Wenn der Traum vom Frieden zu einer Odyssee führt

Große Kunst: Tim Olrik Stöneberg, Susanne Ekberg und Saeed Hani. Fotos: Rolf Lorig

Große Kunst: Tim Olrik Stöneberg, Susanne Ekberg und Saeed Hani. Fotos: Rolf Lorig

TRIER. Die TuFa kann Musiktheater. Nach der viel beachteten Aufführung  ‟Blue Sheets‟ im vergangenen Jahr heißt es in diesem Jahr ‟Odyssee.16‟. Basis des Stückes ist eine Arbeit, an der Deutsche und arabische Flüchtlinge beteiligt sind. Aufgeführt wird das Stück in einem Zirkuszelt im Palastgarten.

Von Rolf Lorig

Wie erzählt man idealerweise die aktuelle Geschichte der Flüchtlinge, die wegen der Kriegswirren aus ihrer Heimat geflohen sind? Stefan Bastians (Idee, Text und Regie) und Saif Al-Khayyat (Musik) haben sich für ein klassisches Muster entschieden: Indem man eine Geschichte in eine Geschichte packt. Entstanden ist so ein etwa 130-minütiges Werk, das von der visuellen und akustischen Opulenz her ganz vorne mitspielt, das dem Zuschauer viele Eindrücke beschert, ihm aber auch eine ganze Menge zumutet.

Kurz nach 20 Uhr, die Vorstellung ist ausverkauft. 260 Premierengäste sitzen im Zelt, mehr habe man aus Sicherheitsgründen nicht unterbringen können, sagt TuFa-Chefin Teneka Beckers. Eröffnet wird der Abend mit der Begrüßung durch TuFa-Vorstand Klaus Reeh. Es gehe um mehr als nur ein Theater-Musikspiel, sagt er und blickt auf die Anfänge zurück, als die Idee zum Stück aufkam. Es sei ein gewaltiges Stück Arbeit bis zum Premierenabend gewesen, und eigentlich hätte es auch zu wenig Zeit gegeben, aber: ‟Wir wollten es schaffen, und wir haben es geschafft.” Mit der Aufführung sei jedoch das Ziel noch nicht erreicht. ‟Es ist eher eine Etappe, die hinter uns liegt. Vor uns liegt eine Tour ohne Ende.” Womit er weniger das Stück selbst meinte, sondern vielmehr das Schicksal der Flüchtlinge auf dem Weg zu einer neuen Heimat.

Und um den Begriff der Heimat ging es dann in der Folge. Die Zuschauer wähnten sich zunächst in der modernen Aufführung eines Klassikers, bei dem es um die Fahrten des Odysseus geht. Ein syrischer Regisseur (Ali Sheikmous) und sein Assistent (Anas Khaled) kämpfen mit den überall gleichen Herausforderungen von Theaterleuten im Vorfeld einer Premiere. Dann kehrt Ruhe ein, und das Stück im Stück beginnt. Odysseus (wunderbar: Tim Olrik Stöneberg) betritt die Bühne. Er wird begleitet von Argos, seinem Hund. Diesen Part besetzt der libanesische Tänzer Saeed Hani, der mit der Leichtigkeit und Akkuratesse seiner Darbietungen die Herzen des Publikums vom ersten Moment an im Sturm erobert. Über eine lange Zeit kann das Publikum Odysseus auf seiner Reise begleiten, bis dann irgendwann wieder das Licht angeht und der Regisseur und sein Assistent die Zuschauer in die erste Geschichte zurückholen.

Beratung des Regisseurs (Ali Sheikmous, links) und seinem Assistenten (Anas Khaled) und den Schauspielern.

Beratung des Regisseurs (Ali Sheikmous, links) und seinem Assistenten (Anas Khaled) und den Schauspielern.

Ohne dass an dieser Stelle zu viel verraten wird: Die Parallelen zur klassischen Odyssee sind kein Zufall. So wie Odysseus sich einst in seine Heimat zurück sehnte und die Rückkehr zu einer Flucht in seine inneren Abgründe wurde, so veranschaulicht dieses Stück die innere Gefühlswelt der Flüchtlinge bei ihrer Reise in eine hoffentlich friedvolle Zukunft.

