Von Erfolgen und wartenden Herausforderungen

Vor gut 100 Gästen berichtete DGB-Regionalgeschäftsführer James Marsh von den Erfolgen der einzelnen Gewerkschaften und formulierte dabei auch die Herausforderungen der Zukunft. Fotos: Rolf Lorig

KONZ. Alle Jahre wieder lädt der Deutsche Gewerkschaftsbund (DGB) Region Trier zum Frühlingsempfang ein. Eine Einladung, der auch in diesem Jahr etwa 100 Repräsentanten des Öffentlichen Lebens folgten. DGB-Regionsgeschäftsführer James Marsh nutzte rhetorisch äußerst geschickt die Gelegenheit, erzielte Erfolge, aber auch bestehenden Handlungsbedarf zu präsentieren. Und wie bei einem Gewerkschaftsempfang nicht anders zu erwarten, werden einigen der Anwesenden im Anschluss die Ohren geklungen haben.

Von Rolf Lorig

Gewerkschaft – für manche Mitmenschen steht dieser Begriff für eine Organisation, die berechtigte finanzielle Interessen der Arbeitnehmer durchsetzt. Dass eine Gewerkschaft aber deutlich mehr ist, dass sie sich selbst als ein Gremium sieht, das den Zukunftsdialog aktiv vorantreibt, machte Marsh bei seiner Begrüßung der Gäste deutlich. Gemeinsam mit den Menschen arbeite man an einer nachhaltigen Gestaltung der Transformation von Arbeitswelt, Wirtschaft und Gesellschaft, erklärte der Gewerkschafter. Was genau darunter zu verstehen ist, dafür hatte Marsh seine bemerkenswerte Rede in mehrere Teilbereiche untergliedert, die er geschickt mit der Begrüßung der zumeist anwesenden Repräsentanten verband. Nach seiner Begrüßung von Bürgermeisterin Elvira Garbes wandte sich Marsh zunächst einmal den erzielten Erfolgen zu. Die deutschen Gewerkschaften hätten im vergangenen Jahr gute Tarifabschlüsse mit Lohnsteigerungen von insgesamt 3% erreicht. Die höchsten Zuwächse habe es im Baugewerbe mit 5,2 % gegeben; in der Land- und Forstwirtschaft waren es 4,5%; im Bereich Holz und Kunststoffe 4,3%; in der Metall- und Elektroindustrie 4%; in der Systemgastronomie 3,9% sowie im Öffentlichen Dienst 8% auf knapp drei Jahre verteilt, zählte Marsh auf. Die erreichten Einkommensverbesserungen auf Seiten der Arbeitnehmer seien von einem hohen volkswirtschaftlichen Interesse: “Gesteigerte Einkommen führen zu höheren Konsumausgaben und einer stärkeren Binnennachfrage.”

Zufrieden zeigte er sich aber auch mit den Verbesserungen bei den Arbeitszeitmodellen: “Eine selbstbestimmte, individuelle Arbeitszeitgestaltung ist das Topthema einer jeden innovativen Tarifauseinandersetzung.”

Einige Unternehmer verhalten sich nach “Gutsherrenart”

Scharfe Kritik äußerte der Redner am Verhalten einiger Verantwortlicher auf Arbeitgeberseite, die bei Tarifgesprächen “durch Verhalten nach Gutsherrenart” von sich reden machten. Namentlich benannte er das Unternehmen MM Graphia, das Mitarbeiter, die sich an Warnstreiks beteiligten, “drangsalierte”, indem eine Kündigung ausgesprochen und weitere Mitarbeiter an andere Maschinen versetzt wurden. Auch die Tarifgespräche mit HMS, einem Unternehmen des Rieger-Stahlkonzerns, seien anfangs nicht einfach gewesen. Erst nachdem die Beschäftigten in den Warnstreik traten, habe das Unternehmen eingelenkt und Gesprächsbereitschaft signalisiert. Leider gebe es noch weitere Unternehmen, “denen die Einsicht in die volkswirtschaftlichen Abläufe und die positiven Effekte einer Tarifbindung” fehlen würden. “Wer sich hier aus der Verantwortung stiehlt, verlässt den Konsens der sozialen Marktwirtschaft und liefert sich und seine Belegschaft schutzlos dem kapitalistischen Wettkampf aus.” Das sei “kurzsichtig und unverantwortlich”, las Marsh hier die Leviten. Der DGB sei aber froh, dass sehr viele Arbeitgeber sich ihrer nicht zuletzt vom Grundgesetz her gegebenen Verantwortung bewusst seien und deshalb auch als reguläre Mitglieder in den Arbeitgeberverbänden zusammengeschlossen seien.

Und dann wandte sich James Marsh einer anderen Facette zu: der gesellschaftlichen Verantwortung in Sachen Mobilität und bezahlbares Wohnen, zusammengefasst unter dem Begriff des Zukunftsdialogs. Der DGB habe seine regionale Umfrage zum Thema ÖPNV abgeschlossen und werde nun in der kommenden Woche mit den Ergebnissen und daraus resultierenden Ideen in einen Dialog mit dem Trierer Oberbürgermeister und dem Leiter der Verkehrsbetriebe eintreten, kündigte der Geschäftsführer an.

