Wunschfahrplan bringt Vereinbarkeit von Familie und Beruf

Olivia Weselin ist hinter dem Steuer eines Busses in ihrem Traumjob angekommen. Fotos: Rolf Lorig

TRIER. Frauen am Steuer eines Busses, längst ist das auch in Trier kein neues Bild mehr. Bei den Verkehrsbetrieben der Stadtwerke Trier (SWT) sind inzwischen etliche Frauen im Einsatz, werben sogar teilweise großflächig auf Bussen und Plakaten für diesen Beruf. Doch wie ist das so, wie wird man als Frau von anderen Verkehrsteilnehmern respektiert? Wie verhalten sich die Fahrgäste? Fragen, die Olivia Weselin, Busfahrerin bei den Verkehrsbetrieben der SWT, Rolf Lorig bei einem Gespräch beantwortet hat.

Die Geschichte von Olivia Weselin beginnt in Innsbruck, denn die 44-Jährige ist eine gebürtige Österreicherin. Eigentlich ist sie gelernte Einzelhandelskauffrau. Doch schon immer fühlte sie sich zu Berufen hingezogen, die vorwiegend von Männern ausgeübt werden. 2011 war es dann soweit. In Innsbruck sah sie auf einem Bus, dass die dortigen Verkehrsbetriebe Personal suchten. Also erwarb sie den Busführerschein. Die Hälfte der Kosten musste sie selbst tragen, die andere Hälfte übernahm ihr Arbeitgeber. Einige Jahre war sie mit dem Bus unterwegs, bildete sogar selbst aus. Doch dann war es wieder mal Zeit für einen Wechsel: “Die Lebenshaltungskosten in Innsbruck waren extrem hoch.” Also hielt sie Ausschau nach einer Veränderung in ihrem Leben. Und die ergab sich bei einem Urlaub in Trier. Auch hier sah sie die Busse mit den Stellenanzeigen. Olivia Weselin horchte bei den Verkehrsbetrieben unverbindlich nach. Und bekam rasch eine Zusage.

Im Sommer 2017 siedelte die Familie nach Trier um, und im August startete sie beim neuen Arbeitgeber. Wie erlebt sie den Stadtverkehr in Trier? Die Antwort kommt wie aus der Pistole geschossen: “Viel ruhiger als in Innsbruck. Besonders an den Ampeln scheinen die Menschen hier ungleich mehr Zeit zu haben.” Weselin lacht vergnügt. Man merkt der Frau an, dass sie sich in der Römerstadt und bei ihrem neuen Arbeitgeber wohlfühlt. Doch wie ist das so, wie bringt man Familie und Beruf unter eine Decke? Wieder dieser vergnügte Blick: Hier gibt es einen “Wunschfahrplan”, berichtet sie, womit der Arbeitgeber auf genau diesen Interessenkonflikt reagiert und so die scheinbare Unvereinbarkeit dann doch zu einem glücklichen Ende führt.

Vor dem Start kontrolliert die Fahrerin erst alle wichtigen Funktionen ihres Fahrzeugs.

Eine Chance für weitere Frauen

Rund 170 Busfahrer haben die Verkehrsbetriebe, 20 davon sind Frauen. “Eine Zahl, die – wenn es nach mir geht – gerne noch wachsen kann”, sagt Michael Schröder, der als Prokurist und Bereichsleiter für die Verkehrsbetriebe verantwortlich zeichnet. Olivia Weselin hat ihre Zweifel, dass dieses Verhältnis sich schnell ändern wird: “Frauen haben auch heute noch oft zu wenig Selbstbewusstsein, um den Busführerschein zu erwerben”, meint sie. Und Michael Schröder fällt ein weiterer Grund ein: “Das Berufsbild ist in der Öffentlichkeit nicht so bekannt.”

Kurz vor der Jahrtausendwende, Anfang 1999, fing die erste Frau bei den Verkehrsbetrieben an. Zum Ende des Jahres gesellte sich eine Kollegin dazu. Dann war erst mal Ruhe. Doch nicht für lange. 2001 ging es weiter, es kamen neue Kolleginnen dazu.

Die Erfahrungen, die Schröder mit dem weiblichen Personal gemacht hat, könnten nach eigener Aussage besser nicht sein. Er schätzt die Ruhe und Unaufgeregtheit, mit der die Frauen im Straßenverkehr unterwegs sind. “Die Aufgabe aller Busfahrer, egal ob Mann oder Frau, ist es, Unfälle zu verhindern statt sie zu provozieren”, sagt Olivia Weselin.

Dass Frauen Busse lenken, war noch vor 25 Jahren eher die Ausnahme. Allerdings hing das auch damit zusammen, dass man zu jener Zeit vorher den Berufskraftfahrer-Schein machen musste und erst nach einer gewissen Praxis dann den Führerschein D, wie er heute heißt, in Angriff nehmen konnte. Doch das ist seit einigen Jahren Vergangenheit, diesen Umweg muss niemand mehr gehen.

Neue Wege beschreiten aber auch die Verkehrsbetriebe. “Wer sich früher bei uns bewarb, brachte den Lkw-Führerschein bereits mit, den man bei der Bundeswehr oder beispielsweise der Feuerwehr erworben hatte”, erinnert sich Michael Schröder. Doch das komme heute kaum noch vor, “die üblichen Führerschein-Schmieden liefern nicht mehr”.

Sucht Busfahrer mit Begeisterung: Verkehrsbetriebechef Michael Schröder

Neu: Dreijährige Berufsausbildung

Also müssen die Verkehrsbetriebe selbst ausbilden. Was den Vorteil für die künftigen Fahrer hat, dass keine Kostenbeteiligung damit einhergeht. Mehr noch: “Wir werden in diesem Jahr erstmals einen ganz neuen dreijährigen Ausbildungsberuf anbieten: Fachkraft im Fahrdienst”, berichtet Michael Schröder. Diese Ausbildung beinhaltet dann mehr als nur den Busführerschein, die Kandidaten werden während ihrer Ausbildung die Verkehrsbetriebe in all ihren Facetten, von der Werkstatt über die Verwaltung bis ins Kundenbüro, kennenlernen.

Doch zurück zu Olivia Weselin. Wie wurde sie 2017 von ihren männlichen Kollegen in Trier empfangen? Da gebe es keine negativen Erinnerungen, sagt sie. Im Gegenteil, alles sei ganz selbstverständlich gewesen.

Und wie reagieren die Fahrgäste auf die Busfahrerin? “Vor allem ältere Menschen reagieren da sehr positiv, die schätzen einen gefühlvollen Fahrstil.” Und wenn es mal im Bus hoch hergeht, kann sie sich da durchsetzen? Wieder schmunzelt Olivia Weselin: “Das kommt darauf an, wie man an die Sache herangeht. Bei Männern besteht die Gefahr, dass ihr Eingreifen die Stimmung aufheizen könnte. Frauen wirken schon alleine von ihrem Naturell her deeskalierend.” Gilt das auch für den Straßenverkehr, wenn sich mal wieder ein Pkw-Fahrer im Recht fühlt? “Ja, auch da. Doch das gilt auch für meine männlichen Kollegen. Wer wie wir acht Stunden am Tag hinter dem Lenkrad sitzt, hat eine andere Sicht der Dinge. Man lernt, potenzielle Gefahren viel früher zu erkennen, man fährt viel verhaltener.”

Bleibt zum Schluss noch eine Frage: Wie verhält es sich mit der Bezahlung? Bekommen Frauen das gleiche Gehalt wie ihre männlichen Kollegen? Michael Schröder schaut irritiert: “Weshalb sollte es da Unterschiede geben? Bei uns gibt es die nicht.”


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Erstellt am Autor Rolf Lorig in Featured, Gesellschaft Hinterlasse einen Kommentar

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