Viel Potenzial, muss aber noch reifen

Sie haben in Trier ihre Visitenkarte abgegeben und sich durchaus für weitere Konzerte empfohlen: die Berliner Vokalband Delta Q mit ihren Sängern Sebastian Hengst, Thorsten Engels, “Matse” Graf und Tom deWulf (von links). Foto: Rolf Lorig

TRIER. A-capella-Musik kommt in Trier normalerweise gut an. Die Wise Guys, oder auch die Kölner Formation Basta – sie ist am 29. März wieder in der Tufa zu Gast – hatten hier immer ausverkaufte Konzerte. Ganz anders dagegen die Situation beim Konzert der Berliner Vokalband “Delta Q”, die am Samstag zwar im Großen Saal der Tufa auftrat, diesen aber nur zur Hälfte füllen konnte. Woran lag das? Rolf Lorig suchte in der Tufa nach Gründen.

“Was der Bauer nicht kennt…” Keine Sorge, mit den Trierern soll nicht zu hart ins Gericht gegangen werden. Aber ein bisschen was ist da schon dran. “Delta Q”, 2012 in Berlin gegründet, hatte am Samstag den ersten Auftritt in Trier. Und stellte sich darum auch gleich erstmal musikalisch mit ihrem ersten Song vor. Danach wusste man auch in Trier, dass es nicht die Comedian Harmonists sind, die da auf der Bühne standen. Mehr noch: Man erfuhr weiter, dass die Band gerade eine tiefgreifende Umbesetzung vorgenommen hatte. Der belgische Bariton Tom deWulf stand an diesem Abend ebenso wie sein Basskollege Matthias (Matse) Graf erst zum zweiten Mal in dieser Formation auf der Bühne. Selbst der dritte Mann, Tenor Thorsten Engels, gehört erst seit 2016 zur Band. Einzig Countertenor Sebastian Hengst repräsentierte noch die Ur-Besetzung.

Das neue Miteinander läuft noch nicht perfekt rund

Soweit der Hintergrund. Doch das muss man wissen, wenn man über die Qualität der gebotenen Songs sprechen will. Denn diese wohlgefälligen Harmonien, die die Songs von vielen Vokalbands im Gehörgang einnisten, stellen sich bei Delta Q längst nicht immer ein. Das neue Miteinander läuft noch nicht perfekt rund. Zudem ist die Band, deren Name eher an die Physik erinnert, unterwegs in den unterschiedlichsten Musikstilen wie Pop, Jazz, Funk, Elektro. Anlehnungen an Rap finden sich hier ebenso wie Zitate aus der klassischen Musik. Ein breites Sammelsurium, in dem sich die vier jungen Musiker bewegen. Und in dem sie noch ihren ganz persönlichen Stil suchen…

Stimmlich passen sie durchaus gut zusammen. Auch der Sympathiewert ist gegeben. Zumal Humor bei ihrer Show einen hohen Stellenwert hat. Geschickt binden sie das Publikum mit ein, scheuen aber auch nicht davor zurück, sich gegenseitig durch den Kakao zu ziehen. Wobei vor allem die beiden Neuzugänge Tom deWulf wegen seiner belgischen Herkunft und Matthias Graf wegen seines hünenhaften Wuchses im Fokus stehen. Doch auch die Prominenz ist vor Spott nicht gefeit, etwa wenn die vier Jungs der Frage nachgehen, weshalb die Stimme von Heidi Klum so eine piepsige Stimme klingt: “Wenn es quietscht, fehlt Fett…”

Doch zurück zu den Songs des Quartetts. Die neue CD “Brandneu” stand logischerweise im Mittelpunkt des Abends. Wobei der Begriff “brandneu” an diesem Abend durch die beiden Neuzugänge gleich eine doppelte Bedeutung hatte. Vielleicht nicht brandneu, aber zumindest nicht alltäglich dürfte die Finanzierung dieser CD gewesen sein. Denn das Geld dafür hatten 149 Unterstützer über ein Crowdfunding aufgebracht: immerhin über 20.000 Euro.

Wie ein junger, aber guter Wein, der erst noch reifen muss

Das Ergebnis wurde den etwa 100 Zuschauern in der Tufa an diesem Abend präsentiert. Deutsche Eigenkompositionen sowie Bearbeitungen von bekannten Coversongs. Nicht alle konnten auf Anhieb überzeugen. So manches Mal erinnerte die Qualität an einen jungen, qualitativ hochwertigen Wein, der erst noch reifen muss, um dann seine Fans zu begeistern. ABER: Das Quartett kann das – personelle Kontinuität vorausgesetzt – durchaus schaffen. Denn es schuf auch bei diesem Konzert Gänsehautmomente. Als ein Beispiel für mehrere sei stellvertretend die Ballade “It hurts” benannt. Da erschloss sich allen Zuhörern das große stimmliche Potenzial, das diese Formation in sich trägt.

Wenn alles gut geht, wollen “Delta Q” im kommenden Jahr erneut in Trier auftreten. Den Termin sollte man sich rechtzeitig nach Bekanntgabe eintragen. Denn dass die vier Jungs, um beim Vergleich beim Wein zu bleiben, bis dahin soweit gereift sind, dass der Auftritt ein besonderer Genuss sein wird, davon kann man heute durchaus ausgehen.


Drucken
Erstellt am Autor Rolf Lorig in Gesellschaft Hinterlasse einen Kommentar

Hinterlasse einen Kommentar

* Eingabe erforderlich (Pflichtfelder). Die Redaktion behält sich vor, Lesermeinungen zu kürzen. Es besteht kein Anspruch auf die Veröffentlichung Ihrer zugesandten Meinungen. Die Angabe eines Klarnamens ist nicht erforderlich.