Eine weitere Umfrage, die der DGB unter das Motto “Bezahlbar ist die halbe Miete” gestellt hat und die seit einer Woche laufe, beschäftige sich mit dem Thema Wohnen. “Wir wollen wissen, welche Probleme die Menschen bei der Wohnungssuche begegnen und welche Rolle die Miete und die Nebenkosten haben.”

Auch für Bürgermeisterin Elvira Garbes, die den Trierer Stadtvorstand repräsentierte, ist das Them “Bezahlbares Wohnen” eine der wichtigsten Herausforderungen unserer Zeit

Jährlich gibt es in Trier 500 Anträge auf Wohnberechtigung

So ganz unbeleckt ist man allerdings hier nicht. Denn Marsh verwies auf Zahlen, wonach über 37 % der Haushalte in Trier eine Mietbelastung in Höhe von 30% des Nettoeinkommens haben. Fast 19% kommen den Worten des Gewerkschafters zufolge sogar auf eine Belastung von über 40 %. “”Wohnen ist die neue soziale Frage”, sagte James Marsh und sprach damit Bürgermeisterin Elvira Garbes direkt aus der Seele. Sein trauriges Fazit zu diesem Thema: “Eigentlich können sich über 35% der Menschen in Trier ihre Mieten überhaupt nicht leisten.” Zudem sei das Wohnen in den umliegenden Städten und Gemeinden ähnlich teuer oder sogar noch teurer. Mehr noch: Bis 2021 würden in Trier bei einer hohen Zahl an Wohnungen die Mietpreisbindungen auslaufen, was eine weitere Verschärfung der Situation bedeute.

Wie dringlich dieses Thema ist, machte Marsh anhand eines weiteren Beispiels deutlich: Jährlich gingen bei der Stadt 500 Anträge auf Wohnberechtigungsscheine ein. In den letzten drei Jahren seien jedoch lediglich 379 sozialgeförderte Wohnungen gebaut worden. Deshalb unterstütze die DGB-Region Trier den Antrag der SPD-Stadtratsfraktion, in den neuen Baugebieten den Anteil des sozial geförderten Wohnraums von 25 auf 33% zu erhöhen.

Allerdings dürfe man die Verantwortung für eine soziale und vielfältige Stadt nicht allein der öffentlichen Hand überlassen. Hier sah James Marsh auch die in der Verantwortung, die sich mit Immobilien die eigenen Taschen füllen.

“Im Handwerk muss bei Weiterbildung und der Entlohnung noch eine ganze Menge passieren”

Hilfe erhofft sich der Regionalgeschäftsführer auch von den Unternehmen in der Region: “Der Wohnungsmarkt ist ein Standortfaktor. Dringend benötigte Fachkräfte kommen nur, wenn sie hier auch bezahlbaren Wohnraum finden.” Und dieses Problem könne nur dann gelöst werden, “wenn bei sozialen Themen die Mauern zwischen den Parteien überwunden werden.”

Und zum Schluss wandte sich Marsh dem Thema Ausbildung zu. Hier setzt sich der DGB zusammen mit der Handwerkskammer für bessere Ausbildungsbedingungen ein. Damit verbunden sei auch ein klares Bekenntnis zur Meisterprüfung. Denn nur Meister ihres Faches könnten eine qualitative Ausbildung sichern. Eine Aussage, die ihm den Beifall nicht nur vom anwesenden Präsidenten der Handwerkskammer, Rudi Müller, einbrachte.
Doch schon bei den weiteren Ausführungen des Gewerkschafters werden den anwesenden Unternehmern die Ohren geklungen haben. Im Handwerk müsse in Sachen Weiterbildung sowie bei der Entlohnung noch eine ganze Menge passieren. Seit Jahren schon stünde vollen Auftragsbüchern ein immer lauter werdendes Klagegeschrei wegen des Fachkräftemangels gegenüber. Hier gab Marsh zu bedenken, dass bei gleicher Ausbildung die Löhne im Handwerk etwa 20% niedriger seien als in anderen Sektoren. Zudem gebe es nur für 30% der Beschäftigten einen gültigen Tarifvertrag, Auch die Arbeitszeiten und Arbeitsbedingungen seien “oft grenzwertig, nicht selten sogar gesetzeswidrig. Da wundert es nicht, dass viele Tausend Arbeitsplätze unbesetzt bleiben.” Nicht nur die Handwerkskammer, sondern auch die Industrie- und Handelskammer seien aufgefordert, sich bei ihren Mitgliedsbetrieben endlich für eine Tarifbindung auszusprechen und dafür einzusetzen.


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Erstellt am Autor Rolf Lorig in Featured, Gesellschaft Hinterlasse einen Kommentar

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