Von Ausnahme-Musikern und einem Ausnahme-Konzert

Garant für große Gefühle: Stefan “Steff” Becker. Fotos: Rolf Lorig

TRIER. Oft sind es die kleinen Konzerte, die die großen Überraschungen bescheren. Was Steff Becker zusammen mit der Blues and Jazz Company auf der Pfanne haben, kennt man eigentlich schon von früheren Konzerten. Und doch war dieses Konzert am Freitagabend im Kleinen Saal der Tufa ganz anders. Rolf Lorig war dabei und hat für den reporter genau hingehört.

Grippe. In diesem Jahr ist das die Seuche. Mit ein paar Tagen im Bett ist es nicht getan. Dieses Jahr dauert alles viel länger. Länger, als das mancher Zeitplan verkraftet. Ein Konzert, beispielsweise. Rein theoretisch könnte man das wegen Krankheit absagen. Was aber Stefan “Steff” Becker nicht in den Sinn kommt. Die Grippe hat ihn voll im Griff. Aber auftreten will er. Auf jeden Fall.

Wer sagt denn, dass eibne Vertretung der Vertretung nicht sogar die Nummer 1 ist? Den Beweis dafür lieferte Manuell Kraa am Flügel.

Eine Visitenkarte für künftige Auftritte

Einer aber musste aus familiären Gründen passen – Gitarrist Rainer Wollmann. Der Gitarrist, der ihn vertreten sollte, musste aber wegen Krankheit absagen. Kurzentschlossen plante Steff um, fragte bei Manuel Krass nach. Der Pianist sagte zu, hatte aber nur wenige Tage Zeit, sich in das Programm einzuarbeiten. Wie ihm das gelang, das war die erste Überraschung des Abends. Krass bescherte der Band einen perfekten Auftritt, lieferte damit seine Visitenkarte für künftige Auftritte ab. Steff Becker zeigte sich gebührend beeindruckt: “Das wird nicht das einzige Konzert bleiben, das wir gemeinsam bestreiten. Manuel Krass ist jetzt öfter dabei, wenn es sich ergibt. Wenn jetzt noch Rainer Wollmann wieder mit dabei ist, dann wird das kaum noch zu toppen sein.”

Bleiben wir doch noch etwas bei der Band, bevor die Rede auf Steff Becker kommt. Erhard Wollmann am Kontrabass ist eine Klasse für sich. Der Mann musiziert präzise, ruhig und unaufgeregt. Show liegt ihm nicht. Er ist ein ruhender Pol, der Orientierung gibt. Der seine Mitmusiker durch die Stücke führt.

Keine Show, nur harte Arbeit: Fred Noll

Ein stiller Arbeiter an den Drums

Fred Noll. Es gibt Musiker, die sind am Schlagzeug die reinsten Showstars. Wobei die Show dann größer ist als das echte Können. Fred Noll gehört nicht dazu. Bei ihm ist es umgekehrt. Wie Rainer Wollmann gehört er eher zu den stillen Typen. Aber einmal von der Leine gelassen, begeistern diese Menschen mit ihrer Leistung. Noll ist ein stiller Arbeiter. Doch wenn das Publikum bei seinen Soli begeistert Szenenapplaus gibt, dann verändert sich für einen kurzen Moment die Mimik des Drummers: ein winziges Lächeln und weiter geht’s.

Und last, but not least Thomas Desch. Der Herr der Saxophone. Vom Wesen her past Desch perfekt in das Ensemble, wie der berühmte Deckel auf den Topf. Auch er ist kein Musiker, der in der Show seine wahre Berufung sieht. Fast schon unscheinbar steht er am Rand der Bühne, kommuniziert mit Blicken und wartet auf seine Einsätze. Wenn die denn kommen, und sie kommen glücklicherweise häufig, beglückt er sein Publikum mit einem breiten instrumentalen Ausdruck. Mal schwebend im Ton, dann lasziv-anrüchig, im nächsten Moment treibend und fordernd. Desch handhabt seine Instrumente virtuos, gibt dem Orchester den Sound, den man sowohl beim Blues wie auch beim Jazz erwartet.