Das Besondere dieser Aufführung liegt in ihrer Besetzung. Hier arbeiten Profis und Amateure Hand in Hand. Oft sind die Unterschiede bei den heimischen Laien-Darstellern nur im akustischen Bereich wahrnehmbar. Profis wie Tim Olrik Stöneberg geben den Laien die darstellerische Sicherheit, die sie brauchen. Doch damit nicht genug: Auch akustisch und optisch ist dieses Stück ein Hochgenuss. Und der beginnt gleich zu Anfang, wenn die schwedische Sopranistin Susanne Ekberg in der Rolle der Athene mit der Arie “Lascia ch’io pianga” aus Händels “Il trionfo del tempo e del disinganno‟ die Manege, pardon, die Bühne betritt. Diesem Gesang möchte man ohne Ende lauschen, kann sich an diesen Darbietungen nicht sattsehen. Ein Wort noch zur Musik der Aufführung: Hier reicht die Bandbreite vom Barock bis zum Rap. Was aber nie zu einem Bruch führt.

Doch bleiben wir bei der Optik. Was man sich für die Bühnenbilder hat einfallen lassen, ist stimmig und kündet von höchster Professionalität. Nur wenige Gegenstände befinden sich auf der Bühne, was den Darstellern ein Maximum an Bewegungsraum  ermöglicht. Ach ja, die Darsteller. Rund 70 Menschen wirken in dieser Produktion mit. Alle namentlich hier aufzuführen, ist an dieser Stelle einfach unmöglich. Wenngleich alle es verdient hätten. Ein wenig hilft dabei der Blick auf die Gruppen: Mitwirkende sind der Bürgerchor Trier, der Jazz- und Pop-Chor Trier, das Klangvolk und das Collegium Musicum der Universität Trier.

Einen Bruch aber hat dieses Stück, vermutlich ein gewollter. Und der offenbart sich nach etwa 90 Minuten. Das Bühnenbild zeigt Flüchtlinge, die mit einem Schiff ihr Land verlassen wollen. Dann gehen die Scheinwerfer an. Applaus, der nicht enden will. Nein, es gehe nur in die Pause, ruft Teneka Beckers. Doch ihre Stimme dringt nicht durch. Etliche der Besucher verlassen das Zelt, wundern sich vielleicht über das etwas abrupte Ende. Ob es klug ist, an dieser Stelle eine Pause einzulegen? Zumal das letzte Szenenbild als Schlussszene geeignet gewesen wäre. Im Grunde ist die Geschichte an diesem Punkt erzählt. Das sehen etliche Premierengäste genauso,  die dann das Zelt in Richtung Heimat verlassen. Über die Notwendigkeit eines dritten Aktes könnte man sicherlich trefflich streiten. Doch wer nach der Pause wieder ins Zelt zurückkehrt, muss das ganz sicher nicht bereuen.

Fazit: Wer diese Vorstellung besucht, bekommt mehr als nur ‟normale‟ Theaterunterhaltung. Es gibt immer wieder Momente, die dem Besucher durch die vorhandene Realistik und Dramatik ganz nahe gehen und ihm einen inneren Sturm der Gefühle bescheren. Man kann der TuFa und allen Beteiligten nur dankbar sein, dass sie dieses Wagnis angenommen und realisiert haben. Bleibt zu wünschen, dass viele Menschen ‟Odyssee.16‟  besuchen und begleiten werden. Weitere Aufführungen sind am 28.10., 29.10., 3.11., 4.11. und 5.11. jeweils um 20 Uhr; am 30. Oktober um 15 Uhr.

Anm.d.Red.

