uhr, Museum am Dom), 29. Januar, 19.30 Uhr Vortrag Wolfgang Benz, VHS, 3. Februar (Philosophisches Café, ESG, 16.45 Uhr), 4. Februar, 19 Uhr (Rechtsextreme Frauen, ESG, 19 Uhr).


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Erstellt am Autor Gabi Böhm in Featured, Gesellschaft Hinterlasse einen Kommentar

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