Thomas Desch, der Meister des Saxophons

Eigentlich war der Saal zu klein

Und Steff Becker selbst? Der Mann ist längst über den Amateurstatus hinaus. Was auch dazu führt, dass er von seiner Kunst leben kann. Becker verhält sich auch wie ein Profi. Eine Krankheit ist ein Grund. Doch solange die Stimme noch einigermaßen funktioniert, hat das Publikum ein Anrecht auf ein gutes Konzert. Und das bekommt es an diesem Abend auch. Der Kleine Saal der Tufa ist übervoll. Wenn der Große Saal zur Verfügung gestanden hätte, die Band hätte ihn mühelos füllen können. Die starke Resonanz treibt alle Musiker an, Becker ganz besonders. Wer genau hinhört merkt, dass auch seine Stimme angegriffen ist. Sie bleibt etwas hinter dem gewohnten Volumen zurück.

Aber hallo: Mancher Sänger wäre glücklich, stünde ihm das leicht reduzierte stimmliche Maß zur Verfügung! Becker weiß, dass er viel trinken und zumindest ein wenig auf die Stimme achten muss. Doch hat man manchmal den Eindruck, dass zumindest der letzte Punkt eine eher theoretische Überlegung bleibt und der Sänger alles gibt, was ihm an diesem Abend zur Verfügung steht…

Eine weitere Überraschung ist das Repertoire. Die Lieder entstammen zu einem guten Teil dem Pop-Genre. Wie setzt man die in Jazz oder Blues um? Ein Kunststück, das der Formation geradezu mühelos gelingt. Bei Gregory Porters “Hey Laura” ist das noch nicht allzu schwer. Ganz anders dagegen der Klang bei “Summer in the City” von den Lovin’ Spoonfull. Was da zur Aufführung kommt, hat mit dem Original noch den Titel gemein. Aber die neue Version zündet, kommt mit ihrem herrlichen Groove beim Publikum bestens an. Und auch hier überzeugt Manuel Krass mit seinem feinfühligen Klavierspiel…

Fünf, die ausgezeichnet miteinander hamonieren: Erhard Wollmann, Manuel Krass, Steff Becker, Fred Noll und Thomas Desch (von links)

Eine Stimmung, die nicht besser hätte sein können

Auch das letzte Lied der Pause “Take my breath away” hat mit dem Original nur noch den Titel gemein. Gleichzeitig ist es aber auch der richtige Song an der richtigen Stelle: Steff geht langsam die Puste aus, die Pause hat er sich wohlverdient.

Die Band gönnt ihm eine etwas längere Pause, eröffnet rein instrumental den zweiten Teil. Längst ist es in dem Raum, in dem knapp 100 Menschen Platz finden, stickig-warm. Kein Wunder, dass Steff jetzt noch häufiger zum Handtuch greift, um den Schweiß abzutrocknen. Auch wenn ihn nun das Konzert etwas mehr anstrengt – das Publikum bekommt davon so gut wie gar nichts mit. Und das dankt den Künstlern auf der Bühne ihren Einsatz mit einer Stimmung, die besser nicht hätte sein können.

Dass in dieser Gluthölle auch ein ganz ruhiger Song seine Berechtigung hat, bestätigen vor allem die weiblichen Zuhörer. Und die kommen spätestens dann auf ihre Kosten, als drei der vier Musiker die Bühne verlassen und nur Piano-Mann Manuel Krass und Stefan Becker zurückbleiben. Das jetzt folgende Lied habe er sich selbst gewünscht, sagt Steff Becker. Gefühlvoll greift Manuel Krass in die Tasten, dann erklingt Elton Johns “Don’t let the sun go down on me”. An dieser Stelle ist es mucksmäuschenstill im Saal. Der ganze Raum gehört nur Beckers Stimme und dem von Krass gespielten Piano. Gänsehautstimmung pur! Ein absolutes Glanzlicht eines an musikalischen Höhepunkten reichen Abends.

22.20 Uhr. Steff Becker sagt das offiziell letzte Lied des Abend an: “Stand by me”. Das Publikum ist aus dem Häuschen, feiert die Musiker auf der Bühne, fordert Zugaben. Und die Musiker lassen sich nicht lumpen. Zwei Songs gibt es noch, dann muss Becker passen: “Tut mir leid, Leute. Aber ich muss in mein Bett.” Selten wurde eine Abmoderation derart klaglos und ohne Murren akzeptiert. Denn alle hatten ein Konzert miterlebt, das ohne Frage zu den besten gehört, die diese Formation bislang gegeben hat.


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Erstellt am Autor trier reporter in Featured, Kultur Hinterlasse einen Kommentar

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