“Wer in die Notaufnahme kommt, hat ein Anliegen”

Nicht selten muss ein chirurgisches Team die Patienten aus der Notaufnahme übernehmen. Foto: skeeze

TRIER. Ein Ort der Ruhe ist die Notaufnahme im Krankenhaus der Barmherzigen Brüder beileibe nicht. Wer hierher kommt, findet immer Gesellschaft. Im vergangenen Jahr waren das 33.000 Menschen, die hier auf eine rasche Hilfe hofften. Keine ungewöhnliche Situation. Überall in Deutschland das gleiche Bild. Von den Zuständen in den Notaufnahmen seien viele genervt, schrieb der Spiegel im Juni des vergangenen Jahres. Der Beitrag berichtet, “dass Patienten mit Lappalien die Notaufnahmen verstopfen” und zitiert eine Krankenschwester: “Jeder sieht sich selbst als Notfall.” Ist das tatsächlich so? Für den reporter hat sich Rolf Lorig mit Leitenden Ärzten und dem kaufmännischen Direktor des Brüderkrankenhauses unterhalten, das nach der aktuellen “Focus-Gesundheit-Klinikliste 2018“ zu den 100 besten Krankenhäusern und Kliniken in Deutschland gehört. Und auch bei der Kassenärztlichen Vereinigung sowie bei der Landes- und Bundespolitik nachgefragt.

Eckart Wetzel ist der Ärztliche Leiter des Zentrums für Notaufnahme im Krankenhaus der Barmherzigen Brüder. Ein ruhiger Mann, der gut zuhören kann. Der in diesem Bereich über 20 Jahre Berufserfahrung hat. Ein Arzt, der seinen Beruf mit Leib und Seele lebt. Was deutlich wird, wenn man mit ihm über die Situation in den Notaufnahmen spricht. “Was in den Medien oft berichtet wird, dass die Notaufnahmen voll sind mit Menschen, die mit Befindlichkeitsstörungen zu uns kommen, kann ich so nicht nachvollziehen”, stellt er gleich zu Beginn klar. Für ihn ist es völlig in Ordnung, wenn Patienten in Notaufnahmen Hilfe suchen: “Gerade bei Herzinfarkten und Schlaganfällen sind die Anfangssymptome, die sich über Übelkeit, Schwindel, Brustschmerzen, Atemnot äußern können, oft unklar. In solchen Fällen darf man nicht darauf warten, bis der Hausarzt wieder Sprechstunde hat, dann geht es um jede Minute.” Von den 33.000 Patientenkontakten im vergangenen Jahr − vor Baubeginn ging man bei den Kapazitätsplanungen noch von bis zu 20.000 Patienten aus − wurden seinen Worten zufolge 51 Prozent von Ärzten eingewiesen, kamen mit dem Rettungsdienst oder wurden aus anderen Krankenhäusern verlegt, die restlichen 49 Prozent seien Selbsteinweiser gewesen.

Sie sehen die Notaufnahme als wichtigen Bestandteil der medizinischen Versorgung: Die beiden Mediziner Eckart Wetzel (links) und Gerrit Schneider (rechts) zusammen mit Stefan Uhl. Fotos: Rolf Lorig

Politik fordert Reform der Notfallversorgung

Die Politik fordert schon seit einiger Zeit eine Reform der Notfallversorgung in Deutschland. So hat die Fraktion der Grünen, darunter auch die Trierer Abgeordnete Corinna Rüffer, einen Antrag an die Bundesregierung formuliert, in dem es heißt: “Seit Jahren kommen zunehmend Patientinnen und Patienten in die Notaufnahmen von Kliniken, die keiner stationären Behandlung bedürfen und denen in einer niedergelassenen Praxis genauso gut hätte geholfen werden können… Patientenbefragungen zeigen, dass Angebote der kassenärztlichen Versorgung manche Patientinnen und Patienten nicht erreichen oder nicht durchgängig verfügbar sind. Kliniken hingegen haben mitunter ein finanzielles Interesse daran, solche Fälle kurzzeitig stationär aufzunehmen. Grund dafür ist die Trennung der Versorgungs- und Vergütungsstrukturen zwischen ambulantem und stationärem Sektor. Wie in einem Brennglas zeigen sich hier die vielfach beklagten Koordinations- und Steuerungsprobleme der Gesundheitsversorgung in Deutschland.”

“Die Notfallpauschale beträgt 15 Euro, dafür kommt kein Handwerker”

Vermutungen, die Krankenhäuser vresuchten, hier wirtschaftliche Vorteile zu generieren, widerspricht Stefan Uhl, Kaufmännischer Direktor im Krankenhaus der Barmherzigen Brüder. Rein ökonomisch betrachtet, sei das Notfallzentrum des Krankenhauses von Beginn an defizitär gewesen, sagt er. Zwar werde das über die gestufte Notfallversorgung etwas abgemildert, doch reiche das bei weitem noch nicht aus. “Krankenhäuser, die Notfallpatienten stationär versorgen, erhalten in der Höhe gestaffelte finanzielle Zuschläge. Voraussetzung dafür ist, dass bestimmte Mindestanforderungen erfüllt werden, die aus qualitativer Sicht für eine gute Notfallversorgung erforderlich sind.” Im vorliegenden Fall werden diese Anforderungen erfüllt, weshalb das Krankenhaus zusätzlich zu der normalen Vergütung für die Notfallversorgung (“Die Notfallpauschale beträgt 15 Euro, dafür kommt kein Handwerker”) und den anteiligen Erlösen aus stationärer Betreuung jährlich voraussichtlich (“Wir haben das mit den Krankenkassen noch nicht endgültig verhandelt”) rund etwa 688.000 Euro auf der Haben-Seite verbuchen kann. “Trotzdem wird unsere Bilanz weiterhin defizitär sein”, betont Uhl, der aber auch unterstreicht, dass das Krankenhaus sich unverändert seiner gesellschaftlichen Verantwortung stellen wird.

Doch ist der Gang in die Notaufnahme immer unvermeidbar? Schließlich gibt es da auch noch den Bereitschaftsdienst der Kassenärztlichen Vereinigung (KV) auf dem Geländes des Mutterhauses. “Der organisierte Bereitschaftsdienst, nicht der Notdienst, in Rheinland-Pfalz ist Bestandteil des Sicherstellungsauftrags, der den Kassenärztlichen Vereinigungen vom Gesetzgeber übertragen wurde. Durch den organisierten Bereitschaftsdienst wird eine ausreichende und zweckmäßige ambulante Versorgung der Bevölkerung auch außerhalb der üblichen Sprechstundenzeiten der niedergelassenen Ärzte gewährleistet”, erklärt Rainer Saurwein, medizinischer Pressesprecher der Kassenärztlichen Vereinigung (KV), gegenüber dem reporter. An diesem Bereitschaftsdienst nehmen grundsätzlich alle als Vertragsärzte zugelassenen Ärzte teil. Was allerdings auch bedeutet, dass hier Fachärzte wie Dermatologen oder beispielsweise auch Urologen Dienst tun. Für Saurwein ist das kein Problem: “Durch regelmäßige Fortbildungen wird die Versorgungssicherheit und der hohe Qualitätsstandard der medizinischen Versorgung beibehalten.”

Lange Wartelisten bei den Fachärzten

Ein weiteres Thema in der Notaufnahme sind immer wieder auch Patienten, die vom Hausarzt zwar zum Facharzt überwiesen wurden, sich dort aber zum Teil auf monatelangen Wartelisten wiederfinden. “So etwas darf nicht sein”, insistiert Saurwein. “Wenn ein Hausarzt die Dringlichkeit einer fachärztlichen Untersuchung bescheinigt, muss die Terminservicestelle (TSS) der KV Rheinland-Pfalz den betroffenen Patientinnen und Patienten innerhalb einer Woche einen Facharzttermin vermitteln, der Termin muss innerhalb eines Monats stattfinden. Sollte die TSS innerhalb dieses Zeitraums keinen Termin bei einem Facharzt vermitteln können, muss eine Vermittlung in ein Krankenhaus erfolgen.”

