“Wir wünschen uns nur Frieden, Frieden, Frieden”

Auf großen Plakaten stehen einfache Wörter und Sätze, die von den  Flüchtlingen in der Afa in der Luxemburger Straße gelernt werden. Foto: Gabi Böhm

Auf großen Plakaten stehen einfache Wörter und Sätze, die von den Flüchtlingen in der Afa in der Luxemburger Straße gelernt werden. Foto: Gabi Böhm

TRIER. Yasmin ist 18, sie stammt aus Somalia: Vollwaise, minderjähriges Folteropfer in einem libyschen Gefängnis auf der Flucht nach Europa. Muhammed (50) kommt aus Syrien. Sein Bruder wurde von Terroristen ermordet. Muhammed und Yasmin stehen für die Schicksale von 1.130 Asylbewerbern in den beiden Trierer Aufnahmeeinrichtungen für Asylbegehrende. Knapp 1.500 Menschen suchen aktuell Schutz in Rheinland-Pfalz. Im nächsten Jahr rechnen Fachleute mit 15.000 Asylsuchenden. Eine Reportage von Gabi Böhm

Es riecht nach Sauberkeit am frühen Morgen in der ehemaligen General-von-Seidel-Kaserne in der Luxemburger Straße. Bis zu ihrer Auflösung in 2009 spähten hier Soldaten des Fernmeldebereichs 70 mit elektronischer Kampfaufklärung den Osten aus. Jetzt schwingen etliche Afrikaner energisch die Putzlappen, scheuern mit Seifenlauge die Böden und eilen mit Eimern und Schrubber durch die Gänge. Etwa 370 Menschen, weit überwiegend Männer, wohnen in der Aufnahmeeinrichtung für Asylsuchende, kurz Afa. Geflohen vor Mord, Terror, Gewalt und Unterdrückung in ihren Heimatländern. Dass sich viele Bewohner morgens um neun Uhr in einem Versammlungsraum treffen, hat an diesem Tag einen besonderen Grund: Das Musikhaus Reisser spendet ein Klavier. Auch der aufgelöste Jazzclub EuroCore unterstützt das Musikprojekt mit Chorleiter Martin Folz. Musik und einfache Liedtexte sollen helfen beim Deutschlernen. An der Wand hängen große Plakate mit einfachen deutschen Sätzen: “Wie geht es Dir? Super. Gut. So lala”, steht da. Und noch andere Befindlichkeiten sind zu lesen: “Ganz mies. Schei….” Eine korrekte Wiedergabe der Gefühlsachterbahn von Flüchtlingen.

Die Eingangspforte in der Luxemburger Straße: Um Flüchtlinge und  ihre Familien zu schützen, wurden sie nicht fotografiert. Foto: Gabi Böhm

Die Eingangspforte in der Luxemburger Straße: Um Flüchtlinge und ihre Familien zu schützen, wurden sie nicht fotografiert. Foto: Gabi Böhm

Es fallen reichlich warme Worte: Etwa vom Kulturdezernenten Thomas Egger oder von der Präsidentin der Aufsichts- und Dienstleistungsdirektion Dagmar Barzen, deren deutsche Ansprachen nur von den wenigsten Bewohnern verstanden werden. Sie erkennen dennoch die Geste, einer bedankt sich stellvertretend für alle herzlich auf Englisch. “Shukran”, heißt es später öfter, und immer wieder “Salam.” “Danke” und “Frieden”. Die zwei Wochenstunden Musik und der Deutschunterricht sind freilich nur minimale Ansätze. Mehr Kultur-, Sprach- und Integrationsangebote für Flüchtlinge sind dringend von Nöten. Man überlege, Fußballtraining mit Flüchtlingen anzubieten, sagt Ortsvorsteher Hans-Alwin Schmitz. Allerdings erschwere die mittlerweile recht kurze Aufenthaltsdauer von vier bis fünf Wochen das Integrationsbemühen.

Bis zu 200 kommen täglich

Erst seit wenigen Tagen ist der Syrer Abdul in der Luxemburger Straße. Das Essen sei okay, die Unterkunft auch. Sein kleines Zimmer ist mit zwei Doppelstockbetten, einem Tisch und einem kleinen Spint sauber, aber sehr beengt. Der 25-Jährige hofft, nach wenigen Wochen in irgendeiner rheinland-pfälzischen Stadt unterzukommen. “Koblenz, Kaiserslautern…”, zählt er auf. Was er nicht weiß: Oft landen die Asylsuchenden in abgelegenen Dörfern. Dort kümmern sich viele Dorfbewohner manchmal rührend um die Neuankömmlinge. Sprachbarrieren, kulturelle Unterschiede, keine Einkaufsmöglichkeiten und zu wenig Geld, um mit dem Bus zu (Sprach-)Bildungsangeboten größerer Städte zu kommen, machen aus dem Dorfleben eine quälend lange Hängepartie – es können drei Jahre vergehen, bis der Asylsuchende weiß, wie es mit ihm weitergeht.

Bis zu 200 Menschen kommen täglich in der Afa in der Dasbachstraße an. Eisiger Wind, Regen, übermüdete Gesichter von Menschen, die mit einem örtlichen Busunternehmen gerade zur Luxemburger Straße gebracht werden. “Wir haben noch Platz”, sagt Bernhard Jocher, der die von der Caritas geführte Einrichtung in Euren leitet. Infozettel informieren mehrsprachig die Bewohner über die hiesigen Regeln. Es wirkt sauber in den Kasernen, in der Teestube herrscht bei Halma-Spiel und Unterhaltung eine freundliche Atmosphäre.

Die Studentinnen Elvira Hoffmann (links) und Sophie Kess arbeiten  in der Teestube der Dasbachstraßen-Afa. Foto: Gabi Böhm

Die Studentinnen Elvira Hoffmann (links) und Sophie Kess arbeiten in der Teestube der Dasbachstraßen-Afa. Foto: Gabi Böhm

760 Menschen sind es mittlerweile in der Dasbachstraße – davon 250 Kinder. “Wir stehen mit den Arbeitskapazitäten mit dem Rücken zur Wand”, bestätigt Frank-Peter Wagner, Leiter der Dasbachstraßen-Afa. Es gibt eine Spielstube für Kinder, wo sie betreut werden können, auch Deutschunterricht von zwei Ehrenamtlichen. Zur Schule gehen müssen die Kinder nicht während ihrer Zeit in der Afa. Gleich neben der Spielstube ist ein Aufenthaltsraum, wo zwei studentische Honorarkräfte Tee ausgeben. Ab und zu würden sich nette Gespräche und Kontakte ergeben, erzählen die beiden Studentinnen. “Die sind total lieb und nett!” Mit “die” meinen sie die Männer, die zu dieser Stunde in dem aufgeheizten Raum zusammensitzen und reden. Über ihre Probleme mit ihren Papieren, über ihre Hoffnung, dass es ihrer Familie in Syrien gut geht und man sich jemals wiedersieht. “Deutschland ist gut!”, sagt Muhammed und wiederholt mehrmals seine Dankbarkeit, in Deutschland zu sein. “Wir wünschen uns nur eines: Frieden, Frieden, Frieden!”, bekräftigt der Moslem. Probleme in dem engen Miteinander von Menschen aus Syrien, Eritrea, Afghanistan, Iran oder Serbien sieht er nur wenig (“Nur ein bisschen Ärger”).

Die Zimmer für die Bewohner sind zwischen 15 und 34 Quadratmeter groß, belegt von zwei bis zehn Flüchtlingen. Das langsame Internet, zu wenig Brot oder Ärger mit einem falsch übersetzenden Dolmetscher sind aktuelle Sorgen von Muhammed und seinen Freunden. Dabei gibt es durchaus Probleme wie etwa eine unzulängliche ärztliche Versorgung, wie Flüchtlingsschutzorganisationen kritisieren. Während der Afa-Zeit müssen sich die Menschen einer Gesundheitsuntersuchung unterziehen.

Unkenntnis schürt Ressentiments

Für akute gesundheitliche Beschwerden gibt es fünf bis sechs Krankenschwestern in der Dasbachstraße, die von sieben bis 17 Uhr bereit stehen, erklärt Wagner. Drei praktische Ärzte kümmerten sich jeweils zwei Stunden um die Menschen. Die Kostenübernahme vom Land gelte nur für Schmerz- und Akutbehandlungen, nicht aber für chronische Erkrankungen. Und dazu zählen nun mal auch Traumatisierungen, an denen viele Asylsuchende fraglos leiden. “Das ärztliche Ermessen lässt sich sehr breit auslegen”, sagt Frank-Peter Wagner. Über diesen Umweg ließen sich auch chronische Krankheiten behandeln. Zudem versuche man mit dem medizinischen Erstversorgungsprogramm Medeus Traumatherapien zusammen mit dem Mutterhaus aufzubauen. Auch die Impfungen würden gut angenommen, mittlerweile würden sich 80 Prozent der Afa-Bewohner freiwillig impfen lassen. Soweit die Erfolgsmeldungen.

Kasernencharme in der Luxemburger Straße: Früher spähten Soldaten  in der General-von-Seidel-Kaserne den Osten aus. Foto: Gabi Böhm

Kasernencharme in der Luxemburger Straße: Früher spähten Soldaten in der General-von-Seidel-Kaserne den Osten aus. Foto: Gabi Böhm

Eines von vielen Problemen sind die Kakerlaken zum Beispiel, die nicht ausreichend bekämpft werden können, weil stärkeres Gift auch für die Bewohner schädlich wäre, berichtet Markus Pflüger vom Trierer Friedenszentrum. Das Problem sei so alt wie die Kasernen selbst, bestätigt Wagner und macht mangelnde Disziplin der Bewohner dafür verantwortlich. Mittlerweile gibt es Reinigungsdienste für Flure und Treppen. Auch Fahrräder dürfen die Flüchtlinge nicht benutzen: Sie hätten keine Erfahrung mit der deutschen Straßenverkehrsordnung, wurden in der Vergangenheit mit Hehlerware bedient, hatten keine Versicherung, das gab Ärger bei Unfällen und schürte deutsche Ressentiments und so weiter und so fort. Ob da nicht etwas organisatorischer Wille fehlt? “Es gibt so viele Menschen, die sich ehrenamtlich engagieren wollen”, sagt Markus Pflüger.

Wagner rechnet mit 15.000 Flüchtlingen im Jahr 2015 in Rheinland-Pfalz. Die meisten dieser Menschen kämen aus anderen Bundesländern wie Bayern oder NRW, die für Flüchtlinge attraktiver seien und nun aufgrund der Quotenregelung ins Land der Rüben und Reben kommen. Wie Abdul in der Luxemburger Straße, der fleißig in seinem Arabisch-Deutsch-Buch blättert. Er ist allein hier, hat kaum etwas mitgebracht. Seine Eltern sind in Syrien, erzählt er. Höflich hält er die Türen offen, bemüht sich, deutsche Vokabeln zu finden, ist zuvorkommend. Zum Abschied greift er in seinen Spint und verschenkt einen Schokoriegel – einen von zwei letzten in einer arabischen Packung. “Bitte”, sagt er und “Auf Wiedersehen!” (gb)


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Erstellt am Autor Gabi Böhm in Featured, Gesellschaft, Politik Hinterlasse einen Kommentar

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