Zu zaghafte Stimmen für Freiheit und Demokratie

Unter der Moderation von Ralf Britten (rechts) diskutierten Mars Di Bartolomeo (links) und Norbert Lammert. Fotos: Rolf Lorig

ECHTERNACH. Wie charakterisiert man den Zustand des heutigen Europas, wenn dafür nur zwei Sätze zugelassen sind? Kein Problem für Norbert Lammert, den früheren Präsidenten des Deutschen Bundestages. “Noch nie war Europa in einer besseren Verfassung als heute.” Und: “Noch nie war die europäische Union in einer miserableren Verfassung als jetzt.” Ein Widerspruch? Mitnichten. Denn mit zwei Sätzen alleine geht es dann doch nicht, was Lammert in der Folge dann auch zu erklären wusste. Über 250 Besucher waren am Montag ins Trifolion gekommen, um dort in der “Horizonte”-Reihe ein Gespräch mit den beiden früheren Parlamentspräsidenten Norbert Lammert (Deutschland) und Mars Di Bartolomeo (Luxemburg) zu verfolgen. Ein hochspannender Abend, der deutlich mehr Zuhörer verdient gehabt hätte.

Von Rolf Lorig

Ralf Britten, Direktor des Echternacher Kultur- und Veranstaltungszentrums Trifolion, kann es nicht verstehen: “Haben wir denn nichts aus der Geschichte gelernt? Reicht unsere Erinnerungskultur nicht aus?” Was den Moderator des Abends derart in Rage bringt, sind die täglichen Angriffe auf den Rechtsstaat. Was ihn zu der Frage führt: “Wertschätzen wir Freiheit erst, wenn sie in Gefahr ist?” Für Mars Di Bartolomeo eine berechtigte Frage: “Wir erleben in der heutigen Zeit mit, wie Demokratien in sicher geglaubten Staaten unterhöhlt werden.” Das Perfide daran: “Die agierenden verantwortungslosen Kräfte werden durch demokratische Wahlen gestärkt und in entsprechende Positionen gebracht.” Dass so etwas möglich ist, lasse den Schluss zu: “Freiheit und Demokratie werden nicht mehr als etwas Außergewöhnliches gelebt.” Gerade deshalb sei es erforderlich, die Menschen zu sensibilisieren und an ihre politische Verantwortung zu erinnern. Doch er erlebe immer wieder: “Die Stimmen, die sich für Freiheit und Demokratie einsetzen, klingen allzu oft zaghaft.”

“Für viele Menschen ist das Wahlrecht eher eine lästige Pflicht als ein Privileg”, sagt Norbert Lammert

“Die Demokratie ist kein sich selbst erhaltenes System”

Nein, es genüge nicht, Politiker in der alleinigen Verantwortung für den Erhalt der der Demokratie zu sehen, sagt Norbert Lammert. “Die Demokratie ist kein sich selbst erhaltenes System. Sie steht und fällt mit dem Engagement der Bürger.” Und löst damit auch einen Teil seines eingangs erwähnten Statements auf, weshalb sich Europa in einer miserablen Verfassung befindet. Der Trump’sche Satz “America first!” sei längst die heimliche Nationalhymne in den meisten europäischen Staaten geworden. Egoismen seien an die Stelle des Wir-Gedankens getreten, der noch bei früheren Generationen zum Aufbau des Europas geführt habe, das wir heute alle kennen. Lammert teilt die Auffassung seines Freundes und Ex-Kollegen Di Bartolomeo, wonach Demokraten sich gegen solche Strömungen wehren und in die Offensive übergehen müssen und zitiert den Philosophen Jean-Jacques Rousseau: “Der Mensch wird frei geboren und überall liegt er in Ketten.”  Vor diesem Hintergrund dürfe man nicht vergessen: “Nie zuvor in seiner 2500-jährigen Geschichte hat es in Europa in allen Ländern freie Wahlen gegeben, nie zuvor hatten die Menschen die Chance, derart über ihre weitere Zukunft zu entscheiden.” Weshalb sich folglich Europa auch nie zuvor in einer besseren Verfassung befunden habe.

Mars Di Bartlomeo, ein ehemaliger Journalist, der zwölf Jahre lang für die zweitgrößte luxemburgische Tageszeitung “Tageblatt” gearbeitet hatte, weiß genau, wann die Demokratie am meisten gefährdet ist: “Wenn die Menschen beginnen, sie als selbstverständlich zu betrachten.” Lammert nickt bestätigend: “Was in vollem Umfang auch für die Freiheit gilt.”

Beide Politiker können und wollen nicht verstehen, dass das “Wahlrecht für viele Menschen eher eine lästige Pflicht denn ein echtes Privileg” ist. Diese Einstellung öffne den Kräften, denen wesentliche freiheitliche Errungenschaften wie Presse-, aber auch Wahlfreiheit ein Dorn im Auge sind, Tür und Tor. Ein Blick auf die Geschichte der Weimarer Republik zeige, dass es nicht am Text der Verfassung gelegen habe, dass diese Demokratie gescheitert sei, “wohl aber am unzureichenden Engagement der Menschen.”

“Die Gegner der Demokratie nutzen demokratische Strukturen zum Erreichen ihrer Ziele.” Mars Di Bartolomeo

Brauchen Menschen, die sich für das Gemeinwohl einsetzen

Ein weiteres Beispiel für die Gefahr unsere Demokratie sieht Mars Di Bartolomeo in der abnehmenden Bereitschaft der Menschen, sich für das Gemeinwohl einzusetzen. Was schon alleine der Mitgliederschwund der Gewerkschaften veranschauliche. Auch der anhaltende Auflagenschwund bei den Tageszeitungen besorgt den früheren Journalisten, der allerdings zugeben muss, dass auch seine Kinder das Medium Tageszeitung längst als Auslaufmodell betrachten.

Wie man dieser Entwicklung denn begegnen könne, will ein Gast aus dem Publikum wissen. Erneut zeigen sich Lammert und Di Bartolomeo in der Sache einig. Damit müsse bereits im Elternhaus begonnen und in der Schule fortgeführt werden. Zum Thema Schule hat der luxemburgische Ex-Präsident denn auch gleich eine gute Idee: ein neues Schulfach einrichten, das den Namen Europa trägt…

Am Ende des Abends gab es eine Menge nachdenkliche Gesichter. Viele der Gäste nutzten die Gelegenheit im Foyer noch zu einer Diskussion in kleiner Runde. Eine tolle Veranstaltung, lautete das Fazit. Aber ein kleines Haar in der Suppe fand sich dann doch: Statt der Pause hätte man die Diskussion unter Einbeziehung des Publikums besser weiterführen sollen, meinten einige der Besucher, bevor sie sich dann wieder auf den Weg nach Hause machten.


Drucken
Erstellt am Autor Rolf Lorig in Featured, Gesellschaft, Trifolion Hinterlasse einen Kommentar

Hinterlasse einen Kommentar

* Eingabe erforderlich (Pflichtfelder). Die Redaktion behält sich vor, Lesermeinungen zu kürzen. Es besteht kein Anspruch auf die Veröffentlichung Ihrer zugesandten Meinungen. Die Angabe eines Klarnamens ist nicht erforderlich.