Womit sich an dieser Stelle der Kreis dann schließt: “Wenn man ein kardiologisches Problem hat, ist die Auswahl an Fachärzten in Trier nicht allzu groß.” Der das sagt, muss das wissen: Gerrit Schneider ist Kardiologe und Leiter des Medizinischen Versorgungszentrums in der Konstantinstraße, das zum Brüderkrankenhaus gehört. Er kam Ende der 90er Jahre nach Trier, “da gab es drei Kardiologen. Und die gibt es heute noch”. Die Anzahl der Arztpraxen in Stadt und Region wird seit Anfang der 90er von der KV festgelegt. Logisch, dass bei einer solch kleinen Zahl an Fachärzten Termine Mangelware sind. Wer in Trier keinen Termin bekommt, kann nach Schweich, Wittlich, Bitburg oder aber ins benachbarte Saarland ausweichen. Oder aber den Weg ins Krankenhaus antreten…

Rund um die Uhr wird das Zentrum für Notaufnahme von Menschen mit gesundheitlichen Beeinträchtigungen aufgesucht.

Auch KV sieht dringenden Reformbedarf

Stefan Uhl sieht hier dringenden Reformbedarf: “Die KV hat vom Gesetzgeber her den Sicherstellungsauftrag übernommen. Sie muss sicherstellen, dass die ärztliche Versorgung von gesetzlich versicherten Patienten durch eine genügende Anzahl von Ärzten gegeben ist. Die logische Folge wäre doch, dass in einem wachsenden Gebiet mehr Fachärzte zugelassen werden. Doch dieser Überlegung folgt der Tritt auf die Kostenbremse. Denn wenn man neben den drei zugelassenen Kardiologen weitere zwei zulassen würde, hätten auch die innerhalb der nächsten fünf Monaten so viel zu tun, dass sie ebenfalls am Limit wären.” Das Problem wäre die damit einhergehende Kostensteigerung, die so politisch nicht gewollt ist.

Auch die KV findet die Ende April 1992 bundesweit verabschiedete Bedarfsplanung, “die ursprünglich als Niederlassungs-Verhinderungsinstrument eingeführt wurde”, vor dem Hintergrund eines zunehmenden Ärztemangels nicht mehr zeitgemäß. Neben der Bedarfsplanung sei die Budgetierung eine weitere desaströse Ursache für den zunehmenden Ärztemangel. “Wenn die finanziellen Mittel im Gesundheitssystem nicht an den steigenden Behandlungsbedarf einer alternden Gesellschaft und den technischen Fortschritt angepasst werden, wird die Attraktivität für die jetzt schon zu wenigen Ärzte im System weiter sinken”, so die KV gegenüber dem reporter. Der Vorstand der KV Rheinland-Pfalz sehe in der Abschaffung der Bedarfsplanung für alle grundversorgenden vertragsärztlichen Fachgebiete sowie Vertragspsychotherapeuten und der gleichzeitigen Aufhebung jeglicher Budgetierung die einzige Möglichkeit, der bevorstehenden medizinischen Versorgungskatastrophe entgegenzuwirken

Eine Position, mit der sich auch auf Landesebene Politiker wie Sven Teuber auseinandersetzen müssen. Der SPD-Landtagsabgeordnete vertritt seine Partei als gesundheitspolitischer Sprecher unter anderem im Ausschuss für Gesundheit, Pflege und Demografie. Die Menschen in Trier sieht er medizinisch gut versorgt, sagte er gegenüber dem reporter. Dem Gesundheitsministerium lägen derzeit keine Beschwerden aus der Region Trier vor, und die stationäre Versorgung in Trier sei im Übrigen hervorragend.

Zur Entlastung der Notaufnahmen verweist er auf ein Modellprojekt, das die Universitätsmedizin in Mainz und die Kassenärztliche Vereinigung Rheinland-Pfalz am 7. September 2018 in Mainz unter dem Kürzel “APC” (Allgemeinmedizinischen Praxis auf dem Campus) gestartet haben. Direkt neben der konservativen Notaufnahme der Universitätsmedizin sollen im Laufe des Jahres 2019 Patientinnen und Patienten ambulant behandelt werden. Die APC ist Anlaufstelle für alle erwachsenen Patientinnen und Patienten, die nicht mit dem Rettungsdienst eingeliefert werden. An einem “gemeinsamen Tresen“ werden die Patientinnen und Patienten durch geschultes nichtärztliches Fachpersonal der KV empfangen und danach abhängig vom Schweregrad ihrer Beeinträchtigung in die geeignete Versorgungsebene geleitet. Das kann die Notaufnahme der Universitätsmedizin, die Allgemeinmedizinische Praxis am Campus oder eine Behandlung durch Haus- und Fachärzte zu einem späteren Zeitpunkt sein.

Teure und hochmoderne Geräte der Klinik unterstützen die Diagnostik der Ärzte in der Notaufnahme. Foto: Sasint

APC soll Personal der Notaufnahme entlasten

Ziele der APC seien unter anderem eine Personalentlastung der Notaufnahme in der Universitätsmedizin und eine Verkürzung der Wartezeiten für die Patientinnen und Patienten. Außerdem will die Kassenärztliche Vereinigung mit dem Modellprojekt Erfahrungen mit Eigenbetrieben sammeln, zur Anwendung in ländlichen Gebieten. Im Gegensatz zu einer regulären Hausarztpraxis bieten die Ärzte in der APC nur ein eingeschränktes Leistungsspektrum an. “Das bedeutet, es werden keine Präventionsleistungen erbracht und keine chronischen Erkrankungen behandelt. Außerdem soll auch keine Wiedereinbestellung von Patientinnen und Patienten erfolgen. Auf diese Weise soll sichergestellt sein, dass die hausärztliche Betreuung der Patientinnen und Patienten weiterhin durch die niedergelassene Ärzteschaft erfolgt.” Er selbst halte dieses Modellprojekt “für sehr vorbildlich” und sei gespannt, “welche Erkenntnisse nach einiger Zeit hierfür auch für andere Standorte wie Trier gewonnen werden können”, so Teuber.

Womit allerdings die Frage offen bleibt, woher der so dringend benötigte ärztliche Nachwuchs kommen soll. Genau daran arbeitet die KV, sieht sich aber zunehmenden Problemen ausgesetzt. In den kommenden Jahren werden nach Einschätzung der KV Rheinland-Pfalz nicht mehr alle Arztpraxen wiederbesetzt und somit erhalten werden können. Als Folge des Ärztemangels werde sich die ärztliche Versorgung zunehmend auf Unter-, Mittel- und Oberzentren konzentrieren. Kritische Töne kommen auch zum Terminservice- und Versorgungsgesetz: “Der aktuelle Entwurf zum Terminservice- und Versorgungsgesetz ist leider nicht geeignet, drohende Versorgungseinschnitte zu vermeiden”, kritisiert der Vorstandsvorsitzende der KV Rheinland-Pfalz, Peter Heinz. Er bedauert, dass das Bundesgesundheitsministerium nach wie vor an den überholten Instrumenten Bedarfsplanung und Budgetierung festhalten will. Zudem, so der Vorstandsvorsitzende, könnten schnellere Termine mit sinkenden ärztlichen Behandlungskapazitäten nicht erzwungen werden. Er fordert: “Um den ärztlichen Nachwuchs für die ambulante Versorgung zu gewinnen, muss die ärztliche Leistung wieder wertgeschätzt werden. Ein wichtiger Schritt wäre hierfür, die Gebührenordnung anzupassen.”

Am Ende der Recherche steht kein befriedigender Schluss. Die Notaufnahme im Brüderkrankenhaus, die längst am oberen Ende ihrer Kapazität angekommen ist, wird auf absehbare Zeit hin vermutlich kaum entlastet. Und ob der Mainzer APC-Modellversuch die richtigen Ergebnisse bringen wird, das muss die Zeit zeigen. Das dringlichste Problem wird jedoch die Gewinnung von medizinischem Nachwuchs sein. Und damit es dazu kommt, müssen die Rahmenbedingungen überprüft werden. Für alle Beteiligten − Politik, Ärzte, Krankenhäuser und kassenärztliche Vereinigung − wird es in den kommenden Jahren noch sehr viel zu tun geben. Eckart Wetzel sieht immerhin einen Hoffnungsschimmer: “Das gesamte System der Notfallversorgung muss neu aufgestellt werden. Das hat zwar lange gebraucht, bis sich das in den Köpfen durchgesetzt hat, aber die ersten Vorschläge, die jetzt auf den Tisch kommen, gehen schon in die richtige Richtung.”

Bis dahin werden voll besetzte Notaufnahmen den Krankenhausalltag auch künftig noch weiter begleiten.


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Erstellt am Autor Rolf Lorig in Featured, Gesellschaft Hinterlasse einen Kommentar

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