In der ursprünglichen Version des Textes hieß es im zweiten Absatz: “Stefan Bastians (Idee und Regie), der Schriftsteller und Friedensaktivist Omar Abouhamdan (Text) und Saif Al-Khayyat (Musik) …” Diese Version wurde nach einem Hinweis des Regisseurs Stefan Bastians von der Redaktion abgeändert. (rl/et)


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Erstellt am Autor Rolf Lorig in Featured, Gesellschaft 4 Kommentare

4 Kommentare zu Wenn der Traum vom Frieden zu einer Odyssee führt

  1. Cadixo

    Sehr geehrte Redaktion des Trier-Reporter,

    auch ich hatte das Glück der Premiere von Odyssee. 16 beiwohnen zu dürfen.
    Ihr Artikel fängt die Atmosphäre des Stückes gut ein und auch Ihre Anmerkung, ob der Zeitpunkt der Pause geschickt gewählt wurde kann ich nachvollziehen.

    Was ich allerdings nicht nachvollziehen kann ist, dass Sie schreiben “[…]Stefan Bastians (Idee, Text und Regie)[…]”.
    Da sogar Frau Angelika Birk als Bürgermeisterin in ihrer Rede nach der Premiere besonders Herrn Omar Abouhamdan hervor hob, der ihr, Monate bevor die Zusammenarbeit mit der Tufa begann, die Idee und Text zu diesem Stück übermittelte.
    Dies hat Frau Birk in ihrer Rede nach der Premiere ausdrücklich betont und es war unmissverständlich.

    Zudem stammten Teile des Textes des Stückes eins zu eins aus dem Gedicht “Flucht sei verflucht” von Omar Abouhamdan, welches bereits 2015 öffentlich vorgetragen wurde wozu es auch Videomaterial gibt.

    Deshalb bitte ich Sie Ihre Formulierung “[…]Stefan Bastians (Idee, Text und Regie)[…]” nochmals zu überdenken.

    Vielen Dank.

    Mit freundlichen Grüßen

     
  2. Doha Abou Hamdan

    https://m.facebook.com/story.php?story_fbid=10152735369376711&id=654931710
    Nicht nur sein Text , , sondern auch sein Leiden wurden gestohlen ..
    Dank soviel OMAR ABOUHAMDAN für dein fantastisches Stück

     
  3. Kathleen Höhne

    Ein schöner Artikel über ein wunderbares Stück. Ich war in der Premiere und habe wie alle diese bewegende und opulente Aufführung
    bejubelt. Sie gibt uns viel zu sehen, zu hören und zu denken…

    Zu denken gibt mir bei diesem Artikel Folgendes: warum wird der Autor des Textes, Omar Abouhamdan, nicht mehr erwähnt? …ist doch der wunderbare poetische Text von Omar die Seele und das Herz dieses Stückes!

    Ich habe, wie auch andere Freunde von ihm, Omars Text vor einigen Monaten vor der Abgabe lesen dürfen.
    Bei aller Bewunderung für die großartige Inszenierung von Stefan Bastians, es ist schlicht nicht korrekt zu schreiben Bastians sei der Autor des Textes. Der Text, sowie viele Ideen und Regie-Ideen stammen von
    Omar Abouhamdan, wie es auch die Bürgermeisterin, Angelika Birk, in ihrer schönen Rede nach der Premiere voller Lob hervorhob.

    Ich würde mich freuen, wenn Sie das korrigieren könnten.

    Herzliche Grüße,
    Kathleen Höhne

     
  4. Angelika.Birk

    Sehr geehrte Lesende,sehr geehrter Herr Lorig,
    normalerweise kommentiere ich keine Kulturberichterstattung, aber hier sehe ich mich genötigt dazu. Mir liegt der Text zum Stück Odyssee 16 seit Mai vor und dies ist der Text von Omar Abouhamdam: Inzwischen habe ich sogar die von der TUFA Herrn Abouhamdam zugesicherten Urheberechte für den Text vorliegen. Daher ist es mir ein Rästel, wieso dies weder aus dem Programm eindeutig genug hervorgeht, noch seitens der TUFA gegenüber den Medien korrekt wiedergegeben wurde. Das Stück Odysse behandelt den Kampf um die eigene Identität in der Fremde. Seltsam, dass dem aus Syrien gebürtigen Autor dabei seine Identität als Autor genommen wird. Ich bitte um Korrektur. Mit freundlichen Grüssen Angelika Birk